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Der Israelit · 1899-08-28 · Heft 68 (28.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 68 (28.8.1899)
Date
1899-08-28
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1451 „Nun, geehrter Herr Pfarrer, könnt ich eigentlich diesen schon allzulangen Brief schließen. Denn Sie wissen jetzt so gut wie alles. Allein ich fühle das Bedürfnis, so wie ich Ihnen meine Gedanken und Empfindungen aus jener Zeit des Hasses auseinandergesetzt habe, auch ein Weniges von den Gedanken und Empfindungen zu reden, die mich jetzt beherrschen. In stillen Stunden sinne ich heute nämlich oft darüber nach, wie das doch alles so gekommen. Ich will mich doch gewiß nicht rein waschen, ich weiß und bekenne aufrichtig, was und wie ich gefehlt habe; bin ich mir doch bewußt, in jenen traurigen Zeiten überhaupt kein Mensch gewesen zu sein, und das ist doch das Schlimmste! Und dennoch komme ich nicht darüber hinweg, daß noch etwas anderes die Schuld mit zu tragen hat für das, was ich begangen: und dieses andere ist — der Antisemitismus! O, wie verabscheue, wie haste ich heute diese häßliche, gemeine Bewegung! Sie shat ein Scheusal wie Biesfeld großgezogen, das sich von ihr mästen wollte und in ihrem Namen mit Betrug und Verleumdung hantierte. Das allein zeichnet diese Bewegung hinlänglich. Subjekte wie dieser Schmarotzer müssen auf diesem Boden gedeihen, denn was ist die ganze Grundlage des Judenhasses? Nichts anderes als der Neid. Hätte ihn dieser Biesfeld nicht in den Gollheimern zu wecken verstanden, so hätte er nicht seine Erfolge erzielt. Und in mir, da war es wiederum nur der Neid, der all das Schreckliche gezeitigt hat, nur daß bei mir noch die Rachsucht hinzukam. Beides, Neid und Rachsucht aber weckten und steigerten den Haß, sie hatten in ihrem Gefolge Rohheiten, wie den Krawall am Abend der Reichstagswahl, und die letzten und giftigsten Früchte an jenem Baume waren Sünde und Verbrechen! Das sind die letzten Ausläufer einer Bewegung, die für sich den Charakter einer edlen und reinen in Anspruch nimmt! Darf es uns da wundern, Herr Pfarrer, wenn die Wortführer und Prediger dieser Bewegung sich als Biesfeld's entpuppen? Man kann heute nicht absehen, Herr Pfarrer, welchen Verlauf der Antisemitismus noch nehmen wird, — ich lese die deutschen Zeitungen mit großem Interesse — aber das Eine weiß ich heute schon bestimmt: Wer die Ideen dieses Judenhasses predigt, der ist von vornherein schon ein minderwerthiger Mensch; denn entweder ist er selber neidisch oder er spekulirt auf den Neid anderer, immer aber wird er in dem Verdachte stehen, eigennützige Interessen im Auge zu haben und den Judenhaß nur als Deckmantel, als Mittel zum Zweck zu benutzen. Der „Biesfeld", Herr Pfarrer, wird typisch bleiben für den Autisemitismus, so lange er existieren wird! Es kann nicht anders sein. „Oft simuliere ich darüber nach: Was wollen denn die Antisemiten eigentlich, selbst wenn man von der ersten Quelle ihrer Gesinnung, vom Neide, absieht und sie überhaupt ernst nimmt? Was wollen sie? Sie wollen, daß man in dem Juden einen Verderber erblicke, den Inbegriff alles Schlechten und Verwerflichen. Alles muß dazu herhalten, was nur an Jüdisches anrührt! „Der Jude wird verbrannt!" das ist die Losung des Antisemitismus. Ein Prüfen, ein Untersuchen qiebt es da nicht; es giebt nur ein Verurtheilen, absolut und bedingungslos! Wo aber eine Prüfung einmal wirklich vorgenommen wird und sie der antisemitischen Idee zu widersprechen oder sie nicht zu fördern droht, da wird verschwiegen, gefälscht, verleumdet —! Ich hab's ja am eigenen Leibe erfahren; bei uns in Göllheim stieß man auf einen Juden wie Seligmann Feist, auf eine Freundschaft wie die zwischen ihm und mir! Welches Aufgebot von Niedertracht und hinterlistiger Handlungsweise war nothwendig, um zwischen uns einen Keil zu treiben! Und es ist gelungen! Denn wo sie wollen, gelingt den Antisemiten alles. Wer in seinen Mitteln nicht wählerisch ist, braucht selten an der Erreichung seiner Zwecke zu verzweifeln. Welches wäre denn aber das Resultat, wenn eine unbefangene Prüfung der antisemitischen Behauptung wirklich vorgenommen würde? Wie lautete wohl die wahrheitsgemäße Antwort aus die Frage, ob der Jude als solcher in der That moralisch geringwerthiger ist als — der Christ? Geehrter Herr Pfarrer! Ein Name wird die Antwort sein, der Name Selig mann Fei st! Manchmal erscheint es mir so unglaublich, was dieser Jude gethan hat, daß ich mich fragen muß, ob ich das Alles geträumt habe. Ich halte es kaum für denkbar, daß ein Mensch derart sich selbst überwinden könne, um an dem Zerstörer seines Glückes so zu handeln, wie Feist an mir. Sie werden vielleicht sagen, daß ganz einfach in Feist die ehemalige Freundschaft nicht erstorben war und er in mir nur einen von schwerer Krankheit Genesenen sah, dem man seine Krankheit nicht übel nimmt, sondern den man erst recht pflegt und schützt. Sie werden damit die Handlungsweise Feist's nicht verkleinern, Herr Pfarrer; denn was Sie auch sagen mögen, es steht oei mir fest, daß ein Christ an Feist's Stelle die Seelengröße dieses Juden nimmermehr bewiesen haben würde, am allerwenigsten ein antisemitischer Christ! Es schwebt mir dunkel eine Unterredung vor der Seele, die ich einmal mit Ihnen hatte. Ich erinnere mich, daß Sie damals, wo ich Rachepläne gegen meinen vermeintlichen Feind schmiedete, mich an die Pflicht des Christen erinnert haben, nach dem Gebote seiner Religion seinen „Feind zu lieben!" Damals erschien mir das Gebot unsinnig und unerfüllbar: Heute

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