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Der Israelit · 1899-08-24 · Heft 67 (24.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 67 (24.8.1899)
Date
1899-08-24
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1427 war aufgezehrt, rathlos strich ich umher. Um Arbeit zu fragen wagte ich nicht wieder, nachdem ich schon so häustg abgewiesen war. Dazu wurde meine Kleidung immer schlechter, ich sah reduziert aus wie ein richtiger Strolch. Wer hätte mir etwas anvertraut?" „Eines Abends fehlten mir sogar die paar Heller, für die ich in einer Herberge hätte schlafen können. Sonst hatte ich sie mir zusammengebettelt, aber an diesem Nachmittag war ich überall abgewiesen worden, die Nacht brach herein und ich hatte kein Unterkommen. Dabei regnete es in Strömen und ich war durchnäßt bis auf die Haut. Ich fror, daß mir die Zähne hörbar aufeinanderschlugen, denn ich hatte auch nichts gegessen seit Mittag, und da nur ein Stückchen alte Wurst, die mir ein mitleidiger Fleischer schenkte! Endlich konnte ich nicht weiter, ich fühlte meine Kräfte schwinden vor Frost, Hunger und Müdigkeit. Ich mußte mir eine Stelle suchen, wo ich mich niederlegen konnte, sonst wäre ich auf der Straße umgesunken. Kurz entschlossen trat ich in den Flur eines Hauses, an dessen Thür ich gerade Vorbeigehen wollte. Wohlthuend empfand ich es sofort, daß mir der Regen nicht mehr ins Gesscht klatschte, aber die Kälte am ganzen Körper nahm zu, ich fieberte, ein Schauder um den andern lies mir durch alle Glieder, ich hatte gerade noch so viel Kraft, mich in einen Winkel hinter der Treppe zu schleichen! Ob ich wollte oder nicht, ich sank auf die harte Erde nieder — da wurde mir auch schon schwach vor den Augen — ein Sausen in den Ohren — — das Bewußtsein schwand mir-" „Daß es einen Gott gibt, Herr Pfarrer, einen gerechten Gott, der die Geschicke der Menschen lenkt und bestimmt, in dessen Hand wir wie Ton, den der Töpfer formt nach seinem Gutdünken, darüber brauche ich Ihnen, Herr Pfarrer, keine langen Auseinandersetzungen zu machen! Sie sind ja selbst ein Diener dieses Gottes, ein Verkünder Seiner Liebe und Seiner Gerechtigkeit! Aber wären Sie das auch nicht, wären Sie ein Atheist, ein Gottesleugner, der in Allem nur den Zufall sieht, ein regelloses durcheinander blind wallender Naturkräfte — — das, was ich Ihnen jetzt schreiben werde, würde Sie vielleicht heilen von dieser Seelenkrankheit, würde Sie zu der Erkenntnis führen, daß der Weg des Menschen von oben bstimmt wird. In mir wenigstens lebt heute, wo ich an jene Zeit zurückdenke, diese Ueberzeugung so fest und tief, daß sie mich in keinem Augenblick meines Lebens verläßt- „Es war nur für wenige Augenblicke, daß ich mein Bewußtsein wiederkehren fühlte und meine Augen öffnen konnte. Aber was ich in diesen wenigen Augenblicken fühlte, das war die wohlthuende Wärme eines weichen Bette-, und waich sah, das war ein kleines, freundliches Zimmer, in dem ich lag; ich hatte nicht die physische Kraft, mich zu verwundern, und gewahrte doch für einen Moment deutlich, daß in dem Zimmer ein weibliches Wesen still und geräuschlos hantierte, dessen Gesicht mir völlig unbekannt war. Allein nach der Tracht zu schließen, schien es eine Krankenpflegerin zu sein." „Wie viel Zeit vergangen war, ehe ich diese Beobachtung machen konnte, wußte ich nicht. Ich empfand nur so viel, daß ich aus einem tiefen, tiefen Schlaf erwacht sei, aus einem traumlosen, stärkenden Schlafe. Mir war so wohl, daß ich die Augen alsbald wieder schloß, aber ein Gefühl der Schwäche verband sich in mir mit jenem Gefühl des Wohlseins, der Schlaf kehrte mir zurück." „Wieder erwachte ich. öffnete die Augen. Wieder sah ich das freundliche Zimmer, und die Pflegerin saß an meinem Bett und schien jede meiner Bewegungen zu verfolgen. „Wie fühlen Sie sich?" fragte sie leise und teilnahmsvoll. „Mich hungert!" antwortete ich. Wie der Wind eilte sie hinaus, und kam nach einer kurzen Weile mit einer Tasse zurück, deren Inhalt sie mich schlürfen ließ. O, wie wohl das that, wie warm, wie warm!! Als ich getrunken hatte, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich vermochte mich ein wenig emporzurichten. „Bleiben Sie lieber liegen!" sagte die Pflegerin. Ich gehorchte dieser Aufforderung nicht. „Wo bin ich denn hier?" fragte ich, mich umschauend. Da fiel mein Blick auf ein Bild an der Wand. Wo hatte ich doch dieses Bild schon gesehen? Die beiden Mütter vor König Salomo, wie der Henker gerade das Beil nach dem Kindlein zuckt, die eine Mutter flehend vor dem König auf die Kniee sinkt, indes die andere roh und gefühllos zuschaut? Und in der anderen Ecke des Bildes Josef in der Grube und die Brüder blickten schadenfroh zu ihm hinab? Und über dem Ganzen eine aufgehende Sonne-wo hatte ich denn das schon gesehen — vor langer, langer Zeitwo? — wo? „Wem gehört dieses Bild?" fragte ich die Pflegerin. „Dem Herrn!" war die Antwort. „Wer ist das?" forschte ich weiter, „warum kommt er nicht, sich nach mir umzusehen? Hat mich doch bei sich ausgenommen? Ich will ihm danken!" In diesem Augenblick ging die Thüre auf und ein Mann trat ein, ein Fremder, den ich nie gesehen. Bald wußte ich, daß es ein Arzt sei. Er befühlte und betastete mich, sah nach meinem Puls und nickte zufrieden mit dem Kops. Ich erklärte ihm auf seine Frage, daß ich mich kräftig fühle, er fragte mich verschiedenes, wie um zu sehen, ob ich bei vollem Bewußtsein, dann sagte er: „Sehr gut!", ging zur Thür, öffstete dieselbe und trat in das nebenanliegende Zimmer. Er hatte die Thür nicht

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