Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1899)
- Date
- 1899-10-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449027--49257-2499778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWW UL. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 81 lies „Israelit". Leitender Artikel. War Hirsch nur Homiletiker? Von L. Roth, Bafel. II. Anders, als in dem vorhergehenden Aufsatz geschildert , verhält es sich im Chorew und I in den Arbeiten im Jeschurun. Hier überwiegt das, was man etwa mit Agada bezeichnet. Aufgabe dieser Schriften soll sein uns einen summarischen Ueberblick über n-atan tprrs zu geben, nisert t?mj Pflegen in der That mehr dem Gebiete der Agada, Homilie anzugehören. Die Geschichte der Agada lehrt dies. Die talmudische Agada oder Homilie ist eine zwanglose Auslegung von Bibelstellen unangesehen der halachischen Bedeutung. Die Meinungen, Anspannungen, Empfindungen, Zeitverhältnisse, Ereignisse werden in geistreichem Anschluß an die Bibelstellen gelehnt. Die Hauptrolle spielt die subjective Empfindung, der Geschmack; daher die verschiedenen agadischen Epochen, und die oft wiederkehrende Erklärung — i'no nr« ma« bvi. — Die mittelalterliche Agenda ist ebenfalls zwanglos und durchweg von den Wellenschlägen zeitgenössischer Cultur, Bildung, Philosophie getränkt. Es werden in diesen Zeiten die einfachen Worte der Schrift für ganz fremde Gedanken nutzbar gemacht und nur zn oft ganze Schichten der Agadaliteratur mit fremden Geistespflanzen umrankt. Ja, man kann wohl sagen, daß je mannigfacher die Einflüsse der Zeitumstände und je bewegter der Contact mit fremden Culturelementen, desto^üppiger bemoost war die Agada. Der Bibelvers wurde nur zu oft verunstaltet. Und je mehr das Judenthum im-Geiste der eigenen Thorawiffenschaft blieb, desto einfacher, gesunder und urwüchsiger war die Agada. Ein Vergleich der Agada Spaniens mit der oer Provence im 16. Jahrhundert wird dies bestätigen. — So erwuchs im Drange der Zeiten, theils in Anlehnung, theils in Auflehnung gegen die das Judentum umgebenden Culturmedien immer mehr ein selbstständiges Gebiet der Schrifterklärung, das man von der feststehenden halachischen strikte schied. Denn während die Halacha aller Zeiten und Länder in ihren niethodischen und formalen Grenzen objektiv betrieben wurde, ist die Agada je nach Land und Leuten verschieden. Und ich glaube nicht fehl zu gehen. wenn ich für einige Jahrhunderte der mittelalterlichen und neuen Geschichte die Wahrnehmung aufstelle, daß die Agada zur Bildung ihrer Träger in proportionalem Verhältniß steht. Für das 12. und 13. Jahrh. gilt der Satz: je vielseitiger die Bildung, desto complicirter, unnatürlicher ist ihre Agada. — Daß diese Subjektivität die Geltung der Agada, d. h. ihren inneren Werth für die wahre Erklärung abschwächt, ist klar. Daher ihre Relativität. Je mehr sie sich von der Halacha entfernt, desto relativer wird sie. Baut fick auf solchen subjektiven Steinen das System der Totalansicht auf, dann wird es nur relativen Werth haben. Hirsch nun, und darin liegt seine große Bedeutung, war bemüht, seine Agada dieser Relativität immer mehr zu entrücken. Durch den halachischen Unterbau gewinnt sein Trafen wvb immer mehr objektiven, halachischen Charakter. Wie weit es ihm gelungen ist, dies zu erreichen, wie viel er von der jedem Denker anhaftenden Subjektivität überwunden hat, ist Sache der Forschung nachzuweisen. DaS eine steht fest, daß es feine ausgesprochene Bemühung war, bei jeder Erklärung den objektiven Charakter, wie ihn das Halachastuoium an die Hand gibt, zu erlangen. Ec hat es an einer Stelle deutlich ausgesprochen, daß der „Drusch"' um so b.ffer, ja nur dann gut ist, wenn er, wie das Wort es besagt, herausholt, nicht aber h'rneinlegt. Ein glänzendes Beispiel sind hiefür die jüd. Aristoteliker des Mittelalters. Der Raum dieser Arbeit verstattet es nicht, auf all das einzugehsn, wie Hirsch seiner Aufgabe beigekommen, in wieferne er seine Schristerklärung von der Trübung der Subjektivität zu wahren im Stande war. Aber das eine glauben wir erwiesen zu haben und ein Blick in seine Wecke bestätigt es, daß Hirsch's eigenartige Leistung der große Zug charaklerisirt, auf Grund der Halacha zu bauen. Sein rraran eni'v, wie sie im Chorew uns begegnen, sind das Ergebuiß der Studien des Pentateuchs und der Halacha. Sie gehen nur zeitlich in der Veröffentlichung diesen voran, in seinem Geiste und seiner Forschung ist und bleibt die Halacha das erste. — Es gibt natürlich neben diesen halachischen Grundanschauungen, auch sogenannte agadäische Elemente, die immer sein werden, so lange der Mensch das Göttliche erklärt. Aber der Dauerwerth, den die halachische Forschung seinen Werken verleiht, ist viel zu groß, als daß man ihr Schwergewicht in die Sphäre der Agada verlege. Eine gründliche Auseinandersetzung mit Hirsch ist wünschenSwerth und