Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1899)
- Date
- 1899-11-23
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1846 sagte ihm zögernd, daß seine mehrtägige Reise ganz ohne Erfolg war. Aus dem weiterem Verlaufe des Gespräches zwischen Beiden erfahren wir, daß das Geschäft, welches sich einer weitverbreiteten Landkundschaft erfreute und sehr viele Maaren auf längeren Kredit verkaufte, in Geldverlegenheit gerathen war, da in Folge der schlechten diesjährigen Ernte die Landbevölkerung nicht kaufkräftig und auch nichr in der Lage war, die bedeutenden Rückstände des Vorjahres zu begleichen. Dazu stand die Leipziger Messe nahe bevor, an welcher nicht nur einige tausend Gulden von der vorigen Messe zu erlegen, sondern auch neue Einkäufe für das laufende Geschäftsjahr zu machen waren. Zur Erfüllung aller Verbindlichkeiten war ein Kapital von nahezu 10 000 Gulden erforderlich. Das war zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, wo es in jener Gegend noch keine Eisenbahn und weit und breit kein Creditinstitut gab, eine riesige Summe und können wir uns heute keinen Begriff machen, welche Schwierigkeit es bot, einen solchen Betrag herbeizuschaffen. Nachdem der Sohn des Weiteren über die Erfolglosigkeit seines Bemühens berichtet hatte, sprach der Vater: „Laß uns vor allem die Chanukalichter anzünden, da ich nur auf Dich wartete und es schon ziemlich sM ist." Mit lauter Stimme, der man keinen Kummer avhörte, sang der Vater dann die Berochos und auch der Sohn nahm sich soweit zusammen, daß er zu denselben die althergebrachte Melodie anhub, aber nicht mit der Freudigkeit des Vaters. Als hernach der Vater im Zimmer auf- und abgehend „Moaus zur Jeschuosi" sang und auch Mutter und Schwestern leise mit einstimmten, blieb Josef dumpf vor sich hinbrütend still am Tische sitzen. Rach Abfingen einiger Verse blieb der Vater vor ihm stehen und fragte ihn sanft, warum er nicht mitfinge. „Lieber Vater", sprach Josef, „mir ist die Kehle wie zugeschnürt, wie kann ich singen bei dem Schmerze, der in mir wühlet. Wahrlich nicht meinetwegen bin ich bekümmert, ich bin jung und kann arbeiten, aber wenn ich Dein und der lieben Mutter kummervolles Antlitz und die Jammermienen meiner geliebten Schwestern sehe, wenn ich denken muß, daß unser ehrlicher Name in den nächsten Wochen schon herabgewürdigt wird, so meine ich, das Herz müßte mir brechen, es würden nur die schrillsten Mißlaute hervorkommen, wenn ich zu singen anfinge." „Glaubst Du denn, mein tbeurer Sohn, daß ich das Mißliche unserer Lage nicht ebenso schmerzlich empfinde; auch mir thut es bitter wehe, daß ich den Namen eines ehrlichen Kaufmannes, den ich seit einer langen Reihe von Jahren mir zu erwerben und zu erhalten wußte, durch die Schuld anderer verlieren soll; auch ich beklage es tief, daß Ihr, die Ihr im Wohlstand aufarwachs n seid. Euch künftig Entbehiungen auferlegen müßt; aber ich bin gefestigt in meinem Glauben an den Allmächtigen. Das heutige Fest, das uns an die Befreiung unsrer Väter vom syrischen Joche erinnert, das Lied, welches den Sieg der Makabäer besingt, gibt mir die frohe Hoffnung, daß auch uns der Allgütige Rettung senden wird. Die Chanucalichter werden uns das Symbol der Freude sein und der Segensspruch „scheoso Nif,im laaiosenu" (ver unsren Vätern Wunder gethan), wird sich auch an uns erfüllen. Dies alles gibt mir den Muth und die Kraft, mit vertrauensvollem Gemülh das Loblied zu singen." Schweigend hörte der junge Mann den begeisterten Worten des Vaters zu und schüttelte nur ungläubig das Haupt. Der Vater wollte nun in dem unterbrochenen Gesang fortfahren, als heftig die Hausglocke gezogen wurde, das Mädchen öffnete und hereintrat der Briefträger mit einem „recomandirten" Schreiben. Beim Anblicke desselben verließ auch unsrem so vertrauensvollen Karpf fast der Muth, denn er vermuthete eine neue Unglücksbotschaft. Zahlungseinstellung oder Kapitalskündigung. Zitternd öffnete er nach Entfernung des Briefträgers das Schreiben und es entfiel vor freudigem Schreck seinen Händen, als es die Anzeige eines Colleckeurs enthielt, daß auf ein von Karpf gespieltes LooS der Frankfurter Zelüllotterie ein Gewinn von 20 000 Gulden gefallen und sofort zu erheben sei. Weinend vor Freude sielen sich Eltern und Kinder um den Hals und hielten sich wortlos umschlungen. Herr Karpf war auch hier der erste, der seine Fassung wieder erlangte und nun jubelnd ausrief: „Nun laßt uns nochmals das unterbrochene Lied beginnen und j tzt wirst auch Du, lieber Josef, froh miteinsiimmen können Moaus zur Jeschuosi." Ich bitte noch den geehrten Leser, mir nicht einzuwenden, daß man derartiges in einer E Zahlung sehr leicht machen könne, daß es aber in Wirklichkeit kaum vorkomme. Die Geschichte ist eine wahre Geschichte.