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Der Israelit · 1900-01-11 · Heft 4 (11.1.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 4 (11.1.1900)
Date
1900-01-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4L Jahrgang. Zweite Beilage }xtM 4 des „Israelit". Leitender Artikel. Die llntiskmltische» Vorgänge in Australien. S i d n e y , im Dez. Jede Zeitepoche hat gewisse charakteristische Erscheinungen, die nicht auf einzelne Länder beschränkt bleiben, sondern sich verallgemeinern; zu diesen rechne ich den Antisemitismus. Mein langer Aufenthalt in Australien, Afrika, Westindien und in den einzelnen Staaten Europas haben mir gezeigt, daß die antisemitische Belvegung sich wie eine Seuche von einem Herde ausbreitet und allmählich die anderen Nationen inficirt. Vor etlva 12 bis 15 Jahren war in England, in dessen Kolonien, auch in Frankreich keine antijüdische Strömung zu bemerken, sie würde auch mit Hohngelächter zu Grabe getragen worden sein. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, von dem Herde dieser reaktionären, intoleranten Strömung, Oesterreich und Deutschland, ist sie hinausgedrungen in die fernsten Erdtheile und treibt — von Frankreich nicht zu reden -- sogar in den australischen Kolonieen die üppigsten Blüthen. Der Nährboden dieser Giftpflanze ist die Unzufriedenheit der besitzenden und zurückgedrängten christlichen Klassen, welche sich in die neuen Produktions- und Handelsverhältnisse, die eine intensivere Thätigkeit, eine zielbewußtere Schaffenstraft erfordern, nicht hineinfügen können. Man möchte in den agrarischen, sowie in den Handwerker- und Kleinhandelskreisen den alten Schlendrian fortfuhren, bequem und bezw. ausschweifend leben und trotzdem im Wettbewerbe siegreich dastehen. Die Zeit im Bier- oder Weinhause zubringen, zeitigt keine industriellen oder kommerziellen Erfolge, und daher steht der Schlemmer stets dem Nüchternen nach. Diese Thatsache und die fortwährend zunehinende Lockerung der ehelichen Bande in christlicher Familie, die Vergeudung von Vermögen vor Gründung eines eigenen Haushaltes waren die Ursachen eines partiellen Verfalles vieler christlicher Familien, die mit Neid nun beobachteten, wie ihr jüdischer Konkurrent prosperirte. Die löblichen Eigenschaften, die ihm dieses ermöglichten: Häuslichkeit, Zucht und Nüchternheit, verwandelten sich in den Augen der Neider nun plötzlich in Fehler, und es erscholl der Ruf: Nieder mit den Juden! Von Berlin und Wien, wo Adel und ein Theil des Beamtenstandes das wahre Treibhaus für das Unkraut Antisemitismus infolge Erziehung, Lebensweise und Anschauung bildeten, verbreitete sich die antijüdische Bewegung mit Windeseile nach allen Richtungen und hat in Frankreich, das bisher so religiös tolerant war, daß gerade das Juden thum ihm offen Zuneigung entgegentrug, die Krönung aller Skandale mit dem Dreyfus-Prozeß beschlossen. Traurig ist es, daß man nun auch in England und Australien die Anfangsstadien dieser religiösen Intoleranz beobachtete; gerade in der Kolonie Neu-Süd- Wales haben augenblicklich größere Bazargeschäfte, wie S. Hordorn & Sons, Farmer & Co. zu Sydney, die Lärmtrompete über jüdische Mache gegenüber der Konkurrenz ertönen lassen. Sie kolportiren allen Schmutz und Geiser, den Drumont'sche und andere antisemitische Winkelblätter aushecken und regen damit die bisher durchaus tolerante ausstralische Geschäftswelt und Arbeiterschaft auf. Ich würde diese Ereignisse nicht erwähnen, da das jüdische Volk ja leider schon seit Jahrhunderten Verfolgungen aller Art gewöhnt ist, wenn nicht der Bewegung der Jndifferentismus unter den besser situirten Israeliten Vorschub leistete. Anstatt mannhaft aufzutreten, voll und offen ihr Bekenntniß aufrecht zu erhalten, suchen sogenannte Reformjuden eine Ablenkung der Volksstimmung dadurch herbeizusühren, daß sie ihre Religion gewissermaßen verleugnen. Der Inhaber einer der ersten Handlungshäuser der Hauptstadt von Neu-Süd- Wales behauptete kürzlich im Union-Club, nur die orthodoxen Juden seien in Europa das Ziel des Antisemitismus, da sie sich zur Uebervortheilung der Christen allerdings häufig herbeiließen; aber aufgeklärte Männer, wie er und der Queens Council S. z. B., sie kümmerten sich nicht um Vorschriften oder Vorurtheile des jüdischen Bekenntnisses, lebten wie die Christen, unbekümmert um Speisegesetze und anderen Unsinn. Eben diese verachtungswürdige Verleugnung der Religion bewirkt das Gegentheil der beabsichtigten Wirkung. Ein Engländer, Mr. I. Cunningnane, der die betreffende Aeußerung anhörte, sagte mir, Ivenn Jemand kein Antisemit ist, so muß er es werden, wenn er derartige Religionsverleugnungen hört. Ein Mann, der seinen Gott, seinen Glauben nicht ehrt, kann nicht gut sein. Ich möchte daher den Israeliten rathen, sich an das Panier ihres Glaubens zu halten, in ihm wieder zu siegen. Dr. K a l t - R e u l e a u x. Zeitungsnachrichten und Eorrefpondenzen. Deutschland. Aus Bayern, 9. Jan. Wie der „Israelit" in seiner Nummer 2 berichtet hat, machte in der jüngsten Sitzung des Central-Ausschusses des Rabbinerverbandes in Deutschland anläßlich der Erörterung der Frage nach Schaffung eines einheitlichen Lehrmittels für den

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