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Der Israelit · 1899-12-18 · Heft 100 (18.12.1899) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 100 (18.12.1899)
Date
1899-12-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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S0S8 Mißachtung der deutschen Bücher schlägt bei Grätz in das vollendete Gegentheil um. Der befremdende Umstand, daß er dem sittlichen Adel der hier zuletzt genannten zwei Rabbiner keinerlei Makel anhängt, Hai wohl seine Erklärung darin, daß er für R. Raphael Kohen eine deutsche Quelle, die von R. Jsber herausgegebenen Briefe von Rieffers Vater, und für Rabbiner Hirsch Charif's geistige und sittliche Größe einen Gewährsmann von dem Kaliber Salomon Maimons hat. Wahrlich, wenn uns die Größe dieser Großen nicht sonst über allen Zweifel feststünde, so würden wir auf das Zeugniß eines Sohnes und gar auf das Lob eines Salomon Maimon herzlich wenig geben! Aber davon einmal abgesehen. Wenn die genannten Rabbiner wirklich voraussahen, daß durch Mendelssohn Pentateuchübersetzung die Beschäftigung mit der heiligen Schrift zur bedeutungslosen Nebensache herabsinken und das Talmudstudium vollends dadurch verdrängt werden, so hatten sie nicht nur eigentlich, sondern auch uneigentlich, so hatten sie ohne jede Einschränkung nicht nur das Recht, sondern sie hatten die Pflicht, keinen Schritt unversucht zu lassen, welcher diese Gefahr abwendet. Unter den traurigen Folgen, welche den Scharfblick jener Rabbiner leider nur allzusehr rechtfertigten, nimmt Grätz' Geschichte der Juden einen ganz hervorragenden Rang ein, weshalb wir uns bei diesem Anlaß etwas eingehender mit ihr befassen. „Wenn auch Mendelssohn von der religiösen Seite gut beleumundet war, so waren es seine Umgebung und seine Anhänger nicht. Unlautere Menschen, welche mit dem Judenthum gebrochen hatten, nannten sich mit Dünkel Mendelssohnianer, waren bei der Beförderung des Absatzes für die Uebersetzung rührig uno brachten sie dadurch bei den Strengfrommen in Verdacht." Mit diesen Sätzen, den einzigen, welche in der That dem Kerne der Sache nahekommen, schließen wir die Citate aus der uns hier beschäftigenden Darstellung von Grätz' Geschichte der Juden, obwohl gerade der nun noch folgende Theil reich an Einseitigkeiten, Zweideutigkeiten und Unkorrektheiten jeder Art ist. Ihre eingehende Würdigung erforderte eine Behandlung, die weit über die uns hier gezogene Grenze hinausgeht. Es brauchte dem Unbefangenen nicht erst gesagt zu werden, daß die Abneigung der Rabbiner gegen die deutschen Bücher nicht ihrer Sprache, sondern ihrem tatsächlichen oder stillschweigend vorausgesetzten anstößigen Inhalt galt. Es haben jüdische Gelehrte vor und nach Mendelssohn die Thora ins Deutsche überseht, ohne daß sich der religiöse Sinn der sogenannten „Stockfrommen" daran gestoßen hätte. So R. Elia Benhur, Rabbi Joel Witzenhausen in Amsterdam, Rabbi Jekutiel Bliz von Witmund u. Andere. Aber ihre Bedenken richteten sich gegen die Persönlichkeit der Uebersetzer und hier gegen ihre Verbreiter. Sie hatten den religiosgesetzlich sanktionirten Grundsatz, daß nicht nur die Uebersetzung, sondern selbst der treu wiedergegebene Urtext der Thora dem Feuer zu übergeben sei, sobald ein Abgefallener (Min) ihn niedergeschrieben hatte. |’o nun ibd Wer wollte sich an ihrer Abneigung gegen eine Uebersetzung stoßen, für welche von Leuten Propaganda gemacht wurde, wie sie die große Zahl der Anhänger Mendelssohns war. Dazu kommen die Bedenken, die sich an die Sache selbst, ohne jede Rücksicht auf ihre Agitatoren knüpfen. Als die Thora zu König Ptolemäus' Zeiten in's Griechische übersetzt wurde, verfinsterte sich die Welt drei Tage lang. Wo nimmt man aber die Tropen her, um die Trübung der jüdischen Lebensanschauung, die Verwirrung aller Begriffe und das Schwinden des Thorageistes wiederzugcben, die sich seit hundert Jahren, seit dem Erscheinen und Verbreiten der Mendelssohnschen Bibilübersetzung überall geltend macht? Wahrlich, es war nicht Bildungsfeierlichkeit der damaligen Coriphäen der jüdischen Diaspora, die sie veranlaßte, warnend und mahnend gegen die Mendelsson'sche Bibelübersetzung die Stimme zu erheben. Ihre Bedenken wurzelten und gipfelten in der leider nur allzusehr berechtigten Befürchtung, daß gerade durch eine gediegene Uebersetzung der Thora, wie sie von Mendelssohn nicht anders zu erwarten war, die mündlich überlieferte Thora zurückgedrängt und ganz der Vergessenheit überantwortet werden könne. Diese Bedenken hat Mendelssohn selber getheilt, und er suchte, wie bereits bemerkt, ihnen gerecht zu werden, indem er seine Uebersetzung mit einem Commentar begleitete. Hätte Mendelssohn ohne Zuhilfenahme seiner discreditirten Jünger diesen Commentar seiner deutschen Uebersetzung ebenfalls in deutscher Sprache beigefügt, so hätte sicher auch damals Niemand an dieser Uebersetzung und Erläuterung Anstoß genommen. So aber hielt man sich nur an die Uebersetzung, vor welcher der hebräische Commentar gänzlich zurücktrat, und damit war der Bruch zwischen der schriftlichen und mündlichen Thora vollzogen, unter dem wir heute noch leiden. Wenn unsere Weisen eine bloße Wortübersetzung Fluch, der aus solcher Behandlung der Thora thatsäch- Fluch, der auf solcher Behanldung der Thora thatsächlich ruht, und sich täglich mehr und mehr geltend macht, daß ihr Verdikt kein zu scharfes ist. *n-q ht nn,;d*vm p*CB crnen iv'.rr x-i-n .<u p B"ö ppnp) spno m 'in vbv Wie man jedoch auch darüber denken möge, der Thatsache wird sich Niemand verschließen, daß mit dem Erscheinen dieser Bibelübersetzung die Aera des weitschichtigen Abfalls eingeleitet wurde, die man später Reform des Judenthums nannte. Das ist die erneute Auflage des achten Tebeth, der aber nicht drei Tage, sondern bereits drei Generationen Finsterniß, d. h. Trübung und Verdunkelung des Judenthums folgen.

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