Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 62 (7.8.1899)
- Date
- 1899-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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weiter „Sie schenken ja der Bande einfach Ihr Geld! Warten Sie noch! Sie werden mir's danken, Löwenwirth —" „Lassen Sie mich jetzt in Ruh', Wegner, ich thu, was ich will, und übrigens ist jetzt Feierabend!" Wer in Wegners Innere einen Blick hätte werfen können, der würde einen Aufruhr der Empfindungen wahrgenommen haben, wie er selten in einem Menschen sich abgespielt. Nun sollte also das Letzte, mit dem er diesen Feist's heimzahlen wollte, auch noch vereitelt werden. Er war doch noch nicht so weit, um es wagen zu können. Er wäre doch ein Narr gewesen, wenn er Hals über Kopf den Gedanken hätte zur Thal werden laffen, ohne sich vorher zu salvieren! Man mußte es doch schlau anpacken, um allen Verdacht von fich sortzuwälzen. Allerdings, das Eine besonders, was er in tausend müßigen Stunden überlegt und überdacht hatte, das Eine wollte nicht gelingen. Und das hätte doch dem Ganzen die Krone aufgesetzt! Aber es ging nicht! Der Judenjunge war nicht zu fassen, und um den Verdacht auf ihn hinzulenken, hätte man eben schlauer sein müssen als der Sohn Seligmann Feist's. Aber wenn auch das nicht ging, so mußte man sich selbst doch wenigstens außer Schußweite bringen. Seit Monaten war es Wegner's einziges Sinnen und Denken gewesen, wie die Sache am besten einzufädeln sei, wie? wie? Darum hatte er immer den Verkauf des Hauses hintertrieben, weil er's noch nicht wagen konnte. Die Judenbande! Sie durften nicht auch noch die paar tausend Mark mitnehmen, die ihnen das Haus einbrachte, sie durften es nicht! Und jetzt — jetzt kam dieser verflixte Löwenwirth und blieb dabei: morgen-morgen — — Wie im Taumel, schwerfällig, ächzend, erhob sich Wegner von der Ofenbank und ging zum Büffet. „Löwenwirth!" begann er noch einmal, vor Brinkmayer stehen bleibend, „ich warne Sie zum letzten Mal! Lassen Sie's noch bis nächste Woche — bis übermorgen jeder Tag, den Sie warten, bringt Ihnen ein paar hundert Mark ein — —" Seine Blicke hingen angstvoll auf Brinkmayers Antlitz; schwer, fast lallend kamen die Worte aus seinem Munde, seine Rechte griff wie begütigend nach Brinkmayer's Arm. Der Wirth stieß ihn unwillig weg und sagte energisch: „Wegner! Gehen Sie heim und schlafen Sie Ihren Rausch aus!" Brinkmayer hielt für Trunkenheit, was doch bei Wegner nichts anderes war, als das irre Lallen der Angst, der Angst vor sich selber und vor der Nacht, der dunklen, stürmischen Nacht, die draußen auf ihn lauerte. „Ich kann doch gewiß diese Juden auch nicht leiden", sprach Brinkmayer bedächtig vor sich hin, als Wegner sich endlich entfernt hatte, „aber so verbissen bin ich doch nicht auf sie, wie der verrückte Holzhändler. Gönnt der armen Frau nicht mal die paar Mark-" Und kopfschüttelnd drehte er die Lampe aus. Der Schnee fiel immer noch. Fast meterhoch erhob er sich in den Straßen, jede Vertiefung und Rinne ebnend, daß es über Göllheim lag wie ein Leichentuch. Auf den Dächern ballte er sich zu ungeheuren Lasten, immer höher und höher; es schien, als wolle er die Häuser erdrücken. In den weißen Schneemassen aber spiegelten sich noch in derselben Nacht blutigroth die Flammen einer ungeheuren Feuersbrunst, wie man sie seit Jahren in Göllheim nicht erlebt. Zwei Grundstücke fielen dem rasenden Element zum Opfer; es waren die Wohn- und Geschäftshäuser des Holzhändlers Robert Wegner und des Spezereiwaarenhändlers Seligmann Feist. „Wie kam das eigentlilich, werther Herr Amtsbruder, daß Sie sich während der langen drei Jahre nicht ein einziges Mal nach Ihrem ehemaligen Pfarrkinde umgesehen haben?" Es war Pfarrer Tettenborn aus Göllheim, an den diese Frage gerichtet wurde, und der sie an ihn richtete war Pastor Melzert, der Anstaltsgeistliche des Centralgefängnisses zu B. „Ja! ja!" antwortete Tettenborn mit einem leichten Seufzer, „Sie wundern sich mit Recht über mich. Aber ich muß Ihnen sagen, lieber Herr Kollege, der Mensch war mir durch die scheußliche That, die er verübt, so zuwider geworden, daß ich stets nur mit den Empfindungen tiefster Abscheu an ihn denken konnte. Stellen Sie sich vor: aus purem Haß, und noch dazu, wie mir scheint, aus grundlosem, völlig grundlosem Haß unschuldige Menschen in die entsetzlichste aller Gefahren zu bringen, in die Gefahr des Verbrennens bei lebendigem Leib! Welcher Abgrund von Verdorbenheit, von Rohheit! Und dazu noch die zweite Triebfeder, die in dem Verbrecher wirkte, der Eigennutz, das wahnwitzig-betrügerische Bestreben, sich durch dieses Feuer die Vortheile der Versicherung zu erringen! Schon bei der Verhandlung, zu der ich ja als Zeuge geladen war, konnte ich ihn kaum ansehen, sonst hätte mich der Zorn übermannt, der Zorn, daß eines meiner Pfarrkinder so Schreckliches verübt. Und mit welch' cynifcher Offenheit er eingestand! Wie er ohne Bedenken gemeinste, niedrigste Rachsucht an unschuldigen Menschen als Motiv seiner That zugestand, Rachsucht