Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 78 (2.10.1899)
- Date
- 1899-10-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1639 den Judenchristen, als diese ansragten, ob auch sie in Palästina kolonisirl werden würden, die Antwort gegeben, daß dem Aktiencornils die Religion gleichgillig sei. Die „Welt" erklärt die ganze Behauptung sei einfach aus der Lust gegriffen. Italien. § Venedig. Das benachbarte Städtchen Cividale hat dieser Tage ein seltener Fest gefeiert. Er hat den Todestag des berühmten Geschichtschreibers der Longobarden, Paulus Diaeonus, feierlich begangen, aus welchem Aulasse auch zahlreiche auswärtige Gelehrte, darunter auch viele aus Deutschland, nach diesem Städtchen kamen. Da Cividale viele Alterthümer besitzt, so wurden auch diese von den Gelehrten besichtigt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr inan, daß sich in Cividale auch höchst alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften befinden. Es heißt sogar, diese Grabsteine sollen noch aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels herstammen. Es wäre dies, wenn sich diese .Nachricht bestätigen sollte, eine erfreuliche Nachricht für die jüdische Gelehrtenwelt. Es ist zwar erwiesen, daß schon zu Julius Cäsar's Zeiten Juden in einigen Städten Mittelitaliens gewohnt haben; daß dieselben aber auch nach Oberitalien gckoinmen sind, davon finden wir keine Andeutung in der Geschichte. Heute wohnen in Cividale keine Juden mehr. England. V London. Die langerwartctc Premiere des Theaterstücks ans dem jüdischen Leben, das hier vor einigen Tagen in dem Komedy Theater in Szene ging, ist nun vorüber, aber sie dürfte weder das Publikum, noch den Autor befriedigt haben. Das Stück hat einen vollkommenen Mißerfolg gehabt, und hat diesen Mißerfolg auch vollkovrmen verdient, denn cs entfernt sich in seiner Schilderung des jüdischen Lebens, ebenso von der Wahrheit wie die Charaktere, die in dem Stück eine Nolle spielen, in Wirkl'chkeit vollkommen unmöglich sind. TaS Publikum lehnte denn auch mit großer Einmüthigkeit das Stück ab, für das sich niemand erhob. Türkei. § Konstantinopel. Wir haben in den vergangenen Tagen einen intereffanten Gast hier gehabt. Baron Edmund Rothschild ist mit seiner Familie aus seiner Nacht „Atmah" hier eingetroffen. Selbstverständlich haben es unsere Parnassim und Chachamim nicht Unterlasten, dem hohen Gaste, der ein wahrer Wohlthäter seines Volkes ist, ihre Aufwartung zu machen. Für gestern, den Versöhnungstag, batte der Baron einen Sitz in der Synagoge von Haidar Pascha bestellt. Er ist aber nicht gekommen und ließ er sich entschuldigen, daß er erkrankt sei. Es scheint, daß das Unwohlsein des Barons diesmal ein ernstes war, denn er hat auch seinen projektirten Besuch auf dem Ruinenfelde von Troja fallen gelaffen. — Auf der Fahrt hieher hat der Baron auch die Stadt Rhodus besucht, wo ihm die dortigen Parnassim sogleich ihre Aufwartung machten. Der Baron erkundigte sich nach dem Stande der Finanzen der Gemeinde und als derselbe hörte, daß man für dies Jahr ein Defizit von 3500 FrcS. erwarte, so deckte er dasselbe gleich aus seiner Tasche. Möge unser Volk solcher Wohlthäter recht viele haben! Amerika.? New-2)ork. Der Rev. Dr. Madison C. Peters hielt am 25. August eine große, stark besuchte Versammlung in Asbury-Park ab. Er sprach über das Thema Gerechtigkeit gegen die Juden, und schloß mit folgendem Appell an die anwesenden Christen. Wir verurtheilen Frankreich wegen der widerlichen Verschwörung gegen Dreyfuß, aber wir dürfen nicht vergessen, ebenso scharf darüber zu urtheilen, daß in Amerika es Männer und Frauen giebt, die sich weigern in einem Hotel zu wohnen, in dem Juden sich aufhalten, Nachkömmlinge jenes Volkes, das der Welt ihren Erlöser gab. > Vermischtes. < Ems Hohen Besuch hatte jüngst das israelitische Zentral Waisen- und Mädchenheim. Se. Erc. der Bischof Ivankewttsch aus Ungarn, Mitglied des Magnatenhaufes, besichtigte unter Führung des Herrn Dr. Aronsohn die vor einem Jahre eingeweibte Anstalt, nahm sämmtliche Räume und den großen Garten in Augenschein und erfreute sich lange Zeit an dem munteren Spiel der lieben, wohlerzogenen Kinder. Wie sehr vaS Waisenhaus dem hochwürdigen Herrn Bischof gesiel, geht schon daraus hervor, daß Seine Eminenz nicht allein seinen Namen in das goldene Buch der Anstalt eimrug und die armen Kinder reich beschenkte, sondern auch sein Interesse für die kleinen Waisenkinder in noch besonderer Weise zu dokumentiren in Aussicht stellte. In Borkum ist nun endlich auf Veranlassung des AmtsvorsteherS in Norderney das fernere Spielen resp. Singen des antisemitischen „Borkumliedes" verboten worden; „bei Zuwiderhandlungen wurde sogar mit dem Staatsanwalt gedroht!" klagen die entsetzten Antisemiten. Moskau. Der Rußki Trud verlangt allen Ernstes, daß unverzüglich ein Gesetz erlassen werde, welches die russischen Hebräer „in ihrer übermäßigen Fähigkeit zur Vermehrung" be chränkt. Wie sich der „Rußki Trud" den Inhalt eines solchen Gesetzes denkt, ob er am t§nde gar auf die Pharaonenzeit und die Tödtung aller jüdischen Erstgeborenen ansvielen will, das sagt er leider nicht. Interessant ist, daß der Herausgeber dieses Blattes bis in die höchsten Kreise hinauf ausgezeichnete Beziehungen hat. Kiew.(2lmtlicheSchließ ung von S vnazogen.) Im Gouvernement Wolhynien sind auf Verfügung des Gouverneurs in letzter Zeit über dreißig Synagogen und Bet- Häusern geschlossen worden.