Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-10-23 · Heft 84 (23.10.1899) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 84 (23.10.1899)
Date
1899-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449030--49318-2499842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1759 „Chewra Kadischa"; bis vor einigen Jahren war er Vorsitzender des Synagogen-Verbandes, der unter seiner Leitung sich zu hoher Blüthe entfaltete. Als im Jahre 1888 Herr Oberrabbiner A. Stern bw das Zeitliche segnete und das Rabbinat verwaist war, gelang es seinem Einfluß, Herrn Oberrabbiner M. Hirsch zu bewegen, dem Ruf hierher Folge zu leisten, zum Segen und zum Glück unserer Gemeinde. Um den Verstorbenen klagt außer den Kindern eine große Schaar von Enkeln; der Familie schließt sich in inniger Trauer die ganze Gemeinde an. Herr Wolf war in Wansbeck, eine der bekannten drei Kehillaus ras, geboren. Als junger Mann kam er hierher in die Lehre und zwar zu R. M. Hirsch, dem Vater von Samson Raphael Hirsch. Nach Begründung eines eigenen Geschäfts führte er die Tochter des weltbekannten und allgemein beliebten Hofgraveurs Jfaac I. Nathan heim. Aber auch Leid sollte dem sonst vom Glücke begünstigten Manne nicht erspart bleiben, seine Gattin starb in ihren besten Jahren und der älteste Sohn mußte kurz vor beabsichtigter Hochzeit von dieser Erde scheiden. Viel gesprochen wurde von Louis Wolfs zur Zeit als in der bekannten Friedhofsangelegenheit er den Jntensionen des b’ät 21 entgegentrat, während er früher ganz auf dessen Seite und zwar auch in dieser Angelegenheit gestanden hatte. Vor etwa zwei Jahren zwang ihn ein Herzleiden seine Aemter niederzulegen; die letzte Sitzung, der er mit anwohnte, war, als es sich um die Entscheidung der Aschenbestaltung handelte; hier schloß er sich meinen Ihnen berichteten Ausführungen an. Im Sterbehause sprachen der Herr Oberrabbiner nnd Herr Hermann Gumperz in tiefergreifender Weise. Im Ohcl (Grindelbegrabnißplatz) widmeten Rabbi Chajim Weiß, der verdienstvolle Rabbi der Chevrah, sowie Herr Rabbiner Dr. Carlebach—Lübeck dem Heimgegangenen innige Worte des Nachrufs. Viele Herren vom Vorstande, Freunde und Verwandte waren herbeigeeilt, um dem beliebten Manne die letzte Ehre zu erweisen, rraaun. Insterburg, 19. Oct. Ein bedeutsames Gutachten über den sog. Ritualmord hat der als Orientalist und evangelischer Theologe gleich hervorragende Geheime Kirchenrath Prof. Dr. B. Stade, ehemaliger Rektor der Großherzogl, Ludwigs-Universität zu Gießen an den hiesigen Herrn Rabbiner Dr. Beermann gesandt. Der Brief, der in weitesten Kreisen das größte Interesse finden wird und den wir durch die Freundlichkeit des Herrn Rabbiner Dr. B. schon heute veröffentlichen können, hat folgenden Wortlaut: §r. Ehrw. Herrn Rabb. Dr. Beermann, Insterburg. Sehr geehrter Herr Doktor'. Meine Meinung über die Blutbeschuldigung habe ich bereits aus Anlaß des TiSza-ESzlarer Prozesses traurigen Angedenkenaufs llnzweideuttgste geäußert. Da sie sich in den damals gedruckten Mtheilen findet, so ist eigentlich keine Ursache, darauf zurückzukommen. Da man aber leider gerade Selbstverständliches nicht oft genug sagen kann, so will ich Ihnen Ihre Bitte nicht abschlagen. Ich habe begreiflicher Weise kein Urtheil darüber, wer den Mord, um den es sich im Polnaer Prozeß gehandelt hat, begangen hat. Selbstverständlich ist »weiter die Möglichkeit, daß ein Jude mordet oder in abergläubischen Zwecken Blut vergießt, vorhanden, wie ja die gleiche Möglichkeit auch bei Christen vorliegt. Sollte oaS aber von einem Juden geschehen fein, so hat es der Betreffende nicht gethan, weil er Jude ist, geschweige um eine religiöse Vorschrift zu erfüllen, sondern trotzdem er Jude ist und unter Uebertretung der heiligsten Gebote seiner Religion. Er hat eS gethan, weil die jüdische Religion in seinem Leben nicht zur Macht geworden ist. Vom Standpunkte dieser aus (d. h. der jüdischen Religion auS D. Red.) betrachtet, hat er eine abscheuliche Sünde begangen. Wenn in der Christenheit die Kenntniß der Kirchengeschichte weiter verbreitet wäre, so würden sich keine Christen finden, die die boshafte Nachrede, die Juden vergössen Blut zu rituellem Zweck, glauben und verbreiten. Sie können diesen Brief benutzen, wie Sie wollen. Mit freundlicher Begrüßung Ihr ergebener Bernhard Stade. Gießen, den 17. Oktober 1899. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie», 20. Okt. (Zum Mädchenmord in P 0 l n a.) Der Vertheidiger Leopold Hilsner'S, Dr. Aurednicek, hat heute bei dem Obersten Gerichtshöfe die Nichtigkeits-Beschwerde für den Verurtheillen überreicht. Diese gründet sich auf §. 3l4, Z. 5, St. P. O., und wendet sich gegen die in der Hauptverhandlung erfolgte Ablehnung folgender Anträge der Verteidigung: 1) Auf Einholung eines Facultäts- Gutachlens in Betreff der angeblichen Blutstecke auf der Hofe: 2. auf Einholung eines Facultäts-Gutachtens bezüglich des von den Polnaer Gerichtsärzten erstatteten Gutachtens, insbesondere mit Rücksicht darauf, ob die Strangulirung oaer die Schnittwunde den Tod herbeigeführt habe; 3 auf Vornahme eine- Lokalaugenscheines an dem Auffindung-orte des Leichnams und einer Befichtigungsprobe auf Distanz mit dem Zeugen Pefak unter Zuziehung des gefammten Schwurgerichtes und fämmtlicher Funktionäre; 4. auf Herbeischaffung der in Warnsdorf wegen Mordes und Sittlichkeilsverbrechens verhafteten Franz Wehr und Confrontirung desselben mit den Zeugen; 5. auf Verlesung der vorgelegten o2 Gutachten von theologischen Fakultäten, Bischöfen, Gelehrten u. s. w., welche darlegen, daß die jüdische Religion keinen Ritualmord kenne. Prag, 21. Oct. Von den vorgestern Verhafteten wurden fünf wegen Auflaufs und einer wegen versuchter Brandlegung in das Amtsgericht eingeliefert. Vier wurden polizeilich mit drei- und sechstägigem Arrest bestraft. In L a um kam es gestern Abend zu Ansammlungen, wobei mehreren Israeliten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.