Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1899)
- Date
- 1899-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449012--48828-2499238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WMWWMWMHMMMMWWW 1827 ist eine herzbeklemnrende Atmosphäre. Allein der Geist der Liebe, dem wir dienen, wird mit Ihnen sein, daß Sie das Lästige dieses Besuches nicht empfinden werden vor der beglückenden Aussichten, ein verirrtes Menschenherz zu Gott zurückzusühren. Wollen Sie mir folgen?" Die Beiden erhoben sich. Aus dem Amtszimmer Melzert's, in welchem dieses Gespräch staitgefunden, begaben sie sich hinab zum Portier, der alsbald einen gerade zur Verfügung stehenden Aufseher herbeirief. Diesem folgten die beiden Geistlichen. Sie verließen das Verwaltungsgebäude, welches nach der Straße zu lag, und betraten den ungeheuer großen Haupthof der Anstalt. „Wegner ist isoliert", wandte sich Melzert zu seinem Kollegen, während sie quer über den Hof schritten, „die zum ersten Male hier sind, sollen möglichst wenig mit anderen Gefangenen Zusammenkommen, damit sie vor den verderblichen Einflüssen der Gewohnheitsverbrecher bewahrt bleiben. Wir wollen nicht nur strafen, sondern mögchichst auch beflern!" Tettenborn sagte nichts. Er nickte nur mit dem Kopf und schaute an den massiven, rothen Backsteinmauern empor, die vor seinen Augen sich erhoben und in denen die kleinen, vergitterten Fenster in regelmäßigen Abständen angebracht waren. Sie standen vor einer massiven Holzthüre, die der Aufseher öffnete, traten ein und stiegen ein paar Steinstufen empor. Dann sahen sie rechts und links je eine hohe, bis zur Decke reichende Gitterthttre, hinter deren Stäben endlose Corridore sich hindehnten. Auf der einen Seite dieser Corridore spendeten die wohlverwahrten Fenster ein ziemlich Helles Licht, auf der anderen Seite befanden sich, wieder in regelmäßigen Abständen, die Zellen. Vor einer Zellenthür, über der auf einem schwarzen Täfelchen mit weißer Kreide der Name „Robert Wegner", die Art seiner Beschäftigung, sowie Datum der Einlieferung und der Entlastung verzeichnet stand, machten die drei Halt. Der Aufseher öffnete das Schloß, schob die Riegel zurück, die schwere Thür bewegte sich lautlos in ihren Angeln. Der Gefangene erhob sich von seiner Arbeit — er flocht Körbe und Kinderwagen — und stellte sich stramm wie ein Soldat auf vor dem zuerst eintretenden Anstaltsgeistlichen. Tettenborn, der zaghafter, langsamer folgte, schien von Wegner nicht bemerkt zu werden. Erst als Melzert sagte: „Ich bringe Besuch, Wegner!" wandte dieser den Kopf zur Seite und erblickte den Gollheimer Pfarrer. Er reichte Tettenborn die Hand hin, mit den Worten: „Danke sehr, Herr Pfarrer!" Der Anstaltsgeistliche nahm bei Wegner trotz der scheinbaren Ruhe, mit der er das sagte, gegen sonst eine gewisse Unsicherheit wahr. Besuche, die fast alle Gefangenen zuweilen empfingen, hatte es für Wegner so gut wie gar nicht gegeben. Um ihn kümmerte sich kein Mensch auf der Erde. AuSgeftoßen war er von Allen. Das Gesicht Tettenborn's war das erste bekannte Gesicht, das er während der langen Jahre erblickte. Das verursachte ihm ein momentanes Gefühl der Rührung, welches er aber schnell bezwang. Der Trotz saß zu tief und fest bei ihm, und neben dem Gedanken, daß das der erste Besuch sei, den er empfange, stieg sofort auch der andere in ihm auf, daß der Pfarrer den Anstaltsgeistlichen in seinen Bemühungen unterstützen werde. Er aber wußte, was er wußte und sonst gabs nichts für ihn. Was Tettenborn zuerst aufsiel, das war die freundliche Helligkeit, welche in dieser Gefangnenzelle herrschte. Er hatte sich das ganz anders vor. gestellt, viel trauriger, düsterer, menschenunwürdiger Aber da war ja ein recht großes Fenster, durch dessen einen geöffneten Flügel die frische Morgenluft deutlich fühlbar hereinwehte, da war ein sauberes Bett, welches des Raumes halber tagüber an der Wand mit Hacken befestigt, zum Gebrauche einfach heruntergeklappt wurde. Ein sauberer Tisch, ein Holzstuhl ohne Lehne, ein kleines Spindchen an der Wand bildeten das übrige Meublement. Zwei dicke Röhren, die in der Ecke bei der Thüre vom Fußboden in die Decke ragten, spendeten im Winter die Wärme der Centraldampfheizung. Alles in Allem: sauber und freundlich! Unb dennoch, der Gefangene, der seit drei Jahren diese Zelle bewohnte, er hatte sich sehr verändert. Am auffallendsten war für den Fremden natürlich, daß Wegner glattrasirt ging. Das Gesicht hatte außerdem seine Röthe verloren, es war blaß geworden, die Augen lagen tief in den Höhlen, aber das verhaltene Feuer in diesen Augen war noch nicht erloschen. Tettenborn ergriff die Hand, die der Gefangene ihm darbot, und, indem er sie etwas länger als nöthig festhielt, sagte er: „Guten Tag, Wegner! Wollte mich mal nach Ihnen umschauen!" „Sie hätten schon längst mal kommen dürfen, Herr Pfarrer!" erwiederte Wegner. Deutlich war aus diesen Worten der Schmerz über die jahrelange Einsamkeit herauszuhören. „Ja, lieber Wegner," sagte der Pfarrer achselzuckend, „Sie hatten durch Ihre Thal mein ganzes Mitgefühl verscherzt! Sie waren in meinen Augen kein Mensch!" Wegner stand unbeweglich. Nur seine Brauen