Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1899)
- Date
- 1899-09-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XL. Jahrgang. Erste Seil. M M 76 Leitender Artikel. *p-p! rra Eine agadischc Skizze zu r>'v«i2 tw. Von Nabb. Dr. Max Beermarm, Insterburg. Wiederum liegt das erste Blatt der heiligen Urkunden vor uns aufgerollt, und mit der Freude, die aus dem Worte des Ewigen quillt, rüsten wir uns vom neuen, in des Gesetzes Inhalt uns zu vertiefen und die Wunder der Thora in stiller Demuth und ernster Betrachtung zu schauen. Man muß die altjüdische Liebe zum rrnm nca, die herzliche Begeisterung, die das Herz unserer frommen Altvordern erfüllte, einmal selbst empfunden haben, um die heilige Rührung zu begreifen, mit der sie jedesmal die erneute Lesung des Gesetzes begingen. Sie freuten sich wirklich mit dem Worte des Ewigen bbw »anaa an „wie der Gewinner reicher Beute;" ihnen war ein Kleinod gewonnen, wenn ihnen aus den Schriftversen eine neue Erkenntniß erwuchs, ihnen war eine Sonne aufgegangen, wenn ihnen aus den thcuren Buchstaben eine neue Wahrheit entgegenleuchtete. Sie sagten und sangen nicht nur >twii maata paenas wanr: „9tolh und Drangsal haben mich betroffen, doch deine Lehre ist meine Lust", sie lebten und bewährten das 'Wort. Ihr Vorbild war der Sänger des 11g. Psalms und dieser ideale Israel-Typus — wir können, ohne den Vorwurf romantischer Verzückung fürchten zu müssen, eS behaupten — ist von allgemein gültiger Bedeutung für die geistige Physiognomie des jüdischen Mittel-Alters gewesen. Mit ihm theilten sie die urwüchsige Freude, das herzliche Gefallen an dem kostbaren Pergament: w nwx wew i'rrny aa „deine Zeugnisse sind meine Lust, sind meine Herzensfreude." bekannte ihre Seele; mit ihm fühlten sie die läuternde Weihe und die klärende Wirkung der göttlichen Satzungen, -tos -pn 'zb s*rrw '2 pnx „Den Weg deiner Gebote beschrette ich, denn Du erweiterst mein Gemüth." Und der als geldgierig gebrandmarkte Ghettojude flehte unter Thiänen v'iz bx bx\ -p-ny b» ab an „Neige mein Herz deinen Zeugnissen zu und nicht der Gewinnsucht!" Aus der Thora gewann er die Kraft, sein schweres Loos zu tragen neBw 'n -jap n^ä -tot „ich gedenke des Nachts deines 'Namens, Ewiger, und hüte deine Lehre." Ist in Staub getreten meine & 77 des „Israelit". Ehre Tann ur«n „du belebst mich durch dein Wort." Aus der Lehre strömt ihm der Muth zu, wenn es sein müßte, in den aufgezwungenen Religionsgesprächen für die Wahrheit des Judenthums einzutreten: n;: “pmnya. rrnnw wn -p-np'ö '2 ran*« ratoww ttsna« aa^a „Ich trete freimüthig auf, denn deine Satzungen habe ich erforscht, ich spreche vor Königen sonder Scham!" Und setzte er sein Leben beständig ein, die Lehre mußte gerettet sein.- Aber wie las er auch diese Lehre, wie durchgluthete er sie mit seiner Liebe, wie durchfluthete er sie mit seiner Sehnsucht, wie hauchte er jedem Buchstaben Leben, jeder Wendung Geist und Seele ein. Da steht das erste Wort: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Welche erstaunliche Fülle gemüthvoller und gedankentiefer Deutungen haben sich uin diesen einen Bibelvers gerankt. Von jener alten Deutung, die schon in der aramäischen Paraphrase d>s Jon. b. Usiel anklingt, nach der nwi nur eine sinnbildliche Bezeichnung (nwi das köstlichste rurrmn nnxan) für min ist und der Gedanke gewonnen wird: für die Verwirklichung der Thora, im Hinblick auf ihre Erfüllung, ist Himmel und Erde ins Dasein gerufen, und die ganze Natur demnach so angelegt, daß der Mensch das Wort des Herrn in ihr erfüllen kann — wie viele geniale Ideen auf dem Gebiete religiösen Denkens hat der phantasievolle jüdische Geist mit dem Wunderstab seiner Liebe diesem so einfachen und so eindeutigen Worte entlockt. Der eine findet in rvam-i einen Hinweis auf den Messias, in Rücksicht auf ihn habe Gott die Welt geschaffen. Wie gewaltig ist die Perspektive, welche uns durch diese Bemerkung eröffnet wird: DaS ganze Weltall ist ins Dasein gerufen, auf daß das Reich der Liebe in ihm eine Stätte finde, daß die Menschheit auf Erden zu dem herrlichen Ziele der Entwicklung gelange, „daß sie nicht verwunden und verletzen auf meinem ganzen heiligen Berge nsn p«n n*6a a am: a'b aas 'n r«, denn voll ist die Erde der Erkennrniß Gottes, wie Waffer den Meeresgrund bedeckt." Nur wer der jüdischen Thoraauffaffung fernsteht, wird solchen Deutungen gegenüber sich fremd fühlen. Wie im Universum dem Juden das Winzigste beredtes Zeugniß von der Allmacht Gottes ablegt, so sieht er auch in jedem Thoraworte, wie in einem kleinen Spiegel ausgenommen das Bild der ganzen jüdischen Weltanschauung. So ist ihm auch der erste Thoravers im Kleinen, in der mikroskopisch in ganz feinen und zarten Strichen schon die ganze Gedankenfülle der Thora angedeutet ist. Wie der Natur-