Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 64 (14.8.1899)
- Date
- 1899-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XL. Jahrgang. Beilage zu M 64 des „Israelit“. Leitender Artikel. Cypern als Ziel jWchrr Koloniflen. Von Wylli Hetz. Schon zu wiederholten Malen sind Projekte aufgetaucht, die die Kolonisation der Insel Cypern mit russischen und rumänischen Juden zur Aufgabe hatten. Einige derartige Versuche sind auch schon gemacht worden,ohne daß jedoch ihr Resultat entscheidend für diese Frage hätte sein können, wie wir weiter unten sehen werden. In der neuesten Zeit ist abermals ein derartiges Projekt aufgetaucht, desien hauptsächlichster Befürworter ein Herr Friesch aus New-Aork ist. Derselbe reist durch die großen Gemeinden Westeuropas, und ist überall bemüht, für seine Pläne Propaganda zu machen, Komitees zu gründen re. Den Hauptschlag jedoch bereitet er für den Baseler Zionistenkongreß vor, auf dem er die Mehrzahl der Zionisten für sein cyprisches Project zu gewinnen hofft. Alsdann sollen die unter Berufung auf die Unterstützung der Kolonisation Palästinas gesammelten Gelder dazu dienen, eine Anzahl russischer Juden in Cypern anzusiedeln. Das Eigenartige des neuen Projects ist aber, daß es sich nicht als eine der gewöhnlichen kleine Versuche giebt, einigen Familien zu helfen, sondern beansprucht eine „Kolonisation großen Styles" zu werden. Danach muß sich auch die Beurtheilung richten. Herr Friesch hat übrigens bisher nicht allzuviel Gegenliebe gefunden, in der von ihm einberufenen Besprechung in Berlin ist sein Project abgelehnt worden, dagegen hat er sich die Unterstützung einiger zionistischer Gruppen und die wohlwollende Neutralität Herrn Dr. Herzls gesichert. Wir wollen in der folgenden Prüfung dieses Projectes zunächst eine kurze Uebersicht der Verhältniffe auf der Insel Cypern geben, dann die früheren Versuche mit der Ansiedlung russischer Juden in diesem Lande schildern und endlich auf die Einzelheiten des aktuellen Projektes eingehen. I. Cypern hat eine bewegte Geschichte. Im grauen Alterthum gehörte es den Phöniziern, die es erst kolonisirten und seinen Reichthum in Kupfer und Schiffsbauholz ausbeuteten, dann es vollkommen eroberten. Als die Affyrer die Phönizier bedrängten und zeitweilig unterwarfen, gerieth auch Cypern unter ihre Herrschaft. Zugleich drängten von der anderen Seite die Griechen, die auf Cypern eine Reihe Kolonien gründeten und schließlich die ganze Insel erwarben. Mit dem Zusammenbruch des assyrischen Reiches gerieth Cypern unter die Herrschaft der Aegypter und dann unter die der Perser. In den Kämpfen der Perserkriege machten sich die Griechen auf der Insel unabhängig, doch wurden sie schließlich wieder den Persern unterthan, bis Alexander der Große nach der Schlacht von Jssus auch Cypern eroberte. Nach seinem Tode kam die Insel an Aegypten und 58 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung an die Römer. Nach und nach hatten sich auch Juden auf Cypern ansäßig gemacht, die durch die Bedrückungen der Römer zur Verzweiflung gebracht im Jahre 117 sich erhoben, die Hauptstadt der Insel, Sulamis, eroberten und sich tapfer gegen die Juden wehrten. Schließlich unterlagen sie der Ueberlegenheit der römischen Kriegskunst und wurden alle niedergemetzelt, zugleich aber ein Verbot gegen die Juden erlassen, das ihnen für alle Zeiten untersagte, sich auf der Insel niederzulassen. Bei der Theilung des römischen Reiches fiel Cypern an Byzanz, denen es die Araber abgenommen und fünf Jahrhunderte hindurch blieb es ein Streitobjekt bald byzantinisch, bald arabisch. Eine neue Blütheperiode begann, als im Jahre 1192 die Kreuzfahrer die Insel eroberten und dort ein lateinisches Königreich einrichteten, das, nachdem die Kreuzfahrerstaaten den Türken erlegen waren, den Zwischenhandel zwischen Orient unv Oecident an sich zog. Drei Jahrhunderte dauerte diese Blüthezeit, dann trat die letzte Königin, die Venetianerin Katharina Cosnard, die Insel der Republick Venedig ab. Der italienische Staat beutete das Eiland 100 Jahre lang gründlich aus, bis 1571 die Türken Cypern eroberten. Unter türkischer Herrschaft schwand die Blüthe der Insel schnell dahin, die häufig wechselnden Paschas beuteteen die Einwohner auf das gründlichste aus, ließen eben alle öffentlichen Anstalten verfallen und ruinirten dadurch die Landwirthschaft gründlich, während der Handel sich in Folge der Entdekungen überhaupt aus diesem Theile des Mittelmeeres zurückzog. So erhielten die Engländer, als sie auf Grund des Vertrages von 1876 mit den Türken in diesem Jahre die Insel besetzten, ein ruinirtes Gebiet, dessen ehemaliger Weltreichthum vernichtet, dessen Bevölkerung dezimirt war, das aber trotzdem einen jährlichen Tribut von 92 000 Pfund fast 2 Millionen Mark an die Türkei abliefern muß. Da die Okkupation Cypern keine definitive ist, vielntehr England schon zu wiederholten Malen daran gedacht hat, sich der Insel zu entledigen, so hat es