Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1899)
- Date
- 1899-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1885 geben, weil Du mir den Reichthum mißgönnst. Ich aber werde im jrzo haschem7*) doch den Haupttreffer machen, wenn Du mir auch kein Loos giebst!" Knirschend vor Wuth lief Faißel aus der Synagoge. Kopfschüttelnd sah Simon dem Rasenden nach. Ist es denn möglich, daß er bei gesundem Verstand ist? Was ist mit dem bisher gntmüthigen, „harmlosen" Faißel vorgegangen? Er war zwar niemals ein Ailsbund von Klugheit; aber so verworren und unsinnig hat er noch niemals geredet und gehandelt. Vermag der falsche Glanz des Geldes des Menschen Blick so zu trüben, daß er die Wahrheit für eine Lüge, die Lüge für eine Wahrheit hält? Was ist aus dem biedern, arbeitsamen und vergnügten Faißel geworden, seitdem in ihm Wünsche nach Geld und Reichthum entstanden. Befindet er sich nicht in vollständiger Verwirrung? Ist die Wendung und Beneblung seines Rechtsgefühl — eine Wirkung feines Verlangens nach dem „Götzen" Mammon — nicht derartig, daß sie ihn seinem moralischen physischen Ruin entgegen führen muß? — Tief betrübt verließ Simon ebenfalls die Synagoge und — vergaß die Aufschrift, welche Faißel's Individualität so sehr charakterisirt, auszulöschen. IV. An dem darauffolgenden Morgen herrschte eine große Aufregung unter den Besuchern des Morgengottesdienstes, die sich von dort aus in Windeseile über das ganze Städtchen G . . . . verbreitete. Der Synagogendiener, welcher, als im Osten die Sonne aufstieg, die Pforten der Synagoge aufschloß, blieb ganz verblüfft und bestürzt vor der schwarzen Tafel stehen; er vergaß die Lichter vor dem Betpulte anzuzünden und seine sonstigen Obliegenheiten zu besorgen. Seinem Beispiele folgten alle Andächtigen, die sich nach und nach zum Frühgottcsdienft eingefunden: sie umlagerten die Tafel, auf welcher die sonderbare Aufschrift prangte. Staunen und Verwunderung malte sich in allen Gesichtszügen. Den Besuchern des Gotteshauses war es ja bekannt, daß nur ernste Kundgebungen von dieser Stelle aus zur Kenntniß der Gemeinde gebracht wurden. Was bedeutet nun diese Aufschrift? Ist dieses Pamphlet als ernst oder scherzhaft aufzufaffen? Der Badchen'-) Schlaume folgerte daher ganz logisch: Wenn eine solche Bekanntmachung an die Tafel angebracht worden ist, so könnte diese nur, entweder auf Befehl.des Rabbinatscollegiums, oder auf Anordnung des Parncß^) dorthin gelangt sein. Da es nun ganz paradox ist anzunehmen, daß diese 71) Wenn Gott will. 72) Possenmacher, Belustiger auf Hochzeiten. 73) Gemeindevorsteher. Behörden scherzen, ergo muß Faißel eine ganz ruchlose, fluchwürdige That begangen haben; denn wie käme man sonst dazu, ihn öffentlich für einen Esel und noch größeren Narren zu erklären?— Doch worin bestand sein Vergehen, daß man ihn dem öffentlichen Hohn und Spott preisgab? Darüber wußte Niemand Auskunft zu geben; selbst der sonst allwiffende Schammes 74) Graunom wußte heute keinen Bescheid und beeilte sich, seine beschämende Unwiffenheit unter einer ganzen Reihe grausiger Geschichten zu verbergen, welche mit der Verurtheilung zum Pranger oder solchen Aufschriften schloffen. Aber die Geschichte, die der Schammes zum Besten gab, vermochten auch nicht diese dunkle Affaire zu erhellen. Man erschöpfte sich in allen erdenklichen Vernluthungen, doch alle aufgestellten Combinationen erwiesen sich mehr oder minder unstichhaltig. Wo verschafft man sich Gewißheit, worin das Vergehen Faißel's bestand? Der Deliquent, der sonst immer einer der ersten Synagogenbesucher war, wird heute, da er noch nicht erschienen war, dem Synagogenbesuch ganz fernbleiben, weil er sich schämen dürste, seine Schmach zu sehen. Rebb Schimaun Rosenzweig, der sicherlich Licht in dieses Mysterium bringen könnte, blieb heute gegen seine Gewohnheit auch aus. Wo soll man da Aufklärüng erhalten? Die Neugierde der guten Gemeinde in G . . . war erregt, aber leider keine Aussicht, dieselbe zu befriedigen. „Rabbausaischlug der Chasen76) Rebb Raphael vor, welcher befürchtete, daß das Hinstarren auf die Tafel ohne Ende sein könnte, „die Tafel hat kein schum Jedioh7T), worin das Chet 78), welches der Sandler Faißel beging, bestand, dessen bin ich muvtach70) daher vermag sie uns auch keine Auskunft zu geben. Wozu umlagern wir sie also? Die Luchems^") ist sie ja nicht! — Gehen wir kaudem tot dowor bl) in die Schul und oren^) wir, denn ich sehe dort schon den Rabbi kommen. Nach dem Oren werden wir schon erfahren, welche Chatoim^) u'pschoim84) Faißel abzuklopfen hat." Der Vorschlag des Vorbetcrs wurde nicht ohne Zögern acceptirt, man trat in die Synagoge und traf Vorbereitung für die Andacht. Auch der Rabbi, eine herrliche Greisengcstalt mit durchgeistigten Zügen, 74) Synagogcndiener. 75) Meine Herrschaften. 70) Vorbeter. 77) Gar keine Kenntniß. 7s) Vergehen. 7!>) Versichert. 80) Bundestafeln. 81) Vor allem. 82) Beten. 83) Sünden. 84) Frevel.