Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 8 (25.1.1900)
- Date
- 1900-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. M s. Der Zsraelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orlhodoXe Zudenlhum. Begründet von Dr. fe^manu in Üttain;. Donnerstag, den 25. Januar 5660 (I960). sür Iwet Wtsvk abonnirt man bei allen Postanstalten für den Monat Februar u. Harz auf den „Imraeitt“. Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzetiig am Post-ZeitunaSschalter deS Wohnsitzes des Bestellers oder bei dem bettestenden Landbriefttäaer aufgegeben werden. Ausland entsprechend höher. Sie Expedition des „Isroelw^. Leitender Artikel. Rückblick. --WS- Mainz, 24. Jan. V. (Schluß.) Wir haben an einigen hervorragenden Erscheinungen der jüngsten hundert Jahre die Bedeutsamkeit des Jahrhunderts für Juden und Judenthum uns zu vergegenwärtigen gesucht. Eine eingehende Würdigung dessen, was dieses Jahrhundert uns Juden bedeutet, erfordert jedoch eine Darstellung in großen Bänden. Innerhalb des knappen Rahmens einer Zeitschrift kann es sich nur um eine skizzenhafte Aufzählung der wichtigsten hierher gehörigen Momente handeln, und selbst diese kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber füglich soll ein solcher Rückblick eben nur ein Blick sein, der dem ihm folgenden Leser das Sehfeld, die Perspective eröffnet, um ihn nur zu veranlaßen, selber seine Augen zu gebrauchen. Was auf Grund solcher Selbsteinsicht jeder Einzelne selber in sich aufnimmt und urtheilt, wird viel tiefer Wurzel schlagen und nachhaltiger wirken, als das, was ein anderer für ihn sieht. Wir wollen dies an einzelnen Beispielen zeigen, die Jeder selbst suchen und tausendfältig vermehren kann. Wir haben darauf hingewiesen, wie unser Geschick in uns selber ruht, wie Gottes Vorsehung unser Wohl und Weh nach der Art und Weise gestaltet, in der wir zu unserer jüdischen Lebensaufgabe, zur Erfllung von Thora und Mizwa stehen. Der Beweis hierfür liegt im Leben des Tages nicht immer so offen da, daß er von Jedem erkannt und beherzigt werde. Wenn aber der Blick ein ganzes Jahrhundert umfaßt und uns zum Beispiel zeigt, daß von demselben Berlin, von welchem. im ersten Viertel dieses Jahrhunderts der Abfall vom Väterglauben ausging und dann als Reform des Judenthums die jüdischen Gemeinden verheerte, daß von demselben Berlin aus im letzten Viertel dieses Jahrhunderts der Antisemitismus sein Haupt erhob und seine Gistsaat weit über das deutsche Reich hinaus streute, so liegt darin eine ergreifende Seite der göttlichen Waltung, die sich von keiner Zeit und keinem Zeitgeist ihr Erbe entreißen läßt, die selbst nicht die Mitwirkung von Thoren und Verbrechern verschmäht, um uns zur Selbstbesinnung zu bringen. Oder, wenn in Frankreich, das am Anfang dieses Jahrhunderts die Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Welt verkündete und sie auf die Juden in hochherziger Weise anwendete, wenn in demselben Frankreich am Ende des Jahrhunderts Juden verfolgt, geplündert und todtgeschlagen weiden, wer kann diesen Blick vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts schweifen lassen, ohne auf diese große Wahrheit hingewiesen zu werden? Noch mehr als in Deutschland haben unsere Brüder in Frankreich den Bruch vollzogen und das Band zerrissen, das sie mit ihrem himmlischen Vater verbindet. Noch nachhaltiger als in Deutschland haben sie aber auch die Wucht der Ereignisse empfunden, die bestimmt sind, sie zu Gott und ihrem verschmähten jüdischen Lebensberuse wieder zurückzuführen. Wer aufmerksam die Geschichte seines Volkes, ja,