Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 74-75 (18.9.1899)
- Date
- 1899-09-18
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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XI* Jahrgang. Vierte Keil. M M 74 & 75 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Der Mädchenmord in Kölner. Die Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft in Kuttenberg erhebt gegen Leopold Hülsner, 23 Jahre alt, geboren in Polna als Sohn des Jacob und der Mmia Hülsner, Jsraelile, ledig, beschäftigungslos. die Anklage, dersclbe habe am 23. März 1899 gegen 6 Uhr Abends im Walde .Brzezina" bei Polna gemeinsam mit bisher unbekannten Mithelfern gegen Anna Hruza. die Tochter der Wittwe Manie Hruza ans Klcin- Piesnic, in der Absicht, sie zu töbfcrr, so gehandelt, dass daraus der Tod des B.ädchens erfolgte, trnd sich somit des Verbrechens des gualificiertcn Mordes nach dein 134 und 135 St.-G., schuldig gemacht. Erster Berharrdlurrgstag Dienstag, drn 12. September, Das Gebäude des Kreisgerichtes ist seit heute Früh von Gendarmerie bewacht. Desgleichen die Wohnung des Toctor Aurednicek. Nach Auslosung der Geschworenen erklärt der Bor sitzende die Verhandlung für eröffnet rrnd fordert Hülsner auf, vor den Gerichtshof zu treten. Vors. Treten Sie vor, Hülsner, sprechen Eie laut, es ist zu ihrem Vortheile. Der Angeklagte spricht etwas mit leiser Stimme. Vors. Deutlich müssen Sie sprechen. Wie beißen Sie? - Angekl. Leopold Hülsner. — Bors. Welche- Bekenntnis haben Sie? — Angekl. Israelit. — Vors, sind sie verheiratet oder ledig? — Angekl. ledig. — Vors. Haben Sie Eltern am Leven? — Angekl. Ja, meine Mutter. Vors Wie heißt Ihr Va'er? — Angekl Jakob. — Vors. Wie heißt Ihre Mutter? — Anaekl. Marke. — Wo sind Sie geboren? — Angeklagter, in Polna- — Vors Gingen Sie in die Schule? — Angegl. Ja, — Vors. Können Sie lesen und schreiben? — Angekl. so auf drei Viertel. - Haben Sie ein Vermögen? — Ankegl. Nein. — Vors Wovon ernähren Sie sich? Ang. Meine Mutter ernährt mich. — Vors. Was haben Sie gemacht? - Ang. Ich war Feldhüter, früher aber Schuster. — Warum lernen Sie also die Schusterei? — Ang. Die Mutier ging bald in die Welt und die Tante, die mich anshielt, konnte mich nicht ernähren. — Bors. Also haben Sie eigentlich nichts gemacht? Waren Sie Soldat? Ang. Nein. — Vors. Warum hat man Sie nicht asientirt? — Aug. Da ich einen Samenbruch hatte. Vors, sind -Lie vorbestraft? — Ang. Wegen der Uebereretung der Falschmeldung, weil ich mich dem Gendarmen meldete. — Vors. Standen Sie in Untersuchung? — Ang. Ja, wegen Drohung, weil ich meiner Geliebten mit dem Tode drohte, und dabei habe ich. als mich Gendarmen verhafteten, einen falschen Namen angegeben, - Bors. Geben ^ie Acht auf Verlesung der Anklageschrift, verhalten ie sich artig und sprechen Sie nicht ein Wort. Hierauf wird die Anklageschrift verlesen. Sodann folgt das Verhör des Angeklagten. Verhör veK Angeklagten Präs.: Angeklagter, Sie haben die Anklage gehört. Was haben Sie anzuführrn? — Ang.: Am 29. März, um 2 Uhr Nachmittag, ging ich auf den Katharinenberg, woselbst ich Anton Dworzacek, Rudolf Leixner, Vincenz «selinger und Wenzel Sobotka in der Nähe deS Friedhofes antraf. Sie spielten dort Karten. Ich setzte mich zu ihnen, spielte aber nicht mit. Gegen 3 Uhr forderte ich sie auf, mit in die Stadt zu geben, nicht aber nach Brzezina. Es hatte sich jedoch keiner biezn entschlossen, sie spielten weiter Ich ging also allein in der Richtung vorbei am Hain unterhalb des Friedhofes, dann durch das Herrschaftsbräuhaus in die Stadt zurück. — Präs. Und was machten Sie dann? — Ang : Um etwa balb 5 Uhr ging ich über den Marktplatz. Aber ich ging nicht, wie ich in der Voruntersuchung angab. in Begleitung des Anton Dworzacek und Leixner. Ich habe mich damals ceirrt. Ich ging mit ihnen am 31. März über den Marktplatz. Als ich zum Judenthor und zum Judentempel kam. standen dort einige Juden vor demselben. Es waren gerade unsere Feiertage. Die Ju en gingen in den Tempel und da bei den Juden immer wenigstens 10 Personen zur Abhaltung des Gottesdienstes iin Tempel anwesend sein müssen, ging ich auch hinein, hielt mich aber nicht lange dort auf» sondern ging in der Richtung nach Hause, wohin ich nur einige Schritte habe. Zu Haus« angekommen .... — Präs. Wenn trafen Sie zu Hause an? Ang. Die Volenc, meine Mutter. An meinen Bruder kann ich mich nicht erinnern. — Präs.Wohin gingen Sie dann? — Ang Hoher Gerichtshof und hohe GeschworeneIch blieb zu Haus«. — Präs. WaS machten Sie zu Hanse? Ang Ich habe gennchtmahlt. — Präs. Was haben Sie gesrühstückt? — Ang- Kaffee und Mazzen. Der Präsident macht den Angellagten bezüglich gewisser Wio rfprüche betreffend die Angabe der Zeit seiner Ankunst zu Hause und die seiner Anwes »heil i n Te upel aufmerksam. Der Angeklagte beharrt bei seinen Ans agen. Letzterer gibt ferner an, daß sein Bruder gegen 9 Uhr Abends nach Hanfe kam. Hieraus beschreibt er die Wohnung seiner Mutter und beantwortet die Anfragen des Vorsitzenden, wo sich seine und die der übrigen Familienmitglieder Lagerstätten befanden. Präs. Wie viele Räumlichkeiten besitzt Ihre Wohnung? — Ang. Eine Stube und vier Kammern. — Präs. Wo schlief Ihr Bruder Moritz, oder wie er auch heißt Jsi-Isidor? — Ang. Im 1. Zimmer. — Präs Wieso kommt es, daß Ihr Bruder zwei Namen hat? — Ang Das war ein Jrcthum in der Matrik und die Schuld meines Vaters, welcher, als er „zur Taufe" mit ihm ging, einen Namen abgab, den er später!vjeder vergaß. Der Name Jsioor ist sein Spitzname. — Präs. Wann kam der Bruder nach Hause? — Ang. Gegen 9 Uhr. Ich habe ihm die Thüre geöffnet. — Präs. Ihr Bruder bestreitet dies aber. Wozu benützten Sie die Kammer? Wozu diente die zweite Kammer? — Ang. Dawar früher, cls mehr Juden in Polna waren, da- Bad derselben Die Juden gingen dorthin in alten Zeiten baden. Präs. Wo baden sie jetzt? — Ang. Nirgends. (Gelächter.) CS badeten dort auch jüdische Bräute vor der Hochzeit. — Präs. Was war mit den anderen Kammern? — Ang. In der einen wohnte der Schächter Spitz, in der anderen hatten wir Erdäpfel und die vierte stand leer. — Präs. Wem gehörte die Wohnung? — Ang. Der jüdischen Gemeinde' Wir wohnten dort unentgeltlich. Dafür hatten wir die Pflicht, nach Polna kommende reisende Juden dort übernachten zu lassen — Präs. Wissen Sie etwas von dem Mord« an der Agnes Hruza? — Ang. Ich weiß nichts. — Präs. Haben Sie die Agnes Hruza gekannt? — Ang. Ich habe sie nicht gekantlt. weil ich mit ihr niemals ein« Bekanntschaft hatte. (Gelächter.) Meine Geliebte war die