Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1899)
- Date
- 1899-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 8» Der Israelit. Gin Hentrak-Hrgan für das orthodore Iudenthütn. Begründet von Df. in ISt«i9i|. Donnerstag, Den 9. November 5660 (1899)« Leitender Artikel. Die Stimme Jakobs. Eine agadifche Skizze. Von Rabbiner Dr. Max Beermann, Insterburg. Die sinnigen Bemerkungen, welche die Agadalchrer dem Bibelwort anreihen oder aus ihm gewinnen, sind nicht nur deswegen Perlen, weil sie kostbar und glänzend sind, sondern weil sie, wie die Perlen aus den Tiefen des Meeres, aus tiefgründiger Versenkung in die Schriftstelle gewonnen sind. An der reichen Fülle der Gedanken, die sie dem Thoraverse entlocken, sehen wir die hingebende Liebe, mit der sie das göttliche Wort lasen. Die Liebe macht ihre Augen scharf, daß ihnen auch die zarteste Andeutung der Schrift, auch die feinste und kleinste Nüance im Ausdruck nicht entgeht. Wie ein liebendes Mutterherz die Züge ihres Lieblings versteht, jede Miene und jeden Augenaufschlag, jede Bewegung und jede Veränderung richtig zu deuten vermag, wie zwei Liebende sich durch die kleinsten Zeichen und Winke verständigen und durch ein schlichtes Wort sich mehr sagen können, als andre in langathmigen Sätzen, so haben auch die alten Schrifterklärer die kleinsten Veränderungen im biblischen Ausdruck, über die der unachtsame Leser einfach hinwegliest, die geheimsten Beziehungen und Bedeutungen des Schriftverses, die nur ernstem Forschen sich erschließen, feinfühlig herausgefunden und in ihrer knappen geistvollen Sprache zum Ausdruck gebracht. Und welch köstliche Gedanken, welch beglückende Wahrheiten, welch beherzigenswerthe Mahnungen wissen sie durch die Macht ihrer Liebe zur Schrift aus den Buchstaben hervorzuzaubern. Wie nach einer zunächst auffälligen rabbinischen Bemerkung die zwei goldnen Spangen, die Abrahams Knecht ©tiefer der Rebecka reicht, die zwei BnndeStafeln waren — d. h. die beiden Reihen sittlicher Lehren, welche die zehn Worte enthalten: die Pflichten gegen Gott und die Pflichten gegen die Menschen — so wissen sie uns umgekehrt aus den Erzschachten des Thorawortes das reine lautere Gold hervorzuholen. Nichts aber hat so sehr ihre Aufmerksamkeit gefesselt, kein Thema hat sie so mächtig beschäftigt, kein Gegenstand hat so fruchtbar ihre Phantasie angeregt, als der Gegensatz zwischen den feindlichen Brüdern Esau und Jakob. Diese beiden Antipoden nach Anlage und Anschauung, nach Lebensauffassung und Lebensführung wurden ihnen typisch und .vorbildlich für den Geisteskampf zwischen Israel und der römischen Heidenwelt. Die ganze Weltgeschichte schien ihnen symbolisch im Verhalten dieser Söhne Isaaks angedeutet. Dem geben sie den mannigfaltigsten Ausdruck. Bald weisen sie darauf hin, wie Israel im Gegensatz zu den rauhen Weltvölkern dem Ahnen gleich n^rm zw on still und friedlich in den Zelten der Thoraforschung weilt, während Rom und sein mächtiger Anhang dem von dem Ahnherrn Esau vererbten Kriegshandwerk sich widmet — übrigens hat auch ein moderner evangelischer Religionsphilosoph Prof. Grau die arischen Stämme das männlichrauhe, auf das diesseits gerichtete Princip der Völkerwelt genannt, während er in Israel die weiche, gemüihvolle, weibliche, mehr aus da- Jenseits blickende Richtung erkennt. Dieses Uebergewicht des Gemüthes habe Israel auch für seine religiöse Sendschaft besonders empfänglich gemacht: „Gott hat sie zum Herold seines Namens gemacht, weil er nicht nur von der Weisheit erkannt sein will, sondern dem Glauben und der Liebe sich offenbart ....