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Der Israelit · 1899-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1899)
Date
1899-09-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1559 den einen Fehler hatte, daß er etwas flüchtig war, die erlernten Bibelverse oft unter einander verwechselte. Ob dieser Umstand eine Vorbedeutung war für sein späteres'Schicksal? Gewiegte Psychiatikter werden vielleicht darin schon den Keim jenes Leidens erblicken, den: Perez später verfallen; doch wer vermag des Menschen geistig Streben und Wachsen zu ergründen? Perez galt als ein reichbegabter Jünger, ausgeftaltet mit einer Phantasie, reich an Bildern und Worten. Schon als zehnjähriger Knabe verstand er es Bibelverse auszulegen, in die Worte des Propheten Gedanken hineinzudeuten, die des Melamed Staunen erregten. Wohl deckte sich oft die Auslegung nicht mit dem Texte, oder die Exegese wurde hart mitgenommen, aber das selbstständige Denken eines unreifen Jünglings war und blieb staunenswerth. Dabei verstand es Verez mit einer Begeisterung zu sprechen, die hinreißend war; wer ihm eine kurze Zeit Aufmerksamkeit geschenkt, der konnte sich nimmer von ihm losreißen, das Feuer seiner Begeisterung entzündete, sein Sprechen hatte etwas fascinirendes an sich. Vielleicht wäre Perez das Schicksal erspart geblieben, das ihn später ereilte, wenn seine Ausbildung für den Lebensberuf in die rechten Bahnen geleitet worden wäre, wenn seine Charakterzüge ihm abgeabgelauscht und seine Erziehung seinen angeborenen Neigungen angepaßt worden wäre; vielleicht wäre Perez eine Leuchte in Israel, ein hervorragender Kanzelredner geworden, der durch das Feuer seiner Begeisterung die Herzen für Gott und Religion entflammt hatte, doch es sollte anders kommen. Perez Vater war ein armer Mann, dem nur ein Segen in reichem Maße geworden: Kinder. Abraham Zwirnbeißer hatte außer Penz noch elf lebende Kinder, mußte daran denken, daß die Kinder bald auf eigenen Füßen stehen lernten. Sein ältester Sohn, Fischel, kam gleich nach seiner Barmizwah zu einem Schuster in die Lehre; der zweite, Sorach, erlernte die Bäckerei und Perez kam zum Schneidermeister Moscheh Hirsch Leibelschneider in die Lehre. Die drei Lehrjahre gingen unter Püffen und Rippenstößen vorüber; Perez war 16 Jahre alt, als er zum Gesellen freigesprochen ward. Er hatte etwas Tüchtiges gelernt, blieb aber noch ein Jahr als Geselle bei seinem Lehrmeister, dann zog er, 17 Jahre alt, in die Fremde. Als nachgeborener Sohn eines Familianten hatte er in seinem Heimathlande keine Aussicht auf die Gründung einer Familie, zumal zum Erkaufen einer freigewordenen Familienstelle irdische ä Güter gehörten, mit denen die Familie unseres Perez nicht gesegnet war. Darum lenkte er seine Schritte nach Ungarn, in das Land, wo der Bräutigams keines Consenses und die Braut keiner Religionsprüfung bedurfte, um in den Stand der Ehe treten zu können, wie dies in seinem Heimathlande Mähren hochbehördliche Vorschrift war. Nach langem Wandern fand Perez in der großen frommen Gemeinde S. dauernde Arbeit. Rabbi Löb Charif bekleidete in S. das Amt des Rabbiners. Derselbe genoß nicht - allein als Gelehrter einen Weltruf, deffen Worten zahlreiche Jünger lauschten, er stand auch wegen seiner wahrhaften Frömmigkeit in dem Ruf eines Kabbalisten. Rabbi Löb hielt strenge Zucht in seiner Gemeinde, die er im Laufe der Jahre zu einer Mustergemeinde heranbildete. ES gab kein Mitglied der Gemeinde, das auch nur um eine Haaresbreite von den Wegen der Gottesgesetze gewichen wäre. In Mähren aber hatte das Freiheitswehen in religiöser Beziehung bereits einen kleinen Umschwung herbeigeführt. Auch im Geburtsorte von Perez Zwirnbeißer, in E. nahm man es mit der Erfüllung der heiligen Bräuche nicht mehr ganz genau. Wohl wagte es noch kein Gemeindeglied, das Gottesgesetz öffentlich zu entweihen; doch der Geist der Reform hatte bereits Eingang gefunden, der gänzliche religiöse Zerfall, der einige Jahre später eintrat, wo bereits angebahnt. Der alte Rabbiner in E-, Rabbi Mendel, amtirte wohl noch, und Rabbi Mendel war eine Jdealgestalt, ein Mann, der jederzeit sich treu blieb, der in wahrhafter Frömmigkeit ausharrte bis „Echod" „Du bist einzig", als letzter Seufzer seinen erkaltenden Lippen sich entrang. Doch dem greisen Rabbi Mendel ward der Lehrer David Possenreißer als Prediger zur Seite gestellt, ein Mann, der den Abfall im Herzen trug. Was in kleinen wie in großen Gemeinden oft der Fall ist, daß das Gesicht und der stattliche Knochenbau einer Persönlichkeit ihr instinktives Vertrauen erwecken, war auch bei der^Anftellung^ des Lehrers und Predigers Possenreißer in E. der Fall. Derselbe war groß, breitschultrig, erfreute sich einer tiefen, mächtigen Stimme, welche sich wie Orgelton — der Gedanke an Gottesdienst mit musikalischem Beigeschmack, war den Bewohnern von E. schon ein Vorgenuß des 20 Jahre später eingesührten Harmoniums volgo Drehorgel — aus seiner starken Brust und seinem breiten Munde entwickelte. Wohl brachte sein gewaltiges Organ nicht gerade den Glauben an der Wahrheit dessen, was er verkündete, hervor, doch es war ein Ohrenschmaus für die Bewohner von E. und errang ihm deren Beifall. Die Predigten Possenreißers waren zwar leer, inhaltslos, seichtes phrasenhaftes Geschcuätz, aber die deutschen Reden waren etwas Neues, schmeckten den Leuten von E. wie. Zuckerwaffer,^ waren leicht verdaulich,^'während die Deroschaus des' greisen Rabbi Mendel schwere geistige Kost waren und oft einem Hammer glichen,

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