Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1900)
- Date
- 1900-01-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41.'Jahrgang. Beilage ju M 3 des Jtenwltt“. / Leitender Artikel. Morte des Nachrufs, gcsprocheii am Grabe WsE Dnnnkifs bi, von Dr. Ludwig Rofcnthal, Rabb. der S.-G., Köln. „Die Tage Israels nahten ihrem Ende," so lesen wir. verehrte Trauerversammlnng, zu Beginn der toinmenden Sidra, die den Namen des Lebens führt u. in der von Sterbenden nnd Todten so Mächtiges, Ergreifendes, Prophetisches uns mitgetheilt wird. Unsere Weisen aber bemerken zu „Wajikrewu", daß dieser Ausdruck allüberall gebraucht werde, wo einer unserer großen Altvordern die Tage seiner Väter nicht erreichte und zu früh ins Grab hinabsank, zu früh den Seinen und der Welt entrissen ward. Wajikrewu j'me Jisroel lomuß, so sprechen wir schmerzlich bewegt u. tief bekümmert an diesem Grabe; „eines JiSroel Tage nahten wiederum ihrem Ende," ein lvahrer Jisroel, ein Jehudi in des Wortes seltener Bedeutung, ein Mann, der eine große jüdische Vergangenheit in die Gegenlvart hincingebracht und in sich verkörvert hatte, ein solcher Mann ist uns jäh entrissen worden; wajikrewu, vor seiner Zeit ist er dahingegangen, zu friih für seine trauernde, ihm ebenbürtige Gattin, seinen schmerzgebeugten Kindern, seinen schwer getroffenen Geschwistern, zu früh für seine Freunde u. Anverwandten, zu früh, ach zu früh für alle, die Thoragelehrsamkeit, verbunden mit tiefer, innerlicher Gottesfurcht, zu schätzen und zu würdigen wissen u. in diesem Todten einen Jochid b'doro, eine geradezu einzigartige Persönlichkeit in Art, Wesen, Character, Wissen und Scharfsinn mit Hochachtung und Bewunderung erblickten. Wie kann ich, der ich nicht nur als Rabbiner und Freund, sondern als Leidtragender, als der Schüler möchte ich sagen, der einen Lehrer verloren hat, hinter diesem Sarge gefolgt bin, wie kann ich in kurzen Worten dem Geistesleben dieses Mannes gerecht werden und an dieser Bahre von der Größe eines Talmid Chochom Zeuaniß ablegen, der in den schlichten Grenzen seiner Lebensfübrung, in der Einfachheit und Bescheidenheit seiner Daseinsbethätigung doppelt und dreifach groß geworden ist? Als Jüngling hat er gelernt und gelehrt; als Mann ist er bei seinem geschäftlichen Berufe erst recht ein Lerner und ein Lehrer geworden und hat Thora mit Derech Erez, Gesetzesstudium und alltägliche Lebensfürsorge, in einer bewunderungswürdigen Weise mit einander verbunden. 2iv ’orrnuo k*v>i „er sah d i e Ruhe und sie war gut" heißt es von J§- achar in der kommenden Sidra; min n 2iv diese gute Ruhe ist die Lehre, bemerken unsere Midrasch-Weisen. „Seine Ruhe" war „gut" in jenem höchsten u. idealsten Begriffe. Wenn er des Tages über in seinem Geschäft und auf der Reife sich abgemüht und abgearbeitet hatte und die Abendstunden kamen, dann war sein Ausruhen seine Erholung nichts anderes, als jenes Gut, das im Worte „Thora" enthalten ist. Da schlug die Mitternachtsstunde und noch immer saß er am Sefer u. lernte, lernte mit jener Glut, Hingebung, Liebe, Aufopferung und Begeisterung, wie es in unseren Tagen kaum noch gefunden wird, sondern nur aus vergangener Zeit, fast wie eine verklungene Sage, zu uns herübertönt. Aber die Frucht einer solchen Thätigkeit blieb nicht aus -ciy roS vto heißt es weiter von Jsachar, „e r ward tributpflichti 9/ dö ho was ist das für ein Tribut, den er entrichtete? so fragen unsere Weisen;ei’o mrpao vn nn O'piv ins» 'bn n Das ist die Helacha, antworten sie. in der man sich irren konnte, in der man nicht recht Bescheid wußte, die verlangte und empfing man aus Jsachars Hand. Und auch aus Wolf Dünners Hand verlangte und empfing man m DW ihb> 'bn die Halacha. in der man fich irren konnte nnd nicht recht Bescheid wußte! Wie viele große jüdische Gelehrte, weit über Deutschlands Grenzen hinaus, haben sich an ihn gewandt, um seinen Rath zu hören und seiner Meinung sich zu vergewissern, ehe sie in den schwierigsten, religionsgesetzlichen Angelegenheiten ihre Entscheidung gaben? Wie war sein Scharfblick und sein Scharfsinn, seine Logik und sein erstaunliches Gedächtniß geachtet, gewürdigt u. gefürchtet! Galt ja auch von ihm, was dort der Midrasch weiter von Jsachar deutet, ins Kriegsthal stürzten seine Füße, — in das tiefe und weite Kriegsthal der Halacha! In deren Höhen und Tiefen war er zu Hause, wie kaum ein Zeitgenosse; da tummelte er sich mit frischer, kerniger Lebenskraft und einem fast ungestümen Jugendmuthe. Schaß und Poskim und insbesondere die großen neuzeitlichen Erklärer zu ihnen, sowie unsere gewaltigeResponsenlitteratur waren ihm in einer imponirenden Weise vertraut und mit der bis zur Todesstunde ungebrochenen Spannkraft des Denkers, des gebildeten Denkers, zog er aus ihnen kühn u. sicher die Nutzanwendung für praktische Fälle und leistete so Dienste für die Allgemeinheit, die umso größer waren, je verschwiegener sie geblieben sind. Daß ein solcher Kenner des Gesetzes dies Gesetz auch mit der ganzen Begeisterung eines wahren Jehudi erfüllte, daß Wolf D ü n n e r ein peinlich strenger Medaktik in der Ausübung jeder religiösen Pflicht gewesen ist, wer brauchte das noch zu betonen oder hervorzuheben? Als ein Zadik hat er gelebt und gelitten, als ein Zadik ist er gestorben. In seinem Leben sind ihm