Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1900)
- Date
- 1900-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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41. Jahrgang. M »■ Ier Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das ottyoboxe Iudenlhum. Begründet von Dr. in Maini Donnerstag, den 4. Januar 5660 (1906). Leitender Artikel. Realismus und Idealismus.^ Von Jfaae Hirsch Wohin wir auch immer den Blick wenden, überall trifft er auf das Walten von Naturkräften, die sich als die Ursache einer jedeySrschMuzrg im Weltro.vmL geben. Vom Grashalme bis zur Ceder, vom Jnfuso»rium bis zum kunstvollen Organismus des menschlichen Körpers, vom Sandkorn bis zu den in unfaßbarer Größe kreisenden Himmelskörpern gewahrt der denkende Geist das Vorhandensein mächtiger Kräfte. Dem sinnlichen Auge aber sind sie entzogen, nur aus ihren Wirkungen können sie gefolgert und vorausgesetzt werden. Nur die Materie, an welcher sich ihr Vorhandensein kundgibt, ist sinnlich wahrnehmbar. Kraft und Stoff, Geist und Materie, Seele und Leib sind somit Gegensätze, die aber in so inniger Vereinigung in die Erscheinung treten, daß die eine Potenz ohne die andere für die menschliche Vorstellung unfaßbar wäre, denn auch das winzige Sandkörnlein ist ohne die Annahme einer Molekularkraft nicht zu denken. Das Streben nach der Erkenntniß dieses Gegensatzes, nach der Erforschung nnd dem Verständnisse des Wechselverhältnisses zwischen Kraft und Stoff hat von jeher die Menschheit mächtig angeregt. Es macht den Inhalt der philosophischen Wissenschaft aus, die ja *) Den obigen Aufsatz, eine der letzten Arbeiten deS unS leider so früh entrissenen Verfassers, verdanken wir der Freundlichkeit der Hinterbliebenen. ES ist ein Vortrag, den der Heimgegangene im hannoverschen israelitischen Jünglingsverein gehalten. Die zahlreichen Freunde I.. Hirschglauben wir durch die Wiedergabe des Artikels zu verpflichten. Red. d. JSr. die Erlangung der Kenntniß von dem wirklichen Sein und Ursprung der Erscheinungen sich zum Ziel setzt, und aus einem einzigen Prinzipe zu erklären sucht. So mannigfach auch begreiflicherweise die Systeme sind, welche von Aristoteles und Plato bis zu Fichte und Hegel aufgebaut worden sind, um die Fülle der Erscheinungen, die ja nichts anderes sind, als das gegenseitige Verhältniß von Geist und Materie, auf einen allgemein giltigen Satz zurückzuführen, so lassen sich doch im wesentlichen alle diese Systeme in ihrer Verschiedenheit im liefern Grunde unter die zwei Begriffe sondern: Realismus und Idealismus. Der N Trinnirt^ ~tnnr der sinnlichen Wahrnehmung des Objekts und gesteht dem sinnlich Wahrnehmbaren und den sich an ihm kundthuenden Gesetzen im ursächlichen Zusammenhang allein Wirklichkeit zu. Jede Erkenntniß ist ihm Wirkung des Objekts. Der Idealismus nimmt seinen Ausgang von dem denkenden Subjekt und erkennt der Erscheinungswelt nur insofern Wirklichkeit zu, als sie im Geiste als Vorstellung vorhanden ist. Jede Erkenntniß ist ihm Handlung des Subjekts. Was nicht auf mein Sehen und Hören, auf meinen Geschmack-, Gehör- und Gefühlssinn wirkt, existirt nicht, spricht die realistische Weltanschauung, — waS ich nicht denke, existirt nicht, ist die Behauptung der idealistischen. Geist ist Attribut der Materie — ist Realis - m u s, — die Körperwelt ist nur insofern wirklich, als mein Geist sie sich vorstellt, ist Idealismus. Diese realistische und idealistische Weltanschauung hat einen um so größeren Einfluß auf die ganze Lebensanschauung und Lebengestaltung, als sie auch das Menschenwesen unter dem gleichen Gesichtspunkte betrachtet und erklärt. Dem Realismus ist der Mensch auch nur Materie, und die Seele nur eine dem Stoff anhaftende Kraft. Dem I d e a l i s m us ist er freilich das vorstel-