Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1900)
- Date
- 1900-01-04
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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subjektiv genug gefärbten Forschungsresultate hineinzutragen. Sehr treffend ist auch die Bemerkung, daß die jüd. Geschichte allzu eng mit der Religion verknüpft ist, eine Geschichte der Juden zugleich Geschichte ihrer Religion ist. Darum theilte sich das Schwanken der Aufklärungszunft auch der Wissenschaft mit. Aus der Polemik Epsteins ist Folgendes hervorzuheben. Herr Eppstein sagt: „Ich will mich nicht in halachische Diskussionen einlassen"; statt „ich will nicht" hätte es eher heißen sollen „ich kann nicht"; denn wenn Herr Epstein an eine „Kritik" des Halevy'schen Buches gehen wollte, so mußte er auch sich in halachische Discussionen einlassen wollen! Darauf beruht ja die ganze epochemachende Bedeutung des Dorot Harischonim, daß hier der Verfasser völlig der sagenumsponnenen und sagendurchwirkten Geschichte, die in der Agada ihre Quelle hatte, den Rücken kehrt und sich dem bell sprudelnden, noch kaum benutzten Quell der Halacha zuwandte und hier unermeßliches Material für seine Forschung fand, so reich, daß es ihm schier unmöglich ist, alles zu benutzen. Und nun wollen wir die Schlußworte des Herrn Nacht citiren; sie zeugen von einer wahren, ungeheuchelten Begeisterung für das überlieferte Judenthum und seine Geschichte. Indem er mit seiner Kritik, die aus dem Zusammenhänge gerissen unverständlich ist, zu Ende ist, fährt er fort: „Hoffentlich wird Herr Halevy sein Versprechen halten und bald die übrigen Theile seines Dorot Harischonim der Oeffentlichkeit übergeben; dann mag unserer jüd. Jugend, die inmitten der neuen lebensvollen Bewegung im Judenthume steht, dieses Werk besonders warm empfohlen sein, denn da sehen wir unsere jüd. Geschichte, die uns begeistern und erheben soll, im Hellen, strahlenden Lichte der Wahrheit, entgegen der verstümmelten Geschichte, die Graetz in seinen 12 Bänden hinterlassen hai."8l Und Halevy arbeitet fleißig fort, es ist die beste Hoffnung, daß Halevy kommenden Frühling dem Publikum einen weiteren Band seines Werkes übergeben wird. Wir hätten zwar für den nicht hebräisch verstehenden Theil eine angenehme Ueberraschung, sind aber durch Discretion gebunden. Kennern sei die Schrift Nacht's auf's Angelegentlichste emvfohlen. G. F. ZeltungSnachrrchlen und Correfponderrzerr Deutschland. Ans dem Rabbinatsbczirk Breiten.*) Am ersten Dezember fand in Eppingen eine Conferenz der Religionslehrer des Bezirksrabbianats Breiten statt, bei wel- 8) Wir sind in der angenehmen Lage mittheilen zu können, daß ein neuer Theil von Doroth Horischonim im Manuskript bereits vollständig fertig ist, und daß die ersten j Bogen sich bereits im Drucke befinden. Red. d. Jsr. *) Durch die Red. d. Bl. verspätet. I | cher unter anderem ein für den Religionsunterricht sowohl, als auch namentlich zur wissenschaftlichen Aneignung des Lehrers wichtiges, aber seither recht vernachlässigtes Thema: „Das jüdische Kalenderwesen" zur Besprechung kam. Das Thema wurde von mehreren Herren gründlich und ausführlich bearbeitet, aber wegen beschränkter Zeit nur die zuerst eingelaufeneu Arbeiten der Herren E i ch st e t t e r—Eppingen, Levy Berwangen u. K a h n-—Jöhlingen zum Vortrag gebracht. Der Vorsitzende, Herr Bezirksrabbiner Dr. Schle ß inger—Breiten, hielt den einleitenden Vortrag, aus dessen Inhalt tvir tviederum die Ueberzeugung gewon neu haben, daß Herr Rabbiner Dr. Schleßinger, wie in anderen jüdischen wissenschaftlichen Fächern, auch in dem gedachten Thema eingehende Kenntnisse besitzt. Am Schlüsse wurden von demselben auch andere Schulfragen zur Sprache gebracht, besonders ermahnte er auch die Lehrer zur Förderung eines ordnungsvollen Gottesdienstes, den ein- oder mehrstimmigen Synagogengesang schon in der Schule zu pflegen. Zinn Schlüsse wurde bestimmt, daß zur nächsten Eonferenz die Frage: „Ob der Chatechismus in der israelitischen Religionsschule noihwendig sei?" zur Lösung aufgegeben tverde. Nachmittags waren die Conferenzmitglieder mehrere Stunden in gesellschaftlich-gemüthlicher Weise im Hotel Freudenthaler beisammen, bis die Tafel durch das von Herrn L i b e r t e s—Grötzingen kraft- und andachtsvoll vorgetragene Tischgebet aufgehoben tvurde, nachdem vorher das ,,Benschen" in Differenzzahlungen zum Vortheiel des Eppstein-Vereins versteigert worden war. Man trennte sich mit dem Bewußtsein, einen seligen Tag unter Amtsbrüdern verbracht zu haben. Assenheim, 28. Dez. Den Lesern des „Israelit" dürfte es nicht uninteressant sein, zu erfahren, daß sämmtliche Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde trotz ihres schweren Kampfes ums Dasein, die meisten beschäftigen sich mit dem Manufacturhandel, streng den Sabbat feiern, was gegenwärtig leider zu den Seltenheiten gehört. Was mich noch besonders überrascht, ist die Liebe zu unserer heil. Thora, welche hier herrscht. Täglich versammeln sich die Herren eine Stunde vor Maariv im Hause ihres Lehrers, Herrn I. Markus, um von ihm dort vorgetragene Abschnitte aus dem Schulchan aruch und anderen Seforim mit der größten Aufmerksamkeit zu lauschen. Herr Markus ist Zögling des Kölner Seminars und ein guter Talmudist, und versteht es, seine Zuhörer zu fesseln und sie für unsere Emunah zu begeistern. Möge dieses Verfahren des Herrn Markus überall Nachahmung finden. — In dervorigen Woche ist hier Frau Buchsb a u m im Alter von 81 Jahren gestorben. Sie war eine wirkliche Esches chajil und wurde allgemein die Fromme genannt. So kam es auch, daß nicht allein die Glaubensgenossen, sondern auch sehr viele Nichtjuden von dem Städtchen und seiner Umgebung herbeieilten, um der Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Die warmen Worte, welche Herr Markus ihr nachsagte, drangen tief ins Herz, sodaß alle Anwesenden innigst gerührt wurden. n*35Mn