Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 70 (4.9.1899)
- Date
- 1899-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWW 1495 kein Gast in die Gemeinde, den sie nicht um ein Almosen angeht, es wird keine Hochzeit gefeiert, von der sie nicht eine kleine Abgabe fordert, doch verlangt sie nie mehr als 10—20 Kreuzer. Sie besucht ihre Väter von Zeit zu Zeit, wie auch Mütter, die ihr Speisereste verabreichen, hat sie gar viele. Von diesem Wenigen legt sie noch einen kleinen Sparpfernig zurück, um für ihr Seelenheil zu sorgen. Ihr Grabstein mit der Inschrift: „Poh temunah habsuloh Ziporah, hier'ruhet die Zungsrau Ziporah", ist seit Jahren fertig und bedarf nur des Sterbedatums. Von ihrer Liebe spricht sie niemals, dieses Geheimniß wird mit ihr ins Grab sinken. Seit der Zeit ihrer Liebe nennt sie sich Zipperl oder die Mad. Zipperl steht jeden Morgen und Abend am Eingang der Synagoge, die zu reinigen sie freiwillig übernommen, sagt ohne Unterlaß Amen, Kodausch, Kodausch, Boruchhu, denn selbst der Trost, auf den Flügeln des Gebetes zu Gott sich zu erheben, ist ihr versagt geblieben, selbst vor ihrem Gott kann sie ihr gepreßtes Herz nicht ausschütten, denn sie hat niemals Beten gelernt. Ihren letzten Willen hat sie vor vielen Jahren schon mündlich abgegeben. Der Rabbiner muß ihr nachsagen, daß sie eine brave, ehrliche Mad geblieben, muß für sie Mischnah lernen, Kaddisch sagen, an ihrem Jahrzeitstage müssen zwei Frauen auf ihrem Grabe beten, sie hungert und darbt, um ein kleines Kapital zurückzulassen, welches als Stiftung angelegt werden soll, damit ihr letzter Wunsch erfüllt werde. Zipperl ist alt, sehr alt, aber auch sie wird der Zeitlichkeit ihren Tribut zollen müssen und der Rabbiner wird an ihrem offenen Grabe eine Trauerrede halten. Was er ihr nachsagen wird, es wird ergreifend, herzerschütternd sein, denn er wird ein Leben schildern, das so traurig begonnen, stets voll Weh war, wird ein Dasein schildern, welches immer freudlos geblieben, das für all die Leiden hienieden himmlischen Lohn finden wird. Nllovloi Im Anschluß an die vom Herrn Astronomen Cohn—Straß bürg in Nr. tiö mitgetheilte kalendarische Seltenheit des Zusammentreffens des ersten SelichothtageS mit dem 27. August, erlaube ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß im Jahre I6k)2 dieser Tag schon auf das möglich früheste Dalum des 25. August fiel und ein solches Zusammentreffen nie wieder stattfinden wird. L. Cohen—Rees a. Rhein. Die Erzählung „Späte Sühne von R. Hänlein", die vor einiger Zeit im „Israelit" zur Veröffentlichung gelangte, erinnert an eine Begebenheit, die ebenfalls in Frankfurt sich zutrug und die ich von Rabbi B. Niederhofheim b-rn hörte. Es war zur Zeit, als Rabbi Pinchas Horvitz Frankfurter Rav war. Auch zu seinen Füßen saß mancher Bachur. Doch diese „Auserwählten" waren auch nur Menschrn, hatten ihre Vorzüge und Schwächen gleich anderen Sterblichen, und mancher Bachur hat seinen Witz und Scharfsinn zu recht losen Streichen angewandt. Unter diesen Jüngern war ein besonders begabter und überall wohlgelittener Bachur, dessen Wiege im Osten Deutschlands gestanden hatte, von dem aber allerhand unkontrolibare Gerüchte in Umlauf waren, unter Anderem flüsterte man sich zu, er sei gar kein Jude, er hätte sich nur aus unlauteren Motiven in den Bund Abraham aufnehmen lassen. Doch das jüdische Publikum war damals nicht so kritisch veranlagt und da der Bachur sich ordentlich führte, vergaß man bald an dieselben. Ihm war, ob seiner besonderen Begabung der Vorzug eingeräumt, daß er sich nicht eine „Stub" zu miethen hatte, sondern ein Zimmer, das in den oberen Räumen der Altschul lag, war zu seiner Verfügung. Während er seinen Wissensdurst an den pilpuüstischen Vorträgen des Rabbi stillte, fand fein Magen an Tischen reicher Glaubensgenossen, „in der Gaff'" seine Rechnung. Dieses Bachurlkben trieb er längere Zeit. Da kam eines Tages die Wanderlust ihn an, lange Vorbereitungen zur Reife waren nicht nöthig, er verabschiedete sich von seinem Rabbi, der seinem Geist, und von seinen Gönnern, die seinem Leibe die Rüstung gaben und ging. Zu gleicher Zeit vermißte eine sehr reiche Frau „der Gass'" ihren kostbaren Schmuck. Alle Bemühungen, die Pretiosen wieder zu finden, waren vergeblich. Da fiel der Verdacht, diese Gegenstände entweudet zu haben, auf den abgereisten Bachur. Man theilte dies Rabbi Pinchas mit, und schon waren einige Männer bereit, den vermeintlichen Dieb zu verfolgen, doch der Rabbi rieth davon ab und meinte, wenn der Bachur das Verbrechen begangen haben sollte, wiro er den Schmuck aus kluger Berechnung nicht mitführen, sondern ihn auf Umwegen in seinen Besitz bringen. So vergingen einige Wochen, die reiche Frau hatte sich schon über den Verlust ihres Schmuckes getröstet und der Bachur war schon vergessen, als Rabbi Pinchas von dem Bachur einen Brief erhielt, in welchem er nochmals für alle genossenen Wohlthaten dankte und der auch die Bitte enthielt, der Rabbi möge ihm die Ttfillin, die er milzunehmen vergessen, nachsenden. In der Regel war die Reisetasche eines Bachurs, wenn er eine hatte, mit Requisiten nicht angefüllt. Vergeblich würde man darin nach Glanzwäsche, Spiegel, Kamm uno Seife gesucht haben. Oft genügte eiy buntes Taschentuch