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Der Israelit · 1899-08-03 · Heft 61 (3.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 61 (3.8.1899)
Date
1899-08-03
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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XL. Jahrgang. Erste Beilage zu M 61 des „Israelit“. Feuilleton. plMerele« aas der Komiaerstistzr. Gruß aus Norderney von einem Hamburger. Es ist Nachmittags gegen sechs Uhr. Am Strande, der Viktoriahalle gegenüber, beginnt es wieder lebhaft zu werden, in der Ferne erblickt man schwachen Rauch, es ist der Hamburger Dampfer, der in einer Stunde hier sein wird und der alle Mal ein neues Kontingent von Gästen herbeiführt; unzweifelhaft sind auch alte Freunde und Bekannte darunter, Ersatz für die morgen Abreisenden, und so wechselt das Bild mit jedem Tage langsam, gleich einem sich ununterbrochen abrollenden Panorama. Am Strande haben sich inzwischen Gruppen gebildet, bietet doch die Ebbe, welche sich über den Seefteg hinaus erstreckt, reichlich Raum für Alle, für Erholung, Unterhaltung und Gesellschaft suchenden Gäste. Dem stillen Beobachter bietet sich hier mehr wie überall Gelegenheit Charakterstudien zu machen und Stoff für intereffante Berichte zu sammeln. Er sieht Strand- und andere Körbe austheilen, Stühle auf- und zuklappen und sogar vor die Thür setzen. Hier ist die große Heerschau der Heirathskandidaten und FemininaS und von manch glücklichem Verlöbniß könnte der Strand erzählen. Aber auch viele Wallungen werden von den rauschenden Wellen verschlungen oder verlieren sich im Sande, wenn der kalte Kopf dem warmen Herzen Einhalt gebietet. Dort sitzt ein gesinnungstreuer Rabbiner und erzählt wie er gegen die Neologen seiner Gemeinde, die die Orgel in die Synagoge zur vermeintlichen Verherrlichung des Gottesdienstes hineinbringen möchten, zu kämpfen habe und daß er, wenn er unterliege, den Wanderstab in die Hand nehmen müsse. Möge er gestärkt zum Kampfe aus Norderney heimkehren und unterstützt von den Gutgesinnten seiner Gemeinde, als Sieger hervorgehen. Das Pendant hierzu bildet ein sogenannter Raw, der sich rühmt, sich in seiner Khillokedauschoh durch Reformen und Nachgiebigkeit berühmt und beliebt gemacht zu haben, wenngleich die Orthodoxen, die ein eigenes Minjan unterhalten, dagegen "gezetert". Er verschweigt aber, daß ihre Zahl täglich wächst, während seine Freunde kein Jntereffe für ihn haben, höchstens daß sie ihn gern als dritten Mann beim Scat sehen, da er hierbei talmudischen Scharfsinn entwickeln soll. Eine große Gesellschaft, anscheinend au» Berlin und darüber hinaus, unterhält sich von dem Essen von heute Mittag. „Bei Schuchardt war es vorzüglich!" berichtet ein von der Grenze stammender weißkostümirter Jüngling mit dem scharfen R R, über die Hummern insbesondere zeigte er sich, mehr großprahlerisch wie durchdrungen, entzückt. Sein alter Vater daheim, wenn er es gehört, hätte ihm vielleicht ein paar Ohrfeigen zum Nachtisch gereicht, vielleicht auch nicht; man findet ja auch tolerante Väter, die sich der Fortschritte ihrer Herren Söhne auf gastronomischem Gebiete sogar freuen, insbesondere wenn sie damit prahlen können: „Haben Sie schon gehört, mein Sohn hat mit dem Grafen von Nullendorf in Norderney zusammen gespeist" — daß er hinterher den „aufdringlichen Judenbengel" oder gar noch etwas kräfligeres nachgeworfen erhielt, verschweigt solch guter Vater, möglich auch, daß sein aufgeklärter Sohn ihnr dieses zu berichten vergißt. Ein anderer Jüngling, unterstützt von seiner Schwester, die nicht anders wie versprochen heimkehren möchte, macht Reklame für ein anderes bekanntes Restaurant, wo dem Vernehmen nach die verschiedenen Glaubensrichtungen fein säuberlich auseinandergehalten werden; da gabs Aalsuppe und Schweinspfötchen mit Erbsen u. s. w., dabei schnalzte er mit der Zunge, als ob er noch einen Teller voll davon vor sich hätte. Uebrigens beruht die obenerwähnte Trennung der verschiedenen Glaubensrichtungen auf einer irr thümlichen Voraussetzung, da die daselbst speisenden Juden gar keinen Glauben haben, vielleicht auch keinen verdienen. In der ganzen Gesellschaft befand sich Niemand, der für koscheres Esten eintrat, oder von der Vorzüglichkeit der Küche bei Hofmann (Hotel Falk) zu berichten wußte und doch speisen daselbst täglich an vier Hundert fromme, vornehme Israeliten, die ihre theils sogar sehr weitgehenden Ansprüche in Beziehung auf Bereitung, Reichhaltigkeit und vor allen Dingen nrnw vollends befriedigt finden; auch eine andere Koscherrestauration bestrebt sich nach dieser Richtung und findet dankbaren Zuspruch. Ein anderes Bild zeigt wieder eine Anzahl ehrwürdiger Männer, die sich zusammenfanden. Hier drehte sich die Unterhaltung um jüdische, gemeinnützige Angelegenheiten, hin und wieder hörte man einen pi-w oder piDB aus dem Wochenabschnitt geistreich erklären, und als es gegen 7Va Uhr ging, beeilte man sich, die unweit gelegene Synagoge aufzusuchen, woselbst Morgen» und Abends mit 3—4 Minjanim andächtig, selbstverständlich orgelfrei und glockenrein, gebetet wird. Es ist erfreulich, wie sich hier die Elite aus den frommen Gemeinden zusammenfindet. Da» Hauptkontingent liefern Hamburg—Altona und Frankfurt a. M. H. B.

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