Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1899)
- Date
- 1899-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 7« & 77. Per Israelit. «in Aentrak-Hrgan für das orlhodore Iudenthum Begründet von Dr. fefrmiinn in OtKini Donnerstag, den 28. September 8868 (18V9). Leitender Artikel. Jur Abwehr! . Mainz, 28. Sept. Man kann es nicht leugnen, so traurig das Urtheil in Rennes, so erschütternd das Wiederaufleben des Blutmärchens in Kuttenberg ist — eine gute Seite ist wie bst Men Dingen, auch diesen Geschchniffen abzugewinnen: bei den freigesinnten nichtjüdischen Männern aller Nationen hat das Judenthum an Sympathien gewonnen. Mag man noch so sehr das sinkende Jahrhundert als ein mittelalterliches bezeichnen, das im Gegensatz zu seinem Vorgänger an Aufklärung, Freiheit und Menschlichkeit eingebüßt, es hat uns dennoch viele Güter gebracht, die den unablässigen Fortschritt der Menschheit verbürgen. Das Schiff der Kultur bewegt sich vorwärts, mögen die Paffagiere auf ihm auch manchmal rückwärts gehen. Ohne die hohe Entwickelung der Presse wäre eine Revision des Dreyfußprozesses undenkbar gewesen und ohne den electrischen Funken, der die Verhandlungen von Polna in die ganze Welt getragen, wäre die Entrüstung aller Gebildeten unterblieben. Dieser Sieg und diese Sympathien paffen aber gewissen Leuten sehr schlecht, selbst das Glück, das wir im Unglück haben, mißgönnt man uns und flugs ist man bei der Hand, uns was am Zeuge zu flicken, damit wir nur ja nicht zu übermüthig werden. Da ist z. B. das Centrum. Das Centrum ist im Grunde seines Herzens nicht antisemitisch. Es hat auch seine gute Gründe dafür. Vor wenigen Tagen erst hat das führende Organ dieser Partei, die „Kölnische Volkszeitung", uns diese Gründe mit anerkennenswerther Offenheit mitgetheilt: „Wir sind," so schreibt das Blatt, „bis auf weiteres der Meinung, der Umstand, daß die Katholiken, wie die Juden in Deutschland religiöse Minderheiten darstellen, sollte sie beide verhindern, gegeneinander intolerant zu sein." Man mag den Juden schon Mancherlei vorgeworsen haben, den Vorwurf der Undankbarkeit hat man ihm unseres Wiffens noch nicht gemacht, und so danken wir dem Centrum seine tolerante Gesinnung, einerlei, aus welchen Gründen sie dieselbe gegen uns hegt. Die meisterhafte Rede zu Gunsten des Schächtens, die Herr Lieber vergangenen Winter im Reichstage gehalten, hat ihm den unauslöschlichen Dank aller Juden für immer gesichert. Auch des Eintretens des seligen Herrn Windihorst für uns gedenken wir stets dankbar. Aber ein wenig Antisemitismus so nebenbei und so hie und da scheint trotz alledem das Centrum nicht entbehren zu können, sei es, daß das von einem Theil seiner Wähler verlangt wird, sei es, daß eS eines Prügelknaben bedarf, den es für die Sünden Anderer bestrafen will, kurz, es hat das Bedürfniß, dem Judenthum hie und da Eines zu versetzen. Das hat sich jetzt wieder gezeigt. Die Presse der ganzen Welt ergeht sich in Entrüstung-artikeln über Rennes und Polna, der Clerikalismus erhält dabei, ob mit oder ohne Berechtigung wollen wir dahin gestellt sein lassen, manchen Seitenhieb. Das ist dem Centrum zu viel. Wie kann man das paralysiren? Und siehe da die Hülfe kommt von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet hätte. In einer der letzten Nummern der humoristischen Beilage des Berliner Tageblattes, dem „Ulk", befindet sich ein Gedicht des Redacteurs Sigm. Mehring, das im Anschluß an die „feige That von RenneS" die Einrichtungen der Messe mit höhnischen Worten lächerlich macht. Sofort erscheint ein fulminanter Artikel in der Berliner Germania über die bodenlose