Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1899)
- Date
- 1899-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449016--48942-2499356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hk. Jahrgang. Erste Seilage M M 67 des „Israelit". Feuilleton. plMdrrele» ans der ZoMrrstlsiyr. Nord erney, im August. Ihrem Wunsche um Fortsetzung meiner Plaudereien entspreche ich hiermit gern, selbst auf die Gefahr hin, von einem nicht genügend berücksichtigten Restaurant rectificirt zu werden. Im Grunde genommen, schreibe ich doch nicht für Reclame und könnte auch dann nur von eigenen Wahrnehmungen berichten. Im Uebrigen hat wohl auch Niemand an den „s a u b e r e n G e d e ck e n" des Herrn H. gezweifelt; das Gegentheil wäre auch eine sonderbare Zumuthung. Nicht minderen Anspruch darauf, lobend erwähnt zu werden, hätte auch die Krakauer Garküche zu Norderney, die ebenfalls streng koscher, sauber geführt wird, auch ihren eigen vms» hält. Dieses Restaurant bedient ca. 50—60 vornehme Gäste aus Rußland und Polen, die sich wiederholt anerkennend darüber äußerten. — Hiermit wäre wohl der Magenfrage genügende Berücksichtignng zu Theil geworden. — Habe ich Ihnen letzthin in Nr. 61 Gruppenaufnahmen geliefert, so soll mein heutiges das Gefammtbild des jüdischen Badelebens von Norderney umfasien. Eine Vorahnung der geweisiagten Messianischen Zeit geht uns hier auf 'w vm cy snt ui Alles grast, promenirt, badet und trinkt Bier hier friedlich nebeneinander, Berliner Adaß-Jisroel, Rabbiner-Seminar und Hochschule, Hamburger Synagogenverband, Tempel und was dazwischen liegt, Frankfurter und Breslauer Allerlei, Halberstädler, Dresdner, Kölner u. f. w. Ober-, Bezirks-, Land- und Ortsrabbiner und solche die es werden wollen. In wahrhaft rührender Toleranz verkehren sie miteinander und in den improvisirten Koholfitzungen allabendlich auf der Giftbude, zu der auch Damen Zutritt haben, geht es sehr gemüthlich her, höchstens daß man über die Qualität der verschiedenen Biere abweichende Meinungen äußern hört. Die eigentliche Benennung .Giftbude" für ein fassionables Bierlokal wußten selbst Akademiker nicht befriedigend zu erklären; einige meinten, es solle Mitgiftbude heißen; einig war man darüber, daß das Bier nicht damit gemeint sein könnte. Man sollte meinen, alle jüdischen Parteiblälter wären überflüssig. Der Landrabbiner von Emden als Seelsorger mag nicht wenig stolz auf diese Khilla sein, dann wer kann außer ihm sich noch rühmen eine solche Fülle von Intelligenz friedlich vereint in einer Synagoge — soweit Platz daselbst vorhanden — zu seben. Schön käme der an, der sich hier über diese rührende Toleranz wundern wollt-'. es gibt jg bekanntlich Leute, die nicht st nt mental genug veranlagt sind, hierüber Rührung zu empfinden. Zur Erklärung solch idealer Zustände möge der Umstand dienen, daß die Badegäste ihren Civilberuf zu Hause lasten und hier nur eine Nummer annehmen, wonach sie am Badestrande von dem hochthronenden Strandvogt gerufen werden. Dementsprechend werden ja auch in der Synagoge keine Namen, sondern nur Nummern ausgerufen. Schade ist es, daß die N rderneyer Badegemeinde nicht mebr von langer Dauer ist. Ihr Bild erinnert an die Vergänglichkeit und gleichzeitig auch an die Auferstehung — im nächsten Jahre so G. w. sehen wir uns wieder. Inzwischen möge das Curatorium energisch die Vergrößerung der Synagoge anstreben. Man batte s. Z. den Fehler begangen einen Platz auf der Westseite der Straße zu kaufen, wodurch die volle Ausnutzung des Platzes unmöglich geworden. Ich glaube die Norderneyer Commune dürfte sich geneigt zeigen, für die Erbauung einer schönen Neuen Synagoge einen geeigneten Platz frei herzugeben; aus dem späteren Verkauf des jetzigen Platzes und dem bereits vorhandenen Baarfond dürfte das halbe Baugeld ungefähr beschafft sein. Einer weiteren Abtragung des Reflbaugeldes als Hypothek würden systematisch geleitete Sammlungen in ven kommenden Saisons ausreichend dienen. Der jedesmalige Ertrag einer Saison läßt sich reichlich auf Tausend Mark veranschlagen. Bei dieser Gelegenheit will ich auch eines woblthätigen Unternehmens erwähnen, welches hier zu errichten geplant wird. Es handelt sich um ein Israel. Kinderhospiz, für welches schon ansehnliche Mittel in Aussicht stehen. Die Herren, die sich damit befasten, äußern sich noch etwas zurückhaltend darüber, als ob es sich um ein Staatsgeheimniß handle, während die breiteste Oeffentlichkeit die Sache nur fördern könnte. Meine Kenntniß der Sache, verdanke ich der freundlichen Mittheilung des Herrn GoUhelf aus Hamburg, der nur zu diesem Zwecke, wie er mir sagte, hier einige Zeit anwesend gewesen. Wenn ich nun nach ungefähr vierwöchentlicher Anwesenheit n“2 gekräftigt, von zahlreichen lieben Freunden begleitet, Norderney verlaste, so möchte ich an dieser Stelle nochmals Allen, die mir den Aufenthalt daselbst so angenehm gemacht haben, insbesondere unserer freundlichen Gesellschaft von der Giftbude meinen besten Dank abstatten. Ich wende mich meinem lieben Hamburg wieder zu und hoffe, Ihnen von