Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1899)
- Date
- 1899-11-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XL* Jahrgang. Erste KMagr M M 93 -es Jterntlit“. f Leitender Artikel. Glvc Wr«d»»s Mw Krstm» in Paris. (Fortsetzung.) E. Wir schloffen unseren vorigen Artikel mit der aus den „Arch. isr." wiedergegebenen Bitte um Beistand „zur Bekämpfung des Unglaubens an alle Diejenigen, welche durch Erfahrung in das Problem eingedrungen sind." Wir möchten nun durch diese Zeilen unser Scherflein zur befriedigenden Beantwortung der Frage nach Maßnahmen und Mitteln beitragen, die am besten geeignet sind, dem jüdischen Volkskörper den schwindenden Lebensgeist wieder zurückzurufen und ihn dauernd zu erhalten. Die betrübenden Erscheinungen treten ja nicht nur bei der französischen Judenheit zu Tage, sie machen sich in vielen Centren des Weltverkehrs ganz in derselben Weise geltend. Wenn Herr Prague in dem ersten seiner skizzirten Aufsätze auf Grund der Einrichtung von Jugendgottesdienften in Berlin, Wien und London die religiösen Zustände für bester hält, so wird man dieser Ansicht nur eine bedingte Richtigkeit zuerkennen können. Wir erblicken in der Betheiligung und Nichtbetheilung am öffentlichen Gottesdienste in der Synagoge nur ein S y m p t o m der Gesinnung, der Begeisterung oder der Gleichgültigkeit, welche die Beter von Hause aus mitbringen und legen diesem Moment daher nicht die Bedeutung bei, welche ihm sonst vielfach zuerkannt wird. Aber auch derjenige, welcher diese unsere Ansicht nicht theilt, wird, wenn er diese Jugendgottesdienste aus eigener Anschauung kennt, sie nur für ein Surrogat des normalen Gottesdienstes halten und zwar als ein nicht sehr vollkommenes. Sie erscheinen demjenigen, der sie an fond zu kennen Gelegenheit hat, mehr als ein Stimulationsmittel, welches das stagnirende jüdische Leben künstlich ersetzen möchte, aber weit davon entfernt ist, das warme, frisch pulsirende jüdische Leben zu erzeugen. Die ganze Einrichtung ist ja von vornhinein nur ein Nothbehelf, entstanden aus der Nothwendigkeit, unsere die öffentlichen Schulen besuchenden Kinver nicht ganz der Synagoge und ihrem Cult zu entfremden. Nach dieser Seite hat diese Einrichtung ihre zweifellosen Vortheile, die aber selber fragwürdig werden, wenn man das, was nur Mittel sein kann, als Zweck feiert. Die Jugendgottesdienste sind Sabbat- und Feiertags- Gottesdienste, der Gottesdienst der ganzen Woche geht dabei leer aus. Wenn ein Kind die ganze Woche hindurch die bürgerliche Schule besucht und kann dadurch niemals sich am gemeinsamen Gebet betheiligen, so ist das gewiß nach verschiedenen Seiten hin bedauerlich. Es wird, der Schule entwachsen, sich an den Stätten des gemeinsamen Gebetfremd fühlen, es wird dem Gebet nicht folgen, ewird kein Verständniß für die Funktionen haben können, die dem Einzelnen dabei obliegen und andere Schäden mehr, die durch einen Jugendgottesdienst zum Dheil beseitigt werden können. Aber, man kann nicht wohl in Abrede stellen, daß man diesen Mißständen auch entgegen treten könne, wenn eS auch keinen Jugendgottesdienft gäbe, falls es den Eltern nur ernstlich darum zu thun wäre. Sie könnten an Sonntagen, an schulfreien Feiertagen, in der Ferienzeit darauf bedacht sein, daß die Kinder an diesen Tagen die Lücken aus füllen, die ihr mangelhafter Besuch zur Folge haben muß. Bon dem jüdischen Pflichtleben vollzieht sich doch nur ein recht kleiner Theil innerhalb unserer Synagogen. Wenn heute plötzlich alle unsere Synagogen geschloffen würden, würde außer ■rat rx'^p muco nicht eine einzige Mizwa der Thora davon alterirt werden! Es wird Jeder zugeben, daß ein Jude in einem abgeschiedenen Dorfe, in dem es ihm das ganze Jahr hindurch versagt ist, eine Synagoge zu besuchen und mit Minjan zu beten, deßhalb doch ein sehr frommer, gottesfürchtiger Jude sein kann, wenn er nur gewissenhaft auf sein und r»r®, sein ins und rwv und auf alle anderen Pflichten achtet, welche die Redlichkeit seines Handels und Wandels, zum Gegenstand haben. Die Erfüllung dieser Gebote und Verbote, die Gottes erziehende Weisheit zahlreich wie die Tage des Jahres und die Glieder des menschlichen Körpers mit unserem ganzen Leben verwoben hat, sie sind das Kriterium deS Judenthums. Ihre Beachtung und Mißachtung entscheidet darüber, ob Jemrnd dem Judenlhum mit der alten Hingebung und Innigkeit angehört, oder ob er dafür abgestorben ist. Daß unser erwerbendes, schaffendes und genießendes Leben die Spuren des GottesgesetzeS so schmerzlich vermissen läßt, die Oede, die uns hier entgegenstarrt, hat viele veranlaßt, daS aus dem Leben gewiesene Judenthum nur noch da zu suchen und zu finden, wohin eS sich als in feine letzte Zufluchtsstätte geflüchtet hat, in die Stätten unseres Gebets, unsere Synagogen. Aber das ist nicht die normale Stätte zur Erhaltung unseres Judenthums. Wohl wurzelten die Altvorderen mit jeder Fiber und Faser ihrer ganzen Persönlichkeit in ihrem Gotteshause, aber die Gedanken, die sie dort dachten, die Empfindungen, die ihnen dort reisten,