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Der Israelit · 1899-08-17 · Heft 65 (17.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 65 (17.8.1899)
Date
1899-08-17
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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XL. Jahrgang. Zweite Beilage M M 65 -es »Israelit*. Zeitungsnachrichten and Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 11. August. Ueber „Jüdische Politik" macht Dr.I. Kirschsohn in der Krakauer erscheinenden „Jüdische Volksstimme" die folgenden bemerkenSwerthen Aeußerungen: . . In meiner Vaterstadt wohnen 15,000 Magyaren, 1000 Rumänen und nur 30 jüdische Familien; in der Stadverlretung sitzen trotzdem unter 36 Mitgliedern vier Juden und kein einziger Rumäne." Also erzählte mir ein ungarischer Jude und wollte mich mit diesem Argument überzeugen, daß es den Juden Ungarns in politischer Beziehung sehr gut gehe. Sind diese vier Juden auch als Juden in die Stadtvertretung entsendet worden?" fragte ich. — „Nein, sie sind von der ungarischen Nationalpartei auf Grund des nationalen Programmes kandidirt und gewählt worden", erhielt ich zur Antwort. „Also, lieber Freund — sagte ich nun — sehen Sie, da liegt des Pudels Kern; Die Rumänen stellen sicherlich auch ihre Kandidaten auf, die aber kandidiren als Rumänen, sie wollen die Interessen ihrer Connationalen vertreten, deßhalb wird kein Magyar für sie stimmen und sie müssen als Minorität unterliegen; würden die Juden als solche, d. h. als Vertreter ihrer Glaubensgenossen, sich um Mandate bewerben, sie würden sicherlich gleich den Rumänen nicht hineinkommen. Freilich als Nationalmagyaren sind sie den Ungarn natürlich nur willkommen. . ." Weßhalb ich diesen Dialog hier erzähle? — Nun, weil diese Zustände nicht vereinzelt dastehen. An „Vertreter" mangelt cs uns Juden nicht, größtentheils aber sind sie nicht „unsere" Vertreter, die .unsere" Interessen verfechten. Wir stellen ein großes Contingent „Politiker" aus unseren Reihen, aber es ist keine „jüdische Politik", die von diesen Juden betrieben wird. Größtentheils geben sie sich „nicht zu erkennen," schweigen dort, wo sie als Juden zu reden hätten; handelt es sich aber um nichtjüdische Angelegenheiten, da paradiren sie mit ihrer Rhetorik, da kennt ihre Begeisterung keine Grenzen, da zeigen sie sich als weitblickende Politiker, als erfahrene Parlamentarier, sie sind — um mit Göthe zu sprechen — „wie die Katzen, die für Andere die Kastanien aus dem Feuer kratzen. . ." Wir Juden haben nicht nur einen Ueberfluß an Intelligenzen, wir haben auch eine Ueberproduktion an Politikern; in fast allen Parteien finden wir jüdische Führer, die Liberalen waren und werden beinahe durchwegs von Juden geleitet, die Sozialdemokraten ebenso — und doch treiben die Juden selbst als solche die herzlichst schlechteste Politik. Vielleicht auch eben deßhalb. Die jüdischen „Politiker" verbrauchen ihre Kräfte bei Vertretung aller möglichen Interessen, so daß ihnen keine Zeit und Muße mehr bleibt, sich ihres eigenen Volkes anzunehmen. Wenn wir die traurige Lage des heutigen Israel, die zerrütteten Verhältnisse in unserer Mitte wahrnehmen und uns dabei derjenigen Juden erinnern, welche in „ihren" Parteien so bedeutendes geleistet, mit so rnel Sachkenntniß, Muth und Energie „ihre" Interessen vertreten haben, müßte uns ein wehmüthiges Gefühl beschleichen, daß diese Männer „fremde Gärten bestellen und ihr eigenes Feld vernachlässigen." Sie hätten doch auch im Lager ihres eigenen Volkes Gelegenheit, sich ihrer Fähigkeiten entsprechend zu bethätigen!!! Aber ihnen scheint dieser Wirkungskreis allzuklein, allzubeschränkt zu sein, sie wollen weiter, höher hinaus und hinauf, mögen ihre Brüder darben und verhungern, mögen ihre berechtigten Forderungen und Wünsche keine Berücksichtigung finden, wenn nur die Interessen der Deutschen, Czechen, Magyaren Polen rc. rc. gewahrt bleiben. Bei alldem wollen es diese Politiker nicht bedenken, daß sie in „ihren" Parteien, selbst wenn sie die Führerrolle innehaben doch nur geduldet sind, um bei günstiger Gelegenheit unsanft hinausgedrängt zu werden. . . Leichten Herzers würden wir schon auf die Ver tretung dieser Herren verzichten, v'mn'b ner ntem nn. "inn Dipeo — das Judenthum wird sich schon ohne ihre Mitwirkung zu helfen wissen — Männer, die kein Herz für ihr Volk haben, die seine Leiden nicht empfinden, sie handeln nur konsequent, wenn sie sich den vitalsten Interessen desselben gegenüber rndisserent verhalten — aber sie sollen aus diesem ihrem Verhalten die äußersten Consequenzen ziehen! Wenn sie schon in Wahrheit nicht Vertreter ihres Volkes sein wollen, dann sollen sie auch nicht Verräther desselben sein. Dies würde schon der politische Anstand von ihnen verlangen. Männer, die sich um ihre Glaubens- und Stammesgenossen nicht kümmern, sollten auch nicht so dreist sein, in deren Namen zu sprechen! Sie sollen ihr Volk nicht verrathen, um es „ihren" diversen Parteien als Stimmvieh zuzuführen, sie sollen das jüdische Volk nicht für Dinge verant wörtlich machen, die dasselbe gar nicht angehen und nur in ihrem persönlichen Interesse liegen. Wenn

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