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Der Israelit · 1899-08-21 · Heft 66 (21.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 66 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1407 will ich zunächst nicht verrathen. Lassen Sie mich nach der Reihe erzählen, das Erste zuerst und das Letzte zuletzt: „Als ich aus dem Zuchthause zu B. entlassen wurde, lebte unvermindert, ja, ich kann sagen, noch erhöht und gestärkt infolge der langen Strafe, in mir der wüthende Haß gegen Seligmann Feist. Sie wissen Herr Pfarrer, um was es sich handelte. Ich konnte es dem Juden nicht vergessen, daß er so schändlich an mir gehandelt, mir den Verkauf eines großen Vorrath's Bauhölzer, dessen Kauf er selbst mir angerathen hatte, heimtückischerweise zu Hintertreiben, und zwar deshalb, weil er der Meinung war, daß ich es mit den Antisemiten hielt. Der Streich Feist's trieb mich wirklich auf die Seite der Antisemiten, von denen ich vorher nichts hatte wissen wollen. Aber wenn der Jude das gethan hatte, sagte ich mir, nun — dann will ich auch was thun! Jetzt, Herr Pfarrer, kann ich es kaum begreifen, daß ich damals derselbe Robert Wegner war, wie heute. Aber, was sag' ich da? Ich bin ja auch heute ein ganz anderer! Ich kann mir gar nicht denken, wie ich mich damals in den Haß und in'die Rachsucht förmlich hineingebohrt habe, wie es mir zur zweiten Natur wurde, möglichst den Juden meinen Haß fühlen zu lassen, dafür zu sorgen, daß er ein Bettler werde und in Elend und Roth verkommen müsse. Das war mein Ziel. Darum gerieth ich förmlich aus dem Häuschen, als ich eines Tages hörte. Feist sei nach Amerika ausgewandert und sann und sann, wie ich nun wenigstens noch an seinen Angehörigen meinen gesteigerten Zorn auslassen könne. Das Resultat war die Feuersbrunst, die mich ins Zuchthaus brachte. Hier im Zuchthaus hat sich mein Haß keineswegs gelegt, im Gegentheil; es kam jetzt dazu die Wuth über mein eigenes Schicksal, für das ich wiederum den Juden verantwortlich machte. Alle Bemühungen des Anstaltsgeistlichen — dem ja auch Sie sich einmal anschlossen — vermochten mich nicht anderen Sinnes zu machen. Vollends gar daran' zu zweifeln, daß Feist überhaupt jenen Streich gegen mich verübt habe, das erschien mir lächerlich. Ich glaube sogar, wenn Rubo damals beschworen hätte, daß Feist nicht bei ihm gewesen sei, das hätte für mich und meinen Wahn nicht das geringste bedeutet. So aber hatte Rubo die Sache zweifelhaft gelassen, was für mich ein Beweis mehr war. „Ich verließ die Strafanstalt mit dem festen Vorsatz, das Werk meiner Rache fortzusetzen. Ohne Schwanken und ohne Zweifel lenkte ich meine Schritte dahin, von wo ich den neuen Aufenthaltsort der Feist'schen Familie erreichen konnte, nach Hamburg. Leider reichte mein Geld nicht für die Ueberfahrt und so war ich gezwungen, als Kohlenschlepper die Fahrt nach Amerika mitzumachen. Da, geehrter Herr Pfarrer, im Innern des ungeheuren Schiffes, mitten im Stampfen und Dröhnen der Maschinen, mitten im Zischen des Dampfes und im Lodern und Lecken der Flammen — da traf's mich! Der schwere Schlag sauste auf mein Haupt hernieder und beraubte mich schier meines Verstandes! Was soll ich lange Worte machen? Der Teufel, der Biesfeld war — Gott weiß, wieso — Heizer an derselben Maschine, zu der ich die Kohlen herbeischleppen mußte. Sie können sich das Wiedersehen vorstellen! Nun ein Wort gab das andere. Der Mensch gestand mir mit teuflischer Rücksichtslosigkeit, daß er damals den ganzen Schwindel in's Werk gesetzt, um mich von Feist zu trennen. Er selbst hat Rubo zum Verkauf des Holzes veranlaßt, er selbst die Rauenthaler Bauern beschwatzt, daß sie mir untreu wurden, er selbst mir die feste Ueberzeugung beigebracht, daß Feist das Ganze gethan habe. Er log mir vor, er habe Feist aus Rubo's Geschäft kommen sehen, es war ein raffinirter Betrug, dessen Opfer ich geworden, ich und — Er! „Die fürchterlichste Zeit meines Lebens, Herr Pfarrer, waren diese neun Tage im Bauche des stolzen Schiffes! Ich konnte nicht schlafen und nicht essen und mußte doch arbeiten! Wozu? Um nach Amerika zu kommen! Ja, was wollt ich denn da? O, Herr Pfarrer, es waren schlimmere Tage als es die drei Jahre Zuchthaus gewesen, viel schlimmere! Die Gedanken wirbelten nur so durch mein Gehirn, ich wollte an Alles zuerst denken, es war so viel, was mich bestürmte, und so gewaltsam, so unabwendbar kam alles auf mich zu, gleichwie die Wogen der See auf das schaukelnde Schiff. Allmählich wurde es klarer und klarer in mir, die Gedanken gruppirten sich, ich vermochte die entsetzlichen Folgen zu überschauen, die meine Verblendung gezeitigt. Umsonst also Alles! Umsonst meine innere Aufregung, umsonst meine wahnstnnige Betheiligung an der Judenhetze, umsonst mein Wühlen und Verführen, umsonst all die Wuth und all der Haß, der Ruin meines Geschäftes, umsonst das Verbrechen der Brandstiftung, umsonst drei Jahre Zuchthaus —! Einem Phantom, einem Nichts hatte ich nachgejagt, und dieses Nichts, es hatte mich in's Verderben gelockt —! Es war zum Verücktwerden! — „Dann kam eine andere Konsequenz der furchtbaren Entdeckung: Seligmann Feist! Wie ein Schandmal fühlte ich's auf meiner Stirn brennen, was ich Ihm, dem Reinen, dem besten aller Menschen gethan! ES überkam mich ein ungeheures Mitleid mit dem Schuldlosen, aufschreien hätte ich mögen vor Qual und Schmerz, daß Er, der Herrliche, so gelitten, durch mich! Durch mich! Wie ein Sündenbekenntniß sprach ich's vor mich hin, während ich die Kohlen einschaufelte in meine Karre: Die Käufer

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