Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1899)
- Date
- 1899-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2085 „(5 t steht ja, wie Lots Frau als Salzsäule da!" schrie ihn Faißel ärgerlich an, „hat er nicht gehört, was ich Ihm gesagt habe? Zum Rabbi soll er gehen, und das sofort!" „Aber, aber", stotterte Scholaum. „doch nicht ohne Rock?" „Habt Ihr gehört einen Schaute? Was geht mich Sein Rock an? Er kann meinetwegen ohne Rock gehe», wenn es ihm Spaß macht. Zum Rabbi indeß schickt es sich nur, daß Er seinen besten Rock anziehe; ist doch schon Kowaud genug für ihn, wenn Er in der Nähe des Rabbi einige Augenblicke weilen darf." Scholaum, welcher an derartige Ausfälle seines Principals gewöhnt war, legte stillschweigend seinen Bureaurock ab und zog sein Straßengewand an, verließ mit stillem Kopfnicken das Bureau, um den ihm gewordenen Auftrag äüszuführen. Faißel. welcher sich nunmehr mit seinen Gedanken ganz alleine in diesem Raume befand, griff sich an seinen Kopf und murmelte vor sich hm: „Ich weiß beemeß'nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll. Ein großer Chochem war ich noch in meinem Leben nicht, durch mein Korauw Rebb Schimon hat mich die Welt sogar zum Chamaur und Schaute gekennzeichnet; aber was ich heute bin, weiß ich bechaje-roschi nicht. Bin ich chochem und die ganze Welt bestußt, oder geht jetzt die Sidre^) von Rebb Schimon Rosenzweig,. indem seine Behauptung, daß ich großer Chamaur und noch größerer Schaute bin. buchstäblich in Erfüllung gegangen ist. Was soll das Alles bedeuten? Der Rabbi und Rosch Hakohol, die nur sonst die Muwchorim **•) durch ihren Besuch auszeichnen, wollen heute den Faißel, um welchen sie sich jahraus, jahrein nicht kümmerten, ihres Besuches würdigen? Seine hochwohlgeborene Gnadenleben erbeben mich sogar zu der Würde eines Schulgabbai, und da soll der Faißel draus klug werden? Spielen sie mit mir oder ich mit ihnen Komödie? Doch halt, sollte diese ganze Mase von meiner Sprinzc angelegt sein, um mich um den Jom-tow zu prellen? Da kennt sie mich aber schlecht! Es bleibt dabei, nicht eher werde ich in die Heirath Jom-tow's mit meiner Sara einwilligen, bis ich als Chochem und Simon Rosenzweig als Schaute erklärt worden ist." Faißel wurde in seinem so geistreichen Monolog durch schüchternes Klopfen an der Thüre unterbrochen. Auf sein einladendes Herein that sich die Thüre auf und mit dem üblichen „Boruch hanimzo, Rebb Faißel" trat die gebückte Gestalt des Rebb Schelomo. Badchen, aus seinem früheren Heimathsorte in G. in das Zimmer und blinzelte ihn mit seinen schalkhaften Aeuglein an. „Boruch habo, Rebb Schelomo, was verschafft mir 248) Wochenabschnitt. 249) Vornehmsten. Au-gewähltesten. die Kawaud? - Habt Ihr schon so was erlebt, der Badchen von G. in P.!" „Na, na, Rebb Faißel", lächelte Schelomo voller Sarkasmus, „daß sich ein Badchen von G. in P. verirren kann, ist weniger staunenswerth, als ein Sandler, der der größte Chamaur und noch größerer Schaute von Mekaur aus ist. den Weg nach P. finden konnte. Aber hakesewjane es Hakaul ^) Euch hat das Geld nach P. geführt, und mich treibt das Geld nach P. und zu Euch. Meine Tochter Beileh soll leben und gesund sein, hat Knas gelegt mit einem feinen Bochur, welchem ich 50 Dukaten zur Nedunje versprach. Oser Hab' ich zehn. Da sagte mir mein Weib: „Weißt Du waS, Schelomo, versuche mal Dein Masel bei unserem Rebb Faißel. Ein Chamaur und Schaute war er wohl sein Leblang, aber ein gutes Herz besaß er noch immer. Vielleicht wird er unserer Tochter Beileh die ver sprochene Nedunje geben." So, da bin ich, sagt rasch ja: dann werde ich noch heute von P. verschwinden." „Habt Ihr gesehen ein Chamaur und Schaute," zuckte Faißel geringschätzend mit den Schultern, „und das will ein Badchen^') sein? Ich weiß nicht, ob man solche Badchonaus am Tischo be Av^) anzuhören Unterlasten muß. Cochme haben sie wenig und Spaß vermögen sie auch nicht zu machen. Hat man ein Chamaur gesehen? Um Nedunse für seine Tochter zu erhalten. muß er bei dieser schlechten Witterung nach P. lausen, als ob ein kleines Briefchen nicht ebenfalls ge nügt hätte!" „Also Ihr wollt thatsächlich. Rebb Faihelleben, meiner Tochter die 50 Dukaten zur Nedunje geben?" „Warum soll ich nicht wollen. Chamaur; ist es denn eine kleine Mizwe?" „Hört mal, Rebb Faißel, ob Ihr ein Chamaur seid, möchte ich beemes nicht behaupten; denn dazu habt Ihr zu viel Lew-tauw^) welches kaum dem Chamaur eigen sein dürfte; aber ein Schaute seid Ihr mit Entschiedenheit. Wie kommt Ihr denn dazu, mir nichts, dir nichts dem Rebb Schelomo 50 Dukaten zu schenken? Die Stuß scheint Eurer Familie eigen zu sein; denn Euer Korauw Rebb Schimon Rosenzweig, welchen man für eine klugen Mann hielt, ertvarb sich durch seinen Narrenstreich, den er vor einigen Monaten am Erew- Roseh-Haschono beging, ebenfalls den Namen eines großen Schaute, den er Euch vor Jahren schriftlich gab." „Was sagt Ihr, Rebb Schelomo? ^eid Ihr bei Trost? Mein Korauw, der Schulgabbai, Rebb Schi mon, ein großer Schaute? Wie wäre es möglich? Schämt Ihr Euch nicht, solche Deworim beteltm zu reden?" „Rede ich nur davon? Die ganze Welt redet da- 250) Um da« Geld dreht sich alles. 251) Scherzemacher. 252) Neunte.AB.ZTrauertag,' um die Zerstörung dehl. Tempel-. 253) Gut»« Herz. 254) Rüsttag -um Neujahrsfest.