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Der Israelit · 1899-11-27 · Heft 94 (27.11.1899) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 94 (27.11.1899)
Date
1899-11-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XI* Jahrgang. Beilage ju M 94 des «Israelit". Leitender Artikel. fltlnc Mendmis jura Kksserr» in jllarls. (Fortsetzung.) E. Der religiöse Verfall, der Rückgang des praktischen, von den Vätern überkommenen Judenthums in Frankreich wird also von competenten Wortführern aller Richtungen anerkannt. Der Schmerz darüber drängt zu der Frage der Maßnahmen, die zu ergreifen sind, um diesem Nebel zu steuern. Man sollte meinen die Frage sei leicht zu beantworten. Wie Hunger gegen Appetitlosigkeit und Schlaf gegen Schlaflosigkeit die besten Mittel sind, so ist ein von den Einzelnen und der Gesammtheit dem jüdischen Religionsgesetz gemäß geführtes Leben das beste Mittel zur Beseitigung des unjüdischen Lebens, wie es sich vor unseren Augen in so beklagenswerther Weise vollzieht. Nun liegt es gewöhnlich nicht in der Macht des appetit- und schlaflosen Patienten, sich Eßlust und Schlaf zu verschaffen, auch wenn er gern effen und schlafen möchte. Er muß daher zu künstlichen Reizmitteln und Opiaten greifen. Die Frage nach Appetit und Schlaf, wenn ihr normaler Zustand gestört ist, ist eigentlich die Frage nach diesen künstlichen Mitteln um die fehlende natürliche Funkton zu ersetzen. Sollte die Frage der französischen Seelenärzte denselben Sinn haben? Sollte sie Angesichts der Erschlaffung und Erkaltung des uns von den Vätern vererbten natürlichen Judenthums, nach einem Ersatz, nach einem künstlichen Surrogat ausschauen, welches uns zu Juden machte, und als Juden erscheinen ließe, selbst unter dem Regime eines fortzusetzenden unjüdischen Lebens? Dann wäre sie schwer zu beantworten, denn für dieses Problem dürfte es kaum eine Lösung geben. Dann wäre die Frage selbst ein betrübendes Symptom der religiösen Decadence. Wir halten ber der tiefen Einsicht und dem redlichen Streben der in Rede stehenden Wortführer diese Möglichkeit für ausgeschloffen. Sie sind vielmehr sicher mit uns überzeugt, daß ein pflichttreues jüdisches Leben der Einzelnen, der Familien, der Gemeinden, das einzige richtige und mögliche Mittel ist, um gegen alle traurigen Ausgeburten unjüdischen Denkens und Handelns Wandel zu schaffen und die Fraget ist und bleibt nur die: Wie sind die Einzelnen, wie sind die Gemeinden für einen solchen Lebenswandel zu gewinnen? Durch Chöre, Orgeln, prächtige Synagogen, mosaischen, systematischen ReligionsundConfirmanden- Unterricht, sicher nicht. Ebensowenig durch Bücher, Zeitschriften, Vereine, Vorträge und wie diese modernen Behelfe alle heißen. Wären das die Mittel, um dem Judenthum bei seinen Bekennern wieder die alte Anerkennung und Verwirklichung zu sichern, so müßte dies längst geschehen sein. Noch niemals hat man diese Mittel verschwenderischer angewendet, als in den letzten 60—70 Jahren, und noch niemals war die Klage über Stagnation des Judenthums so allgemein und so intensiv als gerade jetzt. Schauen wir einmal dieser Klage prüfend ins Auge, nehmen wir einmal an, sie würde nicht nur von einigen Höherstehenden und Tieferblickenden erhoben, sie würde von allen getheilt, jedes Mitglied der Gemeinde wäre von dem Bestreben erfüllt, dieser Klage entsprechend alles aus dem Wege zu räumen, was dieselbe veranlaßt hat, wäre dies heute auSzuführen auch nur möglich? Könnten die von dem Ernst der Zeit Betroffenen wirklich den Vorsatz fasten, zu den Pflichten des jüdischen Lebens zurückzukehren und sie treu erfüllen? Sie kennen dieselben nicht einmal mehr, sie sind dem Gesetz ihres Lebens so vollständig entfremdet, daß bereits eine zweite und dritte Generation heranwächst, welche in ms w geboren, durch nb'pv sich ernährt, ohne daß ihnen der Dämmerschein einer Ahnung von der feindlichen Gegensätzlichkeit aufgeht, zwischen den Bahnen, die sie wandeln und denjenigen, welche der Wandel im Gottesgesetze vorschreibt. Wie sollten sie lieben Waste nicht kennen, wie sollten sie achten, was sie Nicht lieben können, woher sollten sie die Möglichkeit nehmen, zu erfüllen, was ihnen ein mit sieben Siegeln verschlostenes Buch ist? Welche Schritte, welche Maßregeln, welche Mittel zu ergreifen sind, um das Judenthum bei denjenigen seiner Bekenner zu regeniren, die dafür abgestorben sind? Keine Schritte, keine Maßregeln, keine Mittel! Das was wir erfüllen sollen, muß gekannt, muß wieder erlernt werden, wenn es geübt werden soll, wie es seit Jahrtausenden Gesetz und Sitte in JSrüel war. Das ist die erste und letzte, das ist die einzige Bedingung, um der Wendung zum Beffern eine Zukunft prognosticiren zu können, ja um sie überhaupt als solche zu bezeichnen. Die systematisch großgezogene Unwistenheit in Bezug auf alles specistsch Jüdische hat den krankhaften Zustand herbeigeführt, die Kenntniß, das redliche Studium der Thora allein wird ihn wieder beseitigen. Erst die theoretische Kenntniß der Thora

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