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Der Israelit · 1899-10-16 · Heft 82 (16.10.1899) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 82 (16.10.1899)
Date
1899-10-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1720 habe Herr Dittmar selbst ziemlich unverblümt über die Angelegenheit Mendelssohn gesprochen. Sobald der Zeuge Mendelssohn jedoch selbst auftrat, sei das Schweigegebot wieder wirksam gewesen. Die Geschichte Hessens der letzten 50 Jahre beweise, daß es zu den Gepflogenheiten der jeweiligen Justizminister gehöre, Juden nicht als Richter anzustellen. Es komme gar nicht darauf an, ob das ein Prinzip sei, es genüge, daß er tatsächlich und ausnahmslos geschehe. Getaufte Juden stellt man an. Wolle man in der That auf die Stimmung einer verhetzten Bevölkerung Rücksichten nehmen, so dürfte man ihr auch einen getauften Juden nicht als Richter anbieten; denn in den Augen dieser Bevölkerung bleibe auch der getaufte Jude ein Jude. Die 'Aeußerung Dittmars über den sjudenfreien Richterstand Hessens werde nicht gerade beruhigend wirken. Er erblickte jedenfalls einen Verstoß gegen das Gesetz in dem Schweigegebot für die geladenen Beamten. Er habe den Eindruck, man hätte fürchten müssen, nicht daß das Wohl des Reiches und Staates gefährdet, wohl aber, daß das Interesse des Justizministeriums geschädigt werde. DaS Interesse des Justizministers sei aber nicht identisch mit dem Staatswohl. Deßhalb sei, da die Bedingungen des § 53 Abs. 2 des Reichsstrafgesetzbuchs nicht erfüllt seien, das Schweiggebot in diesem Falle ein Verstoß gegen das Gesetz. Herr Giesen habe im Dienste eines berechtigten Interesses und zum öffentlichen Wohle gehandelt, als er den inkriminirten Artikel veröffentlichte, und er müsse deßhalb freigesprochen, zum Mindesten aber nur mit einer sehr gelinden Strafe belegt werden. Zeitungsnachrichten rrnd Eorrespondenze« Deutschland. M»inz, 12. Dft. Heute erschien an unserer Kasse für arme Durchreisende Wilhelm Cerwink a, Sattler und Wagenbauer-Gehilfe aus Luze, geboren 7. Mai 1877 in Dobruczka, derselbe war vom 3. Mai 1899 bis zum 23. September 1899 bei der Firma Josef Reich, Inhaber Josef Termantigel in Polna thätig. Dieser hat ihm das Zeugniß ausgestellt, daß er sich während dieser Zeit treu fleißig und ehrlich betragen habe und ordnungsmäßig entlassen sei. Derselbe kann folgendes beschwören : Im Jahre 1897 in Jglau kam Leop. Hilsner zu mir, zwischen dem 20. Juli bis ü9. August, er kam aus der Arbeit, aus Kloster Saar. Er trug die betreffende. Hose unter dem Arm, eingewickelt in blauer Tuch. Die Hose war blutig. Er zeigte sie mir und sagte mir, er könne bei der Bahn in Saar nicht weiter arbeiten, weil man sich da leicht Verletzen könne, man verdiene da nichts und zerreiße alle Kleider. So weit ich mich erinnere, waren an der rechten Seite der Hose frische Blutstropfen und Hilsner sagte auf böhmisch: „Beinahe wäre ich dort umgekommen." Hilsner« Nase war ganz zerschunden. Ich wollte die Hose kaufen, habe dies aber doch nicht gethan, weil sie mir zu theuer schien. Hilsner reiste hierauf nach Polna zurück. Nach den Reden des Bruders Hruza scheint derselbe des Mordes an seiner Schwester dringend verdächtig. Derselbe äußerte sich in meiner Gegenwart und in Gegenwart noch mehrerer meiner Kameraden, die ich event. namhaft machen kann: „Wenn meine Schwester nicht mehr wäre, hätte ich jetzt tausend Gulden." Die Aussage von Franz Six, Schuhmachermeister, die dieser bei der Verhandlung in Kuttenberg machte, daß Hilsner sowohl, wie sein Bruder auswendig gebetet haben, bestreite ich, da ich bestimmt weiß, daß weder Hilsner, noch sein Brnder auswendig beten können Wenn ich mit Hilsner spazieren ging, so bat er mich stets, nicht in der Stadt, sondern im Lust-Waloe spazieren zu gehen, da er sich vor den Leuten schäme, daß er beschäftigungslos sei. Auch daß Hilsner arbeitsscheu ist, muß ich bestreiten. Als ich im Frühjahre 1898 mit ihm auf der Wanderschaft war, hat er sich sehr ernstlich um Arbeit bemüht; er wollte sogar als Taglöhner arbeiten und konnte nur deßhalb keine Arbeit finden, weil er sehr leicht als Jude erkenntlich ist. Hilsner besaß wohl einen gelben Spazierstock, den er aber niemals mit sich führte; er trug immer einen Regenschirm. Auch hatte er niemals ein großes Messer, sondern ein gewöhnliches Taschenmesser. Ich bin deßhalb nicht in Kuttenberg als Zeuge vernommen worden, weil zuerst auf Zureden von Verwandten, daß ich mich nicht in die Affaire mischen soll, ich mich nicht gemeldet habe und später, als ich mick noch nachträglich meldete, wurden, weil zu spät, keine Zeugen mehr angenommen. Im April d. I. erhielt ich einen Brief, in dem man mich ersuchte, Auskunft über den Polnaer Mord zu geben. Der Brief enthielt die Unterschrift: Todtenkopf, Postrestante, Brünn. Ich antwortete, der Schreiber möge sich an den Arbeiter-Verein, Brünn, wenden. Ich reise von hier über Worms und Stuttgart nach Hause (Jglau). Ich bin vom 16. bis 30. in Stuttgart, Adresse Gewerkschaftsh. Eßlingerstraße 17—19. Frankfurt a. M., 15. Ott An Stelle des pensionirten Herrn Dr. B ä r w a l d wurde der Berliner Rector Adler, der bekannte Vorsitzende des Verbandes jüdischer Lehrer, zum Director der Philantropin ernannt.

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