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Der Israelit · 1899-08-17 · Heft 65 (17.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 65 (17.8.1899)
Date
1899-08-17
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1975 „Ist mir qanz gleich!" antwortete Wegner aufgeregt „meinetwegen als Heizer; ich will ja gerne arbeiten!" „Na, dann kommen Sie mal rein und stellen Sie sich dem Kapitän vor!" Mit diesen Worten öffnete ihm der Beamte die Thüre zum Büreau. Es sei vorhin erst ein neuer Heizer angenommen worden, war die erste Antwort, welche der Kapitän gab, als Wegner sein Anliegen vorgebracht hatte. Gs sei auch so einer, der gern mitwollte und dem sein Geld nicht reichte. Aber wenn er Kohlen schleppen wolle, sei er auch noch zu brauchen. Er möge nur mit ihm kommen. Bald standen sie auf dem Schiffe. Vor der Thür, welche in den Maschinenraum hinabführte, traf der Kapitän gerade einen der Maschinenmeister. Er flüsterte ihm einige Worte zu und deutete auf Wegner, der stumm dabei stand. Wegner solle ihm folgen, sagte der Meister. Und Wegner folgte. Zuerst ging es eine eiserne Leiter hinab. Sie führte auf eine Gallerie, deren Boden aus Eisenstäben bestand und die rings um die blanken, riesenhaften Kessel sich herumspannte. Durch die Zwischenräume der Gallerie konnte man tief hinabschauen. Wegner schauderte, als er den Blick hinuntersenkte. Der matte Schein eines Lämpchens beleuchtete ein wenig das krause Gewirr von Stangen, Hähnen und Schrauben, feiner Dampf, eine Gluthhitze drang herauf und deutlich konnte man das Rascheln hören, mit welchem die Kohlen aufgeschüttet werden. Dann kam noch eine Leiter, steil und schmal. Die Hitze wurde immer größer. Endlich waren sie unten. Welches Bild! Aus sechs Oeffnungen leuchtete eine dunkelrothe Gluth, hie und da schlugen Helle Flammen heraus und leckten am Rande der Oeffnungen gierig empor. Zwei in dem Feuer riesig erscheinende Männer, nackt bis an die Hüften, rußgeschwärzt der eine, der andere — offenbar der neuangenommene — noch sauber, warfen mit großen Schaufeln frische Kohlen in den Bauch des flammenspeienden Kolosses, wobei der eine dem andern zu zeigen schien, wie er es anzustellen habe, um den Inhalt der Schaufel genau bis in die Oeffnungen zu befördern. Das mußte auch gelernt sein. Der Maschinenmeister unterwies Wegner in seiner Beschäftigung. Er hatte aus dem weiten zurückliegenden Kohlenraum die schwarze Maschinenspeise bis vor den Ofen zu fördern, eine schwere, mühselige Arbeit. Aber Wegner, der ja das Arbeiten schon lange nicht mehr gewöhnt war, überwand die Scheu. Er dachte an die Zukunft, an sein Ziel! Also frisch an's Werk! Er warf seine Oberkleider ab und trat sein Amt als Kohlenschlepper an. Da- Schiff hatte sich längst in Bewegung gesetzt, als Wegner wieder einmal mit einer Karre Kohlen vor dem Ofen angekommen war. Er stülpte die Kohlen zu dem Haufen der übrigen um und richtete die Karre wieder auf. Dann blieb er einen Augenblick stehen, um sich zu verschnaufen. Da fiel sein Auge zufällig auf den einen der beiden Heizer, den kleinen neu angenommenen. Er warf gerade eine SchaufelMohlem in'die Gluih und Wegner konnte sein^scharf durch??den Wiederschein der Flammen beleuchtetes Angesicht von der Seite deutlich sehen. Wegner beugte einen Moment seinen Oberkörper vor und kniff die Augen zusammen, wie um besser sehen zukönnen. „Biesfeld!" schrie er dann auf, daß es selbst inmitten des Maschinengeräusches von den Wänden wiederhallte. Der Heizer wendete sich nach der Seite, von wo der Ruf gekommen war. „Wahrhaftig! Sie sind's!" fuhr Wegner, immer in der gleichen Aufregung fort, da er jetzt das Gesicht des Heizers voll auf sich zugewendet sah, „nur die Brille fehlt. Wo haben sie denn die? Und wie kommen Sie hierher?" Der Heizer schien viel weniger verblüfft zu sein als der Kohlenschlepper. Oder konnte er sich bester beherrschen? Er reichte Wegner die Hand hin und sagte ruhig, mit einem Anflug von Humor: „Auf welche Frage soll ich Ihnen nun zuerst antworten? Also, die Brille kann ich doch wohl als Heizer nicht gut brauchen. Würde schön aussehen! Sonst hätt' ich Sie vielleicht auch schon längst erkannt. Aber wer denkt denn daran, daß der Mensch, der mir hier die Kohlen ranschleppt, der reiche Holzhändler Wegner aus Göllheim ist?" „Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr reich!" „So? Ja. wieso denn? „Na, wieso denn? Sie misten doch, Biesfeld, wer an allem Unglück in der Welt schuld ist! Sie wissen doch! Die Juden!" Biesfeld schlug eine helle Lache auf! Also an den Schwindel glauben Sie jetzt noch?" sagte er fidel. Und wieder begann er zu lachen. „Schwindel?" machte jetzt Wegner gedehnt, „aber erlauben Sie doch. Sie selbst-" „Ach was, ich selbst, ich selbst-es war ein Geschäft, wie viele andere — aber ein mißlungenes Geschäft-wie Sie sehen, habe ich jetzt ein anderes. Ich bin Schiffsheizer!" Es war zu komisch, wie sich der halbnackte Biesfeld devot vor Wegner verbeugte und die rechte Hand betheuernd auf die Brust legte. Wegner trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

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