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Der Israelit · 1899-10-26 · Heft 85 (26.10.1899) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 85 (26.10.1899)
Date
1899-10-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1776 das jüdische Schulwesen in unserer Stadt. Oberst Harris, der auch Mitglied des Kap Parlamentes ist, vereinigt so in seiner Person eine Anzahl von Würden, die sich wahrscheinlich nicht zum zweiten Mal zusammenfinden. Er ist Oberst, Meisterschütze, Abgeordneter, großer Finanzmann und dabei Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Man darf mit einiger Spannung abwarten, ob er bei den jetzigen Kämpfen neue Lorbeeren ernten wird. Capstadt. Unter den Tausenden Flüchtlingen, die hier sowie in Pietermaritzburg und Durban alle Anstalten, Asyle und Privathäuser anfüllen, sind auch viele Juden und diese haben allen Grund, die Gastfreundlichkeit ihrer Glaubensgenossen zu rühmen. Die Juden in Capstadt, obwohl sie politisch wenig hervortreten, sind doch meist wohlhabend und thun, was in ihren Kräften steht, um die Roth der Flüchtlinge aus Johannisburg zu mildern. Uebrigens sind viele Juden in Transvaal geblieben, die auf Seiten der Buren stehen und ihnen ihre militärische Hilfe angeboren haben. Selbst in unserer Kolonie sind die Meinungen unserer Glaubensgenossen politisch getheilt. Während die Abgeordneten für Kimberley und Mafeking, Oberst Harris und Julius Weil zu der englischen Partei von Rhodes gehören, hängt Charles Sonnenberg der Abgeordnete von Vrybourg, der Afrikanderpartei an und ist ein Freund von dem jetzigen Minister Schreiner. Wie man steht, sind die Juden auch hier wie in den anderen Ländern in allen Parteien zu finden. Letzte Nachrichte«. Wie«, 24. (Jüdische Flüchtlinge in Holleschau in W ien.) Mehrere hundert Juden sind aus Holleschau geflüchtet. Trotzdem Militär dort ist. wollen sie nicht bleiben; sie können sich mit ihren Familien dort nicht mehr sicher fühlen. Mehrere dieser Flüchtlinge, darunter eine Familie mit kleinen Kindern, sind heute Abends in Wien eingetroffen. Der Anblick der Flüchtlinge, die mst Weib und Kind, im Ganzen ungefähr zwanzig Personen, die EoupsS verließen, war jammervoll. Die Flüchtlinge erzählen, wie durch wochenlang fortgesetzte Agitationen die christlichen Bewohner des Ortes, die bisher mit den Inden in größter Eintracht gelebt hatten, gegen die Juden aufgehetzt worden waren, so daß heute kein Jude mehr dort seines Lebens sicher ist. Der jüdische Fleischhauer Botfcha» dessen Wohnung bis auf den letzten Nagel geplündert worden ist, wurde gestern noch auf der Fahrt zum Bahnhof angefallen und durch Steinwürfe am Kopse verletzt. Die ersten bedrohlichen Anzeichen waren schon Samstag Abends wahrzunehmen. Der Sonntag brachte schon am Morgen neue Beunruhigung für die Juden. An den Straßenecken erschienen die Placate, durch welche die Bevölkerung aufgefordert wurde, Abends gegen die Juden loszugehen. Das Einschlagen der Fensterscheiben begann um 4 Uhr Nachmittags beim Hause des Liqueur-ErzeugerS Grätzer. Bald darauf kam, von Erwachsenen geführt, eine große Schaar von Schuljungen in die Judenstadt und begann gleichfalls mit einem Steinbombardement; die Erwachsenen folgten dem Beispiel der Buben. Zwei Vertreter der Judengemeinde, welche die Gefahr erkannten, eilten zürn Bezirkshauptmann und baten ihn, Militär zu reguiriren. Dr. Loset erwiederte aber, er bürge dafür, daß die Ruhe und Ordnung weiter nicht gestört werden; er würde sich lächerlich machen» wenn er militärische Hilfe verlangte. Daß diese aber sehr nothwendig gewesen, zeigte sich schon beim (Eintritte der Dämmerung. Bald nach fünf Uhr Abends begannen die Plünderungen. Die Gendarmerie war zu schwach, sonst hätte nicht so arg geplündert werden können. Ausgeplündert wurden: die Branntweinbrennerei Grätzer, das Spezereiwaaren-Geschäft M. u. E. Batscha auf dem Ringplatz, ferner das Schanklokal der Frau Beronika Batscha, das Manufacturwaaren-Geschäfl von Mar Beer's Sohn, von d ffen Lager im Werthe von 30,000 fl. gar nichts übrig geblieben ist. Die Läden wurden mit Werkzeugen aufgesprengt und die Ercedenten benahmen sich wie Vandalen. Auch in Privatwohnungen drangen sie ein, verübten Erpressungen, forderten Geld und nahmen mit, was ihnen in die Hände fiel. Viele nahmen aus den Wohnungen der Juden Bettzeug mit und zerrissen es auf der Straße, die stellenweise aussah, als ob Schnee gefallen wäre, so dicht lagen die Federn umher. Vier Stunden hindurch dauerte die Plünderung; erst durch das Erscheinen des Militärs wurde derselben Einhalt gethan. Es gibt kein Judenhaus in Holleschau, dessen Fenster nicht zertrümmert sind. Die Plünderer verschonten selbst ein Haus nicht, in welchem ein Todter lag; der Verstorbene, MoseS Gold, wurde heute unter militärischer Bedeckung begraben. Der Gemeinderath Ehrlich, der Polizei-Commiffär der Judengemeinde ist, wurde heute ans die Dennnciation, daß er auf Ercedenten aus seinem Hause geschossen habe, verhaftet. Mittags war er noch in Haft. Auf allen Stationen traf ich Flüchtlinge; sie gehen nach Napagedl. Brünn, Olmütz, Wien, einige sind auch nach Ungarn gefahren. Eine hervorragende Rolle bei den Hetzereien hat nach den Erzählungen aller Flüchtlinge der Druckerei-Besiser Klabusay gespielt. Schon Samstag Abends haranguirte er mehrere betrunkene Bursche gegen die Juden. Nach */v2 Uhr Nachts drang er an der Spitze seiner Arbeiter in die Judenstadt und begann zu randalireu und die Fenster einzuschlagen. Er wurde deßhalb von den Juden mit seinen Begleitern aus der Straße hinausgeprügelt. Sonntag Früh hing er vor seinem Hanse eine blutige Eravatte und ein blutiges Hemd auf; ebenso ein Bild des Ritualmordes — eine blut rünstige Phantasie. Auch sehr viele intelligentere Elemente sollen sich an den Ausschreitungen betheiligt haben, selbst besser gekleidete Frauen und sogar Mädchen. Die Gattin eines Lehrers sowie andere Frauen sollen der Menge, als das Bombardement auf die Fenster begann, Steine zugetragen und zu weiteren Ercessen ermuntert haben. Als die Excedeuten zu dem Hause des Rabbiners Dr. Freimann kamen, schrieen sie: .»Das Haus müssen wir bis auf den Grund zerstören und Alle-, was darin ist, erschlagen." Man sckne nach Leitern, man wollte vom Dache auS anfangen und keinen Stein auf dem andern lassen. Als die Situation nun ansing, äußerst kritisch zu werden, sammelten sich die wenigen Gendarmen und es erging die Aufforderung an die Menge, sich znrückzuziehen. Darauf wurde die Wache verhöhnt. Als eine nochmalige Aufforderung nichts fruchtete, gaben die Gendarmen Feuer. Es war ungefähr um ^48 Uhr, in dem Momente, als man daran ging, das Haus des Rabbiners zu demoliren. Der Fleischhauer PrusenowSky, ein Opfer der Katastrophe, hatte sich an den Plünderungen hervorragend bethefligt. Nach den Schüssen wendete sich die Wuth der Plünderer gegen die Gendarmen; sie begaben sich zur

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