Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 70 (4.9.1899)
- Date
- 1899-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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mm XL. Jahrgang. Beilage ju M 70 des „Ssraeltt“. FeuiUetott. plandrrele« ans der Sowwerftislhe. Badegedanken und Anregungen. It. Kissingen, 31. Aug. In einem Bade wie Kissingen, wo Tausende und abermals Tausende von Fremden aus allen Weltlheilen zusammenftrömen, ist zur Zeit der Hochsaison, wenn der Menschenzufluß am stärksten, dem Beobachter reichlich Gelegenheit geboten, an „Land und Leuten" die interessantesten Betrachtungen anzustellen. Auf dcr Kurpromenade, dort, wo der Strom der Menschenmassen während der Kurzeit sich mächtig staut und das Bild von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde wechselt, ist das bequemste „Recognoseirungsterrain." Es ist früh Morgens, ein schöner, herrlicher Morgen. Ich sitze auf einer der Promenadenbänke und laste das bundschäckige, vielbewegte Bild der wogenden Menge, welche bei den Klängen der Musik auf- und abwandelt, an mir vorüberzsehen. Unwillkürlich wird der Geist von den sich darbietenden Erscheinungen gefangen gehalten und zu Betrachtungen angeregt. Drei Gestalten, mir wohl bekannt, gewistermaßen die Typen der Kissinger Badebesucher darstellend, erregen mein besonderes Interesse. Dort wankt langsamen Schrittes, sein Glas Rakoczy in wohlbercchncten Zügen schlürfend, ein in mittleren Jahren stehender Kurgast daher; er ist sehr reich; doch was nützt es ihm? — schwere Krankheit ist von seinem Gesichte schon abzulesen. Doch seht! nicht weit von diesem stolzirt mit wohlvergnügtem Schmunzeln, in der Hand einen Blumenstrauß, der seiner Bestimmung eben entgegengeführt wird, ein gesunder, blühend aussehender Mann. Er weilt zu seinem und zum Vergnügen anderer in Kissingen, er ist zur „Kur" da. Und dort in jenem Winkel steht still bescheiden ein Männchen, dem man an der Kleidung die Armuth, an der Haltung die Krankheit ansieht, der zu jenen doppelt Armen gehört, die krank am Herzen und krank am Beutel sind. Daß er in Kissingen weilen kann, verdankt er nur der Milde edler Menschen. So wechseln die Eindrücke und Bilder; man glaubt, durch ein Kaleidoskop zu schauen. Wie grundverschieden sind doch die Gefühle, welche durch diese Eindrücke in der Brust der einzelnen Menschen erweckt werden. Der Eine sieht's und amüsirt sich dabei, der Andere bleibt kalt und gleichgiltig, der Dritte wird tief ergriffen, und zu Reflexionen angeregt, zu Betrachtungen über die Erscheinungen, und den Endzweck des menschlichen Lebens. Was wir hier auf der Kurpromenade sehen, ist eine Welt im Kleinen, denn auch draußen, da draußen in der weiten, großen Welt geht es ebenso zu. Hier Fröhlichkeit und dort Trauer, hier Reichthum und dort Armuth, hier Gesundheit und dort Siechthum. Immer derselbe kraste Gegensatz in der Vertheilung irdischer Glückskinder, die doch schließlich alle aus Gottes Hand stammen. Da fragen wir uns doch: Warum hat Gott den Einen so reich begnadigt und dem Anderen alles versagt? Warum ist das Füllhorn der Gnade auf den Einen mit vollen Händen gestreut? — was er beginnt, ist vom Glücke begleitet, und warum weichen von der Schwelle des Anderen nicht Roth und Elend? — was dieser unternimmt, darauf ruht gewiffermaßen „ein böser Stern". Warum? Da Alles auf Erden, weil von Gott kommend, einen Zweck zu erfüllen hat, welchem Zwecke dient eigentlich all' das Elend und Ungemach, von dem die Menschen, und gar oft nicht die schlechtesten, heimgesucht werden? Diese Reflexionen stürmten auf mich mit geradezu elementarer Gewalt ein, als ich letzthin die in Kissingen bestehende Heilanstalt für scrophulöse Kinder besuchte. Auf der Hälfte des Weges zur Saline — dort oben an der Landstraße — steht ein schöner Bau, dessen Aeußeres schon eine andere Bestimmung als die eines Privalhauses verräth. Es ist dies die Kinderheilstätte, welche, im Jahre 1887 mit einem nicht allzugroßen Kostenaufwande erbaut und durch die Milde edler Menschen sich immer mehr und mehr entfaltend, jetzt etwa 150 Kindern während des Sommers Aufnahme gewährt. Unter diesen rekrutirt sich nur ein verschwindend kleiner Bruchtheil aus jüdischen Kreisen. Die Statistik zeigt, daß auf mehr als 100 christliche Kinder, welche in der Anstalt weilen, kaum ein jüdisches entfällt, ein Verhältnis, das bei der großen Anzahl von sorphulösen Kindern gerade unter der ärmeren jüdischen Bevölkerung auffallen muß. Die Gründe hierfür liegen aber in dem ganzen Charakter der Anstalt, die unter evangelischer Leitung steht. In erster Linie scheuen sich die jüdischen Eilern, die noch irgendwie religiös denken, ihre Kinder einer Anstatt anzuvertrauen, in welcher die Verpflegung eine unrituelle ist. Augenblicklich weilen in der Anstalt 45 Kinder, unter ihnen kem jüdisches. Wir treten in das Innere der Anstalt ein und besichtigen, von der Oberin des Hauses geleitet, die einzelnen Räume. Ueberall entdeckt man