Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1899)
- Date
- 1899-10-26
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449031--49354-2499879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22 Kürzer Ueberblick über die jüdischen Kolonien in P a 1 ä s t in a. Von W. Bambns. Die jüdischen landwirtschaftlichen Ansiedelungen in Palästina sind mit Ausnahme der letzten Gründungen keine planmüssig entstandenen und nach bestimmtem System angelegten Kolonien. Sie sind vielmehr meist spontan entstanden durch die Initiative einzelner Personen oder Gesellschaften, welche mehr guten Willen als Kenntnisse von der Landwirtschaft besassen, und zeigen die Spuren ihrer Entstehungsweise noch heute in ihrer ganzen Entwickelung, während allerdings die neuen Ansiedelungen planvoll angelegt sind und daher auch schneller gedeihen. In den meisten Fällen war das gekaufte Land für den Getreidebau ungeeignet, oder aber die Grundstücke, die den einzelnen Kolonisten überwiesen werden konnten, waren zu klein, als dass diese sich hätten vom Getreidebau ernähren können. Man war desshalb genöthigt, an andere Zweige der Landwirtschaft zu denken, die auf kleinerem Terrain grössere Erträge liefern können, als der Körnerhau. Dadurch kam man zur Anpflanzung von Weinbergen, sowie znr Anlegung von Fruchtbaumplantagen. Diese Anlagen erfordern aber alle eine erhebliche Zeit, bis sie nutzbringend werden. Diejenigen Kolonien, die auf den Weinbau basirt sind, erzielen zum Theil schon recht bedeutende Erträge, doch ist auch in diesen bisher nur ein Theil der Anpflanzungen fruchtbringend, so dass sich die Erträge noch von Jahr zn Jahr steigern. Die Fruchtbaumplantagen, welche erst in einem Zeiträume von 10—15 Jahren Erträge bringen, hatten bisher noch gar keine Ernte. Diese Verhältnisse müssen hei der Benrtbeilnng des gegenwärtigen Zustandes der Kolonien jeder Zeit im Auge behalten werden, will man nicht zn falschen Schlüssen kommen. Zu dem kommt, dass nicht nur die Verhältnisse der einzelnen Kolonien sehr verschiedena; tig liegen, sondern auch in den einzelnen Dörfern wiederum die Situation jedes Bauern von der seines Nachbarn abweicht, und zwar oft sehr erheblich. Endlich ist die Aufgabe, den Produkten Palästinas, besonders dem Wein einen Absatz in Europa zu schaffen, noch nicht vollkommen gelöst, und daher die Situation vieler Kolonisten nicht so gesichert, als es im Interesse der guten Sache, wie in dem der Kolonisten zu wünschen wäre. Trotz dieser Schwierigkeiten, die sich einem zusammenfassenden Unheil entgegenstellen, lässt sich dasselbe wenigstens in so weit mit Sicherheit abgeben, dass man sagen kann: Ein grosser Theil der jüdischen Bauern Palästinas ist zur wirthsehaftlichen Selbstständigkeit gelangt, ein zweiter, noch grösserer Theil steht derselben ausserordentlich nahe, während die Zahl derjenigen sehr gering ist, welche das ersehnte Ziel nicht erreicht haben, oder es nicht innerhalb weniger Jahre mit Wahrscheinlichkeit erreichen werden. * * Ich gehe nunmehr zur Betrachtung der einzelnen Kolonien über. Mikweh-Ji8rael. Die Ackerbauschule der Alliance israelite universelle (Mikweh-Jisrael) ist gegenwärtig abermals in neuer Vergrößerung begriffen. Die Schülerzabl beträgt gegenwärtig rund 180; sie soll auf 250 gesteigert werden. Die Schule liefert auch iu finanzieller Hinsicht sehr gute Erfolge, denn die Landwirtschaft, die hier auf einem Areal von 240 Hektar betrieben wird, liefert einen Ueberschuss von ca. 10—20,000 Francs pro Jahr. Im Jabie 1898 z. B. betrug derselbe netto 11,912,50 Francs. Rischon l’Zion ist ausschliesslich Weinbaukolonie unter dem bekannten Protektorat. Obwohl seine Entwickelung wesentlich von dem Verkaufe des Weines und den Preisen, die derselbe ergiebt, abhängt, so muss doch hervorgehoben werden, dass von sämmt liehen Bauern dieses Dorfes nur einer noch Unterstützung bezieht, die anderen alle bereits Rückzahlungen auf die erhaltenen Vorschüsse leisten. Rechowoth ist ebenfalls nur Weinbaukolonie, allein da dieses Dorf erst 1891 gegründet wurde, so ist ein Theil der Weinberge noch nicht ertragsfähig und daher die Lage der Kolonisten noch nicht gesichert. Eine Anzahl derselben jedoch, die einer Hilfe noch bedurften, haben im Vorjahre ein hypothekarisches Darlehen von der yewish Colonisalion Association erhalten und helfen sich nun schon allein weiter. Esra. Innerhalb des Doifes Rechowoth ist die kleine Ansiedelung „Esra“ gelegen, welche von den Vereinen mit einem Kostenaufwand von ca. 17,00) Francs errichtet wurde. Bei der Errichtung d eser Ansiedelung ging der „Esra“ von der Absicht aus, den in jüdischen Kolonien arbeitenden besitzlosen Tagelöhnern zu einem kleinen Btsitz zu verhelfen. Es wurden 5 Landarbeitern Häuser, Vieh und je ein Hektar Land zum Gemüsebau unter der Bedingung gegeben, dass sie in Rechowoth auch fernerhin als Tagelöhner beschäftigt werden sollen.