Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1899)
- Date
- 1899-11-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI* Jahrgang. Beilage ju M 88 des „Israelit". Leitender Artikel. «int KllnWvW »er SstkMlitzlWr« Teltils- ©tmrtnötn. Wien, 31. Octobcr. Heute fand im Sitzungssaals der Cultusgemeinde- Repräscntanz die Constituirung des Allgemeinen Oesterreichischen Jsraelitenbundes statt, der, zusammengesetzt aus den Vorständen der bedeutendsten Cultusgemeinden Oesterreichs, in erster Linie berufen ist, eine Abwehr-Vereinigung der gesammten Judenschaft des Reiches zu bilden. Der Vorsitzende, Gemeinderath Dr. Alfred Stern, theilte in der Eröffnungsansprache mit, daß unter dem Drucke der beklagenswerthen Ereignisse der letzten Zeit, dem Bunde mehr als 150 Cultusgemeinden beigetreten seien. Die Kundgebungen des Bundes als Gesammtvertretung der Judenschaft erhalten nach außen hin weit rnehr Bedeutung, als die einzelnen Corporationen und eine die Gesammtheit umfassende Solidarität thue dringend noth. Der Redner kam nun auf die Ausschreitungen in Böhmen und Mähren zu sprechen. Vor nrehr als zehn Jahren, führte er aus, wurde seitens des Wiener Cultusgemeinde-Vorstandes der Regierung eine Denkschrift überreicht, in der die jetzigen Ereignisse vorhergesagt wurden. Besondere Divination gehörte auch nicht hiezu. Die Drohungen von der „gewaltsamen Abwickelung aus der Straße", vom „Sturm auf die Juden", haben ihre Früchte getragen, die Leidenschaften breiter Massen wurden in zügelloser Weise entfesselt, und schließlich zeigte cs sich, was eine bedauerliche Verrohung zu leisten vermag. Der Vorsitzende gedachte noch all der Vorstellungen und Audienzen, die angesichts der bedenklichen Erscheinungen ein energisches Einschreiten der Behörden verlangten, würdigte die Bedeutung eines sich über ganz Oesterreich erstreckenden Bundes und gab der Erwartung Ausdruck, daß auch die Besitzenden sich den Abwehrbestrebungen ihrer schwer leidenden Volksgenossen anschließen werden. Dr. Stern beantragte schließlich die Annahme folgender Resolution: „Die seit 15 Jahren und länger in Oesterreich betriebene Hetze gegen unsere Glaubensgenossen hat die dem positiven und dem natürlichen Rechte entsprechende Repression nicht gesunden. Eine Million österreichischer Staatsbürger jüd. Glaubens war all die Jahre hindurch fortwährend Beschuldigungen, Beschimpfungen und Schmähungen, auch materiellen Schädigungen und sonstigen schweren Angriffen auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens, des sozialen und geschäftlichen Verkehres ausgesetzt. Die Fortentwickelung zeigt, daß dieser feindseligen Bewegung, welche sofort bei ihrem Auftreten mit leichten Mitteln hätte eingedämmt werden können, nichts anderes als der durch den kulturellen Fortschritt längst überwunden geglaubte, jedoch zu neuem Leben erweckte Religionshaß mit allen seinen Begleiterscheinungen zu Grunde liegt. Erscheint es doch kaum faßbar, was Alles in unsere seit Jahrtausenden bestehende Religion — die Mutterreligion des Christenthums — hineingedichtet, welche Fälschungen, welche Ungereimtheiten herauSgelesen, welche nieurals bestandenen Traditionen erfunden, welche tausend- und tausendmal widersprochenen und widerlegten Lügen immer wieder von Neuem vorgebracht werden. Nun ist auch die schmachvollste, gefährlichste und dabei allerdümmste Lüge, die „Blutlüge", wieder zu neuem Leben erweckt worden. Sie durfte, so unglaublich dies am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen mag, in einem österreichischen Gerichtssaale ungeahndet vorgebracht werden. Sie bildet heute eine stehende Rubrik in gewissen Journalen, ohne daß dagegen die erforderliche Repression geübt wird. „Ritualmord" ist heute ein so geläufiges Schlagwort geworden, wie es in vergangenen Jahrhunderten Hexerei und Zauberei waren. Die Folgen dieses unheilvollen Treibens sind mit blutigem Griffel in der österreichischen Kulturgeschichte der Gegenwart eingetragen. All dem gegenüber erhebt nun der zum erstenmale zu ordentlicher Tagung zusammengetretene „Allgemeine Oesterreichisch-Jsraelitische Bund" seine warnende Stimme. Hundertfünfzig israelitische Kultusgemeinden in Oesterreich, die große Zahl österreichischer Israeliten, welche vermöge ihrer öffentlichen und Vertrauensstellungen als Repräsentanten der österreichischen Judenschaft zu erscheinen sich wohl berechtigt fühlen dürfen, wenden sich an die maßgebenden Faktoren im Staate, an die österreichische Regierung, an die staatlichen und autonomen Verwaltungen, an die öffentlichen Vertretungskörper und überhaupt an alle anständigen, rechtlich denkenden Kreise der Bevölkerung aller Konfessionen mit der dringenden Mahnung, jenem verhetzenden, unheilvollen Treiben mit aller Energie entgegenzutreten,' es nicht weiter zu dulden, daß eine Million österreichischer Staatsbürger um ihres Glaubens willen geächtet werde, es nicht zu dulden, daß am Schluffe des