Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1899)
- Date
- 1899-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XL. Jahrgang/ M SO. Gentrak-Hrgan für das orlhodore Iudenlhum Begründet von Dr. in QtKin}. Montag, de» 9. Oktober 5660 (1899)« Leitender Artikel. Eine j)rotestverscnnmlung. Wien, 7. Oktober. Dem energischen Proteste der israelitischen Gemeindevertretungen und Rabbiner Oesterreichs gegen die im Kutienberger Gerichtssaale wider alle Bekenner des Judenthums erhobene Blutritual-Beschuldigung haben sich heute in einer Massenversammlung die Mitglieder der Wiener israelitischen Eultusgemeinde abgeschlossen. Im großen Musikvereinssaale, derselben Stätte, an der vorige Woche in derselben Angelegenheit die Antisemiten das Wort ergriffen hatten, wurden die Angriffe heute zurückaewiesen. Weit mehr als dreitausend Personen hatten der Einladung der Eultusgemeinde Folge geleistet. Sie konnten Alle nicht Platz finden in dem Riesenvarguet des Musikvereinssaales und auf den mit Menschen dicht gefüllten Galerien, und Hunderte mußten unterrichteter Dinge leim Gingangsthore umlehren. Tie zerbrochenen Fensterscheiben des Portals zeugen von dem gewaltigen Ansturm der Einlaß Begehrenden. Die Sicherheitswache mußte aufgeboten werden, um dem Andrang von allen Seiten zu wehren. Von */,7 Uhr au ergoß sich der Menscheuftrom in den Saal, und balv waren alle Sitz- und Stehplätze besetzt. Reben den Vorstehern der Eultusgeweinde und den Rednern des Abends sah man aus der Estrade zahlreiche angesehene Advokaten, Aerzte, Industrielle und ftaufleute, Viele, der feierlichen Veranlassung Rechnung tragend, schwarz gekleidet. In den ^ogen und auf den (Valerien saßen viele Damen. war eine Monstre-Vermmmlung eigener Art, wie sie die konstitutionelle Aera in Oesterreich noch nicht sah, weil die Wogen des konfessionellen Hasses in diesen fünfzig Jahren noch nie fo bodb empvrgeschla. en haben. Die würdevolle und doch so eindringliche Beredsamkeit des geistlichen Oberbirten der Wiener Judengemeinde die markigen Worre des Vorsitzenden und des zweiten Redners weckten in der Versammlung ein stürmisches Echo, das sich oft zu minutenlang währendem Beifallssturm steigerte. Dramatisch war der Augenblick, als der > Ober-Rabbiner, die Rechte zum Schwur erhoben, unter höchster Spannung der Zuhörer den feierlichen Eid leistete, daß die Blutbeschuldigung ein lügenhaftes Märchen sei. Und als zum Schluffe der Versammlung des Kaisers gedacht wurde, als des obersten Hüters und Wahrers von Recht und Gesetz, da erhoben sich die Anwesenden wie Ein Mann. Hüte und Tücher wurden geschwenkt, und ein dreimaliges, tausendstimmiges Hoch machte den Saal erzittern. Als Regierungsvertreter war Polizei-Commissär Johann Lauter anwesend. Dem ungestörten Verlauf der imposanten Kundgebung, de in eine geharnischte Resolution ausklang, entsprach das äußere Bild in den Straßen um den MusikvereinSsaal. Es fand keinerlei Demonstration von gegnerischer Seite stall. Begrüßungsrede des SemelnderatheS Dr. Ster«: Ich habe die Ehre, Sie in Vertretung des Präsidenten der Israel. Cultusgemeinde, kaiserlichen NatheS Kling er. der seit Monaten krank ist, und namens des Vorstandes herzlichst zu begrüßen und Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen zu danken. — ES hat — wie Ihnen bekannt — unmittelbar nachdem der Prozeß in Kuttenberg mit allen seinen Begleit-Erscheinungen stattgefunden batte, der Cultusvolstand im Vereine init dem Rabbinate einen feierlichen Protest erhoben, welchen er amtlich zur Kenntnitz deS Minister- Präsidenten, des Justizministers. des CultuSministers und des Statthalters von Nieder-Oesterreich und auch durch die Journale zur öffentlichen Kenntniß brachte, einen feierlichen Protest gegen die in jenen Prozeß hineingetragene tendenziöse Beschuldigung, daß das Judenthum oder irgend eine jüdische Sekte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe oder jemals gelehrt oder geübt habe. Diese einstmals wider uns erhobene Anschuldigung, welche nun zu neuem Leben zu erwecken versucht wird, ist — ich reproducire hier wörtlich den Ausspruch eines hei vorragenden christlichen Theologen, Professors Siegfried in Jena — nicht etwa ein harmloses Märchen, sondern nichts Anderes als eine Erfindung der Bosheit, welche von der Dummheit geglaubt wird! (Beifall.) Dieses versuchsweise neuerweckte Borurtheil ist der letzte Ueberreft jener finsteren Geschichts - Epoche, welche ihr sprechende- Spiegelbild findet in dem fluchwürdigsten Werke, das die Menschheit aufzuweisen hat, in dem Malleus maleticarum, dem Herenhamnur, der Tod und Schrecken verbreitete nnd Hunderttausinde schuldloser Opfer zum Scheiterhaufen führte. — Das waren die Ritualmorde, vor deren Erinnerung heute noch die Menschheit schaudernd das Antlitz verhüllt. (Stürmischer Beifall.) Was wir hier Vorhaben, was wir wollen, was hier laut werden soll? Der Schrei nach Recht! Ich