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Der Israelit · 1899-08-03 · Heft 61 (3.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 61 (3.8.1899)
Date
1899-08-03
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
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Reisebilder von Dr. Heinrich Loewe. (Nachdruck verboten.) (I. Fortsetzung. *) An jener Felsecke war es, wo die äolische Weise erklang, wo Sappho zum letzten Male den lesboischen Barbiton znm Liede spannte, den geliebten Phaon beweinend, der ihre Sklavin Melitta entführt hatte. Dann stürzte sie sich vom Fels in’s Meer, noch im Tode eine echte Priesterin der purpurthronenden Aphrodite. Die grössere Seestrecke, die uns jetzt auf ganz kurze Zeit die Inseln aus dem Gesichtskreise entschwinden lässt, war die Seescheide von Aiblis und Jonia. Dann heben sich rechts die Felsen von Psara, links die Bergreihen von C h i o s aus der blauen See. Wir sind in jonischen Gewässern. Die fruchtbare Insel C h i o s war ein Mittelpunkt homerischen Gesanges. Die liedesfreudigen Inselgriechen sind die einzigen, die verhältnissmässig rein die alte hellenische, und hier jonische Abstammung bewahrt haben. Unter ihnen haben sich auch noch zwei jüdische Gemeinden erhalten, von denen wir hörten, als im Jahre 1881 ein schreckliches Erdbeben die Insel verwüstete und auch die Judenviertel von Chios und Tschesme der Erderschütterung zum Opfer fielen. Seit dieser Zeit haben die chiischen Juden die Zitadelle verlassen, die ihnen bis dahin zum Wohnort diente, und dank der Freigebigkeit des jüdischen Grafen de Camondo besitzen sie seitdem ein öffentliches Bethaus und eine Talmud- Torah. Doch wohnen auf der ganzen Insel höchstens 80 jüdische Familien unter mehr als 70.000 Einwohnern. Das Schiff durchfährt nun die breite Inselstrasse zwischen den Kykladen und Sporaden, heute zum grossen Theile die politische Wasserscheide zwischen dem Königreiche Griechenland und dem Türkischen Sultanate, und biegt bei den Inseln Kos, dem Vaterlande des Asklepiaden Hippokrates, undNisgros gen Osten um, und erreicht nach mehrstündiger Fahrt Rhodos, während links die ersten taurischen Berge Kleinasiens sichtbar werden. Auf einer schmalen Ebene an der Nordseite der Insel liegt die alte Stadt der Johanniterritter mitten in Olivenhainen, Palmen überragen das weissgetünchte, weitgedehnte Städtchen. Es ist schon eine echte Stadt des Südens. Auch hier waren die Phönizier die ersten Herren und Kulturträger, bis sie von den Dorern verdrängt wurden. In der jüdischen Geschichte wird Rhodos *) 8. Nr. 702. zuerst nach der Schlacht bei A i t i u m genannt, als hier Herodes zu den Füssen des Cäsar Octavianus sich demüthigte, um den grössten diplomatischen Sieg seines Lebens zu feiern. Es war das Vorspiel zugleich zu jener schrecklichen Tragödie, deren Hauptakt die Hinrichtung seines Weibes, der herrlichen Hasmonäerin Mariamne war. Juden hat es hier seit alten Zeiten gegeben, und noch heute sind von den etwa 30.000 Einwohnern der paradiesischen Insel etwa 3200 Juden. Dass sie arm sind, ist beinahe selbstverständlich. Dass sie von den Griechen gehasst und verfolgt werden, ist noch selbstverständlicher. Im Jahre 1840 haben diese Insulaner die Blutlüge zu gleicher Zeit in Aktion treten lassen, wo ihre griechischen Glaubensgenossen die bekannte Damascener Blutverfolgung inscenirten. Hier wie dort fanden die Verfolger ihren kräftigsten Rückhalt an dem französischen Konsulate. Die Sitten der Rhodioer Juden sind eigenartig, und die Wissenschaft der jüdischen Volkskunde sollte sich ihre Erforschung angelegen sein lassen. Die meisten Familienväter sind gezwungen, auf elendeste Weise in den Dörfern der Insel und der anatolischen Küste ihr kärgliches Brod za verdienen. Nur zu den Feiertagen können sie bei der Familie weilen. Die Zahl von Wittwen und Waisen ist eine sehr hohe. Sie haben meist das gleiche Ziel vor Augen: ein kleines Kapital zu erwerben und nach Jerusalem auszuwandern. — Bei Rhodos hört das ägäische Meer auf, seine landlockernde Kraft zu beweisen. Bis hierher hat uns ein Wellenschlag begleitet, der vom Starmolfelsen des Athos bis nach Kreta und von Athen bis nach Smyrna in gleichmassigem Schlage zittert. Nun biegen wir etwas südlich ab, um in gerader Linie im Anblick der hochragenden Wüstenketten Kleinasiens und dann der aphroditischen Gebirge Cyperns auf Beirut zuzusteuern. An Bord hat sich inzwischen während der mehrtägigen Fahrt ein kameradschaftliches Leben entwickelt. Das Schiff, das von einer deutschen Gesellschaft bei Gelegenheit der kaiserlichen Orientreise gechartert wurde, ist mit Deutschen aller stände besetzt. Ausser unserer kleinen jüdischen Gesellschaft ist dort nur ein katholisches Ehepaar italienischer Zange. Sonst sind alle Passagiere Deutsche evangelischen Glaubens.

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