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Der Israelit · 1899-12-21 · Heft 101-102 (21.12.1899) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 101-102 (21.12.1899)
Date
1899-12-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
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3014 Knaben zugeführt werden, den erziehlichen Nutzen in der körperlichen Kräftigung und in der Abhaltung vom Müßiggänge, recht deutlich erkennen läßt. Auch zur Beschäftigung mit dem Gartenbau werden Kinder, so weit die Verhältnisse unseres Gartens es gestatten, herangezogen. In gleicher Weise finden auch die Mädchen ihre Beschäftigung in den praktischen Haus- und Handarbeiten, welche sie — außer dem vierstündigen Handarbeitsunterricht in der Schule — unter vorsorglicher Aufsicht der Hausmutter, Frau Scheye, im Haufe durch Heranziehung zu den entsprechenden Verrichtungen im Haushalte, Reinhaltung der Räume, kleinen Ausbesserungen von Wäsche und Kleidungsstücken, zu besorgen haben. Die Zöglinge in der Anstalt bleiben in der Regel bis zum Abschluß des schulpflichtigen Alters in derselben, um dann einem Lebensberufe zugeführt zu werden. Die Mädchen werden, wenn nicht seitens der Angehörigen andere Verfügungen getroffen werden, so oft erforderlich, über dieses Alter hinaus in der Anstalt zurückgehalten, um sie für irgend einen Berufszweig vorzubilden. Hierzu bietet der Haushalt in der Anstalt selbst unter Aufsicht der Hausmutter und der Ehrenmütter, vor Allem aber die alle weiblichen Berufszweige umfassende Fachschule des hiesigen Frauenbildungsvereins reichhaltige Gelegenheit. Der Leitung dieser Fachschule sprechen wir bei dieser Gelegenheit für das unseren Zöglingen entgegengebrachte Wohlwollen unfern besten Dank aus. Erforderlichen Falles erhalten Knaben wie Mädchen besondere Kurse im Schönschreiben, Rechnen und Buchführung. Nach besten Kräften wird seitens der Anstalt für ein Unterkommen der entlassenen Zöglinge in kaufmännischen Geschäften oder in Handwerkslehren gesorgt. Das Jahr 1898 bildete einen Wendepunkt in der Entwickelung der Anstalt. Das Bedürfnis nach einem Neubau machte sich geltend, da das alte Haus seinen Zwecken kaum mehr entsprach. Die engen, niedrigen Räume, welche, abgesehen von gesundheitlichen Rücksichten, bei vollkommener Ausnutzung uns die Aufnahme von nicht mehr als etwa 11 bis 12 Knaben und ebenso vielen Mädchen gestatten; die Unsicherheit bei Feuersgesahr, welche die schmale gewundene Holztreppe, die einzige, welche zu drei Stockwerken des aus Fachwerk gebauten Hauses führt, beständig darbot; die Unzulänglichkeit der Einrichtung, welche die erforderliche strenge Trennung der Geschlechter nicht ganz ausführen ließ: der Nothbehelf, ein und dasselbe Zimmer als Arbeits-, Speise- und Aufenthaltsraum zugleich benutzen zu müssen — alle diese Mängel und noch andere Unzuträglichkeit sind oft genug empfindlich zu Tage getreten. Dazu kam, daß für den seit einigen Jahren eingeführten Handfertigkeitsunterricht nur ein kleiner Raum als Nothbehelf gefunden und dem Wunsche, eine ausreichende Arbeitsstätte zu schaffen, in dem gegenwärtigen Hause nicht entsprochen werden konnte. Endlich hat neben diesen Mißständen auch die Erfahrung, daß das alte Haus in jeden: Jahre größere Beträge für Reparaturen erforderlich machte — so mußte im Jahre 18L4 ein Anbau vorgenommen werden — dazu gedrängt, durch einen Neubau den empfindlichen Uebelständen abzuhelfen. Aber bauen kostet Geld; doch das Vertrauen auf die Hülfe der hiesigen Gemeindemitglieder, welches in ernsten Fällen noch nie getäuscht hat, gab dem jetzigen Kuratorium, den Herren Landrabbiner Dr. Prager, Louis Mosbacher, Ä. Fiorino, A. Alsberg, G. Rosenzweig, die feste Zuversicht, daß das Werk gelingen werde, und mit Gottes Hülfe gelang es. Gegen 12,000 Mark wurden für den Neubau geschenkt, ca. 4000 für die innere Einrichtung gespendet, 18,600 Mk. wurden als zinsfreie Darlehen gewährt und für 60,000 Mk. wurden Antheilscheine ausgegeben, die mit 2 pCt. verzinst werden. Doch bei diesen Summen, die ja eine beredte Sprache reden, blieb es. Es fanden sich noch immer wohlthätige Herzen, die ansehnliche Gaben für das zu erbauende Haus bewilligten. — Fast ein Jahr dauerte der Neubau, dessen Aufsicht Herr Georg R o - s e n z w e i g führte. Die Leser des „Israelit" dürfte es besonders interessiren, daß an Sabbat und Festtagen nicht gearbeitet wurde. Heute steht nun der Neubau fertig da, in allen seinen Theilen zeitgemäß und zweckentsprechend — ein wirkliches Heim für die Elternlosen, eine Zierde der Stadt, ein Denkmal der Hochherzigkeit, eine Mahnung kommenden Geschlechtern, dem Beispiele der Väter zu folgen. Deßhalb war auch der Tag der Einweihung ein Festtag für alle Betheiligten. Eine zahlreiche Festversammlung hatte sich aus diesem Anlasse in den Räumen des neuerbautenHauses zusammengefunden. Die staatlichen und städtischen Behörden vertraten die Herren: Regierungspräsident Freiherr Trott von Solz, Landesrath Dr. K n o r z, PolizeiprajlOent Graf von K ö n i g s d o r f, Stadtschulrath B o r m a n n. Ferner waren das Vorsteheramt und die Gemeindeältesten, sowie alle Gönner der Anstalt anwesend. Herr König:. Buchdruckereibesitzer Albert (Sottijeff leitete die Feier durch erhebendes Harmoniumspiel ein, dem sich ein von den Waisenkindern unter der Leitung ihres Jnspectors Scheipe gesungener Choral; „Wenn Gott der Herr das Haus nicht baut" anschloß. Ein Waisenknabe sprach hierauf einen von Herrn Bankier B l u m e n t h a l gedichteten. sehr inhaltreichen Prolog. Abermaliger Gesang leitete die Weihe und Festrede ein. Diese, ein Meisterstück der Homiletik, lehnte sich an den 68. Psalm an: Vierundzwanzig Mal sei in der heiligen Schrift empfohlen, sich der Waisen anzunehmen. Der Festredner wies nun aus die hohe Aufgabe hin. die in dem neuen Hause ebenfalls gelöst werden soll, den Kindern die Eltern zu ersetzen, ihnen eine Heimstätte zu gründen, in der sie als tüchtige Menschen und gottesfürchtige Israeliten herangebildet werden. Eine Fülle herrlicher Midraschim ergänzte den die Zuhörer ergreifenden Festvortrag. Nachdem Herr Dr. Knorz noch die

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