Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1899)
- Date
- 1899-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449028--49272-2499794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1715 Grunde; in die richtige Hand gekommen, so behauptete sie bis an ihr Lebensende, * wäre Löbele ein Landrow geworden. Löbele war wohl ein Narr, doch nicht ohne Witz, den hatte er vom Vater. Als er ins Ehedcr ging, war er aus den Melamed Reb Kasmon nicht gut zu sprechen, denn er wurde von ihm oft unsanft bei den Ohren gefaßt. Er rächte sich dafür, wo er nur konnte. Die Chederbank, die aus einem Brette und einigen Ziegeln, die als Füße dienten, bestand, brachte er stets in eine solche Lage, daß sie auf der einen Seite das Uebergewicht bekam und mit starkem Gepolter zur Erde stet. Der Melamed schlug, fluchte, es half nichts; Löbele blieb unbändig. Löbele feierte das Barmizwohfefl63), verließ das CH cd er und ging mit dem Vater ins Dorf, die Lehrjahre waren vorüber, nun begannen die Wanderjahre. Löbele war groß, stark, anstellig zum Geschäft, aber ein Narr, die Leute sagten, das wäre ein Erbe von der Mutter. Die Leute trieben Allotria mit ihm, gaben ihm Bier und Weinreste zu trinken, wenn sein Vater nicht dabei war, ließen ihn rohe Linsen, Erbsen, Bohnen u. dgl. effen, er brachte es darin zu einer solchen Fertigkeit, daß er von jeder rohen Hülsenfruchtgattung ein Hand voll eflen konnte. Dafür ließ er sich dann eine Maaß Bier, ein Viertel Wein, ein Abendbrod zum Scholeschseudoh 64) zahlen und so bildete er sich zum Vielfraß heran. Es war staunenerregend, was Löbele konfumiren konnte, nur dürste es nicht sein Geld kosten. Einmal ging er eine Wette ein, daß er 20 Paar Würste, 20 geflochtene Brode effen und dazu 20 Glas Waffer trinken werde, und er gewann die Wette. Löbele hatte aber auch einen gewissen angeborenen Naturwitz, der ihm oft über die schwierigsten Situationen hinweghalf. In gewissen Dingen ein Narr, war er sonst aber recht klug und auf seinen Vortheil bedacht. Löbele ging mit seinem Vater auf den Handel und half ihm redlich, die drei nachgeborenen Töchter an würdige ' Männer zu verheirathen; Löbele selbst wollte als Familiant im Stammhause bleiben und der Gattin seiner Wahl dort ein behagliches Heim bereiten. Er war ehrlich und redlich, wie sein Vater, die Gunst der Bauern in N. ward auch ihm gleich seinem Vater zutheil. Er lebte wie sein Vater streng nach den Satzungen, besuchte das Gotteshaus. Daß er vielleicht nicht mit solcher Innigkeit Gott anbetete, vielleicht nicht mit allen seinen Gliedern gesprochen: „Herr, wer gleichet Dir," scharfe Beobachter wollen dies behaupten, doch wer vermag die Regungen des Menfchenherzens zu ergründen, die 63) 13. Geburtstag. 64) Die dritte Sabbatmahlzeit. Gedanken, die im verborgensten Winkel der Menschenbrust schlummern, zü erkennen? Wervermag zu sagen, Dein Geist sinnt Böses, doch Dein Mund wagt'« nimmer es auszusprechen, im Dunkel der Nacht unter dem Schleier des Traumes denkst Du es, doch das Licht des Tages scheut Dein sündhaft Sinnen! Einmal blos machte sich Löbele- Scepfls Luft; doch wer weiß, ob die Sucht Alles und Jedes zu genießen, bei ihm so tiefe Wurzeln geschlagen, daß er Reue empfand, dem gesetzestreuen Judenthum anzugehören, oder ob es nur ein Witz war, dem keine ernste Bedeutung beizumeffen? Es war an einem heißen Sommertage, Löbele war mir seinem Vater in N. und nachdem sie ihre Geschäfte abgewickelt, saßen sie auf dem Felde, um ihren trockenen Käse und ihr hartes Brod zu verzehren. Der Prior von N, ein sehr jovialer Herr, der den ehrlichen Sußmann besonders gut leiden mochte, kam gerade dazu, als sie die Käsebüchse öffneten. „Warum lebt Ihr denn so schlecht", fragt der Prior, „Ihr sollet Euch doch besser nähren. Euere Vermögensverhältniffe sind doch nicht so schlecht." „Wir müssen uns schwer plagen, hochwürdiger Herr," so antwortete Reb Sußmann, „um das Nöthige für das Haus zu erwerben." „Kommet doch mit mir," sprach der Prior, „ich habe heute große Gesellschaft und für zwei neue Gäste wird das Mittagsbrod wohl noch reichen." „Hochwürdiger Herr," so sprach Reb Sußmann, „wir dürfen doch bei Nichtjuden nichts genießen, Ihr wisset doch auch, daß das Gottesgesetz es uns verbietet." „Ihr seid doch schon alt," so sprach der Prior zu Reb Sußmann, „nehmet doch ein paar Löffel Suppe und ein Glas Wein, dies ist doch gewiß kein Verstoß gegen den Glaub-n." Doch Reb Sußmann konnte auch dazu die Einladung nicht annehmen. Schließlich sagt eder menschenfreundliche Prior, „kommt mit, trinket ein gutes Glas Bier, das wird das trockene Brod und den Käse anfeuchten, vielleicht bekommt Ihr auch Lust mit mir zu halten, wenn Ihr die wohlschmeckenden Speisen riechet. Reb Sußman und Löbele gingen mit. Im Kloster ward ihnen auf einem Tischchen j im ^Speisezimmer Bier gereicht, das ihnen gut mundete. ^,Der Prior und seine Gäste sprachen den Speisen und Getränken wacker zu. Es waren auserlesene Gerichte, die dort in reicher Fülle servirt wurden. AlslReb Sußman mit seiner kärglichen Mahlzeit fertig war, erhob er sich und dankte dem Prior für das gute Bier. Kaum, daß Reb Sußman den Ausgang erreicht, da sprach er zu seinem Sohne: . „Mögen jene effen und trinken, wonach ihr