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Der Israelit · 1900-01-25 · Heft 8 (25.1.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 8 (25.1.1900)
Date
1900-01-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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J P l]l ü yjj«! 4L Jahrgang. Zweite Seilllge 8 des „Israelis. Leitender Artikel. SUe Folge einet Wlslhehe jivllUll oithodom nnö orologm GlMllldk«. Den refornisüchtigen Juden der auf orthodoxer Lasis konstituirten Eultusgemeinde in ^Neutra gelang ewieder einmal, sich die Majorität im Vorstande zu sichern. Die ehrlichen Orthodoxen glaubten der gerechten Sache damit dienlich zu sein, daß sie sich in den Schmollwinkel zurückzogen. Da erachteten nun die Neologen das Terrain genügend vorbereitet, um das Zer störungswerk auch offiziell zu inszeniren. Wenn man sich hier in Ungarn anschickt, der orthodoxen Judenschaft oder auch nur einzelnen orthodoxen Gemeinden religiöse Reformen ausdrängen zu wollen, so geschieht dies regelmäßig unter der Flagge des Patriotismus. Man glaube aber ja nicht, daß etwa nichtjüdische Behörden die Initiative hierzu ergreifen. Diese würden sich wahrhaftig um Predigt und Ritus in der Synagoge wenig kümmern, wenn nicht die patentirten jüdischen Patrioten ihre glühende Vaterlandsliebe an die große Glocke hängen wollten, um unter diesem Vorwände die gesetzlich gewährleisteten Rechte der Orthodoxen zu konfisziren. Es braucht in diesen Blättern nicht erst hervorgehoben zu werden, daß deni gesetzestreuen Juden der Patriotismus nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine religiöse Pflicht ist. Noch im Jahre 1868, als die hierländische orthodoxe Organisation landesgesetzlich gegründet wurde, haben die damaligen G'onim. K ' tav Szofer, Rabbi Jeremias L ö w und Rabbi Menachem A s ch s. A., zwei Postulate der Orthodoxie ini Programm der Verfassung hervorgehoben: Befolgung der schriftlichen und mündlichen Thora in Lehre und Leben auf Basis des Schulchan-aruch und Pflege der ungarischen Sprache und Cultur unter den gesetzestreuen Juden. Wer die vollendete Wahrheitsliebe dieser Zadikim kennt — und welcher gläubige Jude kennt sie nicht — weiß es, daß es diesen Männern um beide Grundsätze heiliger Ernst gewesen. Schwindel und Heuchelei, in welcher Form immer, war ihnen ein Gräuel. Und die letzten dreißig Jahre beweisen cs, daß die gesetzestreuen Juden Ungarns diesen Weisungen, ihren patriotischen Pflichten voll und ganz entsprochen haben. Es wurden im Verlause der Jahre unzählige Volks- und mehrere Bürgerschulen in orthodoxen Gemeinden gegründet und sämmtliche Anstalten functioniren mit ungarischer Unterrichtssprache. Ja, es gibt ganze Gegenden im Bereiche der ungarischen Krone, wo die orthodoxen Juden die einzigen Träger und Verbreiter ungarischer Sprache u. Enltnr sind. Es haben dies auch Behörden und Re gicinngen wiederholt mit Genugthuung hervorgehoben. Nur die offizielle Neologie begnügt sich nicht mit den patriotischen Resultaten der Orthodoxen. Es wird in den Synagogen der Geseßcstreuen zum weitgrößten Thcile nicht in ungarischer Sprache gepredigt und darob blutet das Herz der jüdischen Arpade und Attilas. Die Sache verhält sich nämlich so. In orthodoren Synagogen ist die Predigt nicht ein Lurnsstück. Der Rabbiner bemüht sich, über die praktischen Pflichten des Juden und der Jüdin, über Thora und Mizwoth Belehrung zu ertheilen und die Zuhörer, Mann und Weib, jung und alt, wollen auch ernstlich belehrt sein. Nun gibt es noch keine Gemeinde in Ungarn, deren jüdische Familien in ihrer Gesammtheit nur die ungarische Sprache verstehen würden: wohl beherrscht aber in den meiften Kehilos der größte Theil der jüdischen Einwohner ausschließlich die deutsche Sprache. Und weil thatiächlich viele orthodoxe Rabbinen der ungarischen Sprache nicht in dem Maße mächtig sind, um in derselben öffentliche Vorträge halten zu können, ist es nur ein selbstverständliches Interesse religiöser Belehrung, die synagogalen Vorträge in herkömmlicher Weise zu halten, d. h. in einer Sprache, die der ganzen Gemeinde verständlich ist. Indessen kommt es häufig vor, daß auch in orthodoxen Gemeinden, besonders bei patriotischen Anlässen, in ungarischer Sprache gepredigt wird. Aber man eultiviri die ungarische Predigt nicht als Sport und mau treivl keinen Eultus in der Synagoge mit nichtjüdischen Honoratioren, weil das Gotteshaus nicht zu chauvinistischen Spielsächelchen, sondern in erster Reihe und hauptsächlich gottesdienstlichen Zwecken dienen soll. Und keine Religion hat es noch als Ausgabe der Kirche bezeichnet, irgend eine Sprache zu kuliiviren. Das ist Sache des Staates, der Schule, der Gesellschaft außerbalb des Gotteshauses. In Ungarn wird in verschiedenen Kirchen zumindest in 15 Mundarten gepredigt. In Oberungarn, besonders in Zipsen, wird in fast allen katholischen und lutherischen Kirchen nur in deutscher Sprache gepredigt und doch ist der erprobte ungarische Patriotismus der Zipser Deutschen keinerlei Verdächtigung ausgesetzt. Nur unseren Neologen blieb es Vorbehalten, die ungarische Predigt als Hauptprinzip der ungarischen Judenheit zu deklariren. Seit dreißig Jabren werden von der Kongreßkanzlei und ihrer Presse die gesetzestreuen Rabbiner förmlich d e n u n c i r t, daß sie aus religiösem Fanatismus die Landessprache nicht würdig genug halten, um in derselben in der Synagoge zu predigen und lieber die Sprache eines fremden Staates vorziehen. Mit solchen M'ßiroß bemühen sich die Reformhelden, der ungarischen Regierung plausibel zu machen, daß es nicht im Interesse des Staates

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