Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1899)
- Date
- 1899-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449036--49456-2499986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1875 nehmer Denkweise. Möge daSSchriftchen die weiteste Verbreitung finden. Rabb. H. Galandauer. Aeuillet-n. Der «Lhammer und der schaute. Ein« Humoreske aus dem jüdischen Leben der guten, alten Zeit. Von Maurice Ma^ou. 6) (2llle Rechte Vorbehalten.) In seinem SchabbeSanzug verließ Faistel seelenvergnügt und erhobenen Hauptes seine Wohnung, sich nach der Kreisstadt P. . . ., wo er zu dem Bezirksoberamtmann beschieden worden war, behufs Erledigung einiger Formalitäten, welche für den Besitzantritt der Erbschaft erforderlich waren. Seine Sprinze mußte heute mehr Sorgfalt als gewöhnlich auf die Reinigung seiner Kleider verwenden und die Binde mußte ganz besonders kunstgerecht geschlungen sein. Denn erstens wollte er ja dem Bezirksoberamtmann seine Aufwartung machen und da muß man schon anders auftreten und zweitens muß er ja seinen neuen Stand, d. h. seinem Reichthume Rechnung tragen und sich, wie es einem reichen Manne geziemt, kleiden und benehmen. Seinem abgelegten Arbeitsanzug einen verächtlichen Blick zuwerfend, versetzte er: „Die Bigde Awdus 115) kannst Du Sprinzeleben einem Armen schenken; denn ich werde sie im jirzoh haschem^) niemals mehr tragen!" In freudigen Gedanken schwelgend, in angenehmeu Zukunftsbildern verloren, welche ihm den Faißel als Rofch-hakohol m) — bei ihm der Inbegriff der höchsten irdischen Ehren — vorzauberten, durchschritt er die Straßen der Stadt. Er achtete nicht auf den höhnischen Blick, mit welchem seine Bekannten seinen freundlichen Gruß erwiederten. Zwar hatte er befremdet aufgeschaut, als einige Straßenjungen, welche schon eine Weile hinter ihm herliefen, plötzlich in gellenden Tönen ausbrachen: „Es ist ausgemacht!" Er war jedoch weit entfernt, diesen Ausruf als eine ihm geltende Beleidigung aufzufaffen, vielmehr glaubte er, daß sein Sieg auch bei der lieben Straßenjugend Anerkennung und Würdigung gefunden und nickte ihnen freundlich zu. Das Zusammentreffen mit dem 115) Sklavenkleider. 116) So Gott will. 117) Vorsteher der Gemeinde. Badchen Schlaume und dessen anzüglichen Reden machten ihn jedoch schon etwas stutzig. Schlaume begegnete ihm, als er durch das Stadlthor schritt. „Gott zum Gruß, Faißel! Am Werktage in Bigde schabbes wejom-tow118)? — Soll es denn wirklich ausgemacht sein, daß Du ein großer Chamaur und noch größerer Schaute von Mekaur aus bist?" „Boruch haschem"^)", erwiederte Faißel mit vergnügtem Lächeln und stolzem Nicken des Kopfes. „Ja, ewade ist es ausgemacht! Ihr wäret ja selbst zugegen." Schlaume griff sich an den Kopf und sah Farßel bezweifelnd und prüfend an. „Ribbaune schel olam120) ist es denn wirklich nröglich, daß auch zweibeinige Chamaurim auf Erden herumkrabbeln, ohne daß man über sie die Brocho121) Meschane habriaus122) macht!" brach es endlich über Schotaums Lippen. „Höre, Faißel, wäre ich Parneß, so müßte es mir für olme ab12a) in KahlS Pinkers eingetragen werden, daß es ewade ausgemacht sei, daß Du der aller allergrößte Chamaur und Schaute der ganzen Gemeinde bist!" Damit ging er kopfschüttelnd davon und ließ den verblüfften Faißel mit seinen fragenden Gedanken zurück. War es nicht, als wie wenn der Badchen ihn förmlich für den größten Schaute erklärt hätte? Was meinte der Schlaume mit dem Einträgen in's Kahl'sbuch? Soll das Auswischen der Tafel und das Verkünden durch den Schammes nicht hinreichende Sühne für Simon's beleidigende Angriffe gegen ihn fein? Was kümmert es Fremden, wenn er sich mit dieser Art Sühne einverstanden erklärt? Wo liegt da noch ein Grund vor, diesen unbedeutenden Vorgang in das Gemeindebuch einzutragen? Doch klang nicht die ganze Anrede Schlaumes wie Hohn und Spott? „Er ist eben ein Badchen", murmelte Faißel, als er weiter auf der Landstraße schritt, „und kam die Lizonaus^) nicht lasten. Es liegt kein Mekaur vor, ihm dafür ernstlich böse zu sein." Ohne weiter seine vergnügte Stimmung zu beeinträchtigen, erreichte Faißel P. . . . erledigte seine Geschäfte, freute sich über das freundliche Entgegenkommen seiner Gnadeleben des Bezirksoberamimann, dem Faißel'S Auftreten so spaßig vorkam, daß er sich vor Lachen schüttelte und kehrte mit dem entzückenden Bewußtsein in sein Heim zurück, nunmehr ein reicher, unabhängiger Mann zu sein. 118) feiertägliche Kleidung. 11v) Gott sei Dank. 120) Herr der Welt. 121) Segensspruch. 122) Mißgeburt. 123) für ewige Zetten. 124) Buch. 125) Scherze.