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Der Israelit · 1899-07-31 · Heft 60 (31.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 60 (31.7.1899)
Date
1899-07-31
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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XL. Jahrgang. Beilage zu M 60 des „Israelit". Feuilleton. Plauderele» aus der Sommerfrische. Schlangenbad, Ende Juli. Durch die Zeitungen ging dieser Tage eine Notiz, in der zu lesen war, in welch' drollig-unzutreffender Weise beim Aufkommen der Eisenbahn die damaligen Machthaber und höchsten Autoritäten über dieses neue Vehikel urtheilten. So erklärte die kgl. bayer. Obermedizinalbehörde, sie könne die Eröffnung der Strecke Nürnberg-Fürth nicht gutheißen, da nicht nur Jeder, der damit fahre, sondern auch Jeder, der nur zusehe, das delirium furiosum bekomme, eine durch die Erschütterung herbeigeführte Geisteskrankheit. Alle die Nachtheile, die man lächerlicherweise der Eisenbahn prophezeit hat, sind nicht eingetroffen. Aber einen Nachtheil, wenn man ihn überhaupt so nennen will, und zwar einen, den Niemand vorausgesagt, hat die Bahn mit sich gebracht, und das ist die Nivellirung und Plebiisirung gewisser Orte und Gegenden. Ein besonders eelatantes Beispiel dafür bietet Schlangenbad. Wer noch vor einigen Jahren hierherkommen wollte, der konnte dies nicht ohne bedeutende Opfer an Geld oder Schuhsohlen. Ein einspänniger Wagen von Wiesbaden hierher kostete zwölf Mark, von Station Eltville acht Mark. Die Folge davon war, daß man hier nur ein auserlesenes Publikum antraf. Bon Nichtjuden, Grafen, Fürsten, ja Kaiserinnen, von Glaubensgenossen höchstens einige hervorragende Mitglieder von Großgemeinden. Das moderne kaufmännische Schtagwort: Die Masse muß es bringen, d. h. viele Geschäfte mit kleinem Nutzen machen, das kannte man hier nicht. Es kamen wenige her, die aber mußten blechen. Das hat sich nun mit den vor einigen Jahren eröffneten beiden Bahnstrecken Wiesbaden- Chausseehaus und Eltville-Schlangenbad vollkommen geändert. Die Qualität hat abgenommen und die Quantität macht sich um so stärker bemerkbar. Selbstverständlich hat sich auch das jüdische Element stark vermehrt und ein antisemitischer Badebeamter meinte jüngst, wenn das so fortginge, müßte er noch das Schofarblasen erlernen, um im nächsten Jahre dem Herrn Kurdirektor am Rosch Haschonoh vorblasen zu können. Nun sind die Schlangenbader zwar ganz damit zufrieden, daß der Fremdenverkehr sich so erhöht hat, daß die Gäste Geld herbringen und dadurch der Umsatz der Geschäftsleute steigt, aber sie empfinden es gewissermaßen als einen Eingriff in ihre Rechte, daß so viele Andere die kühle, freie Bergesluft auch einathmen wollen. l „Nicht wahr", sagte meine Wirthin, mit einem Anflug von Hohn, als ich mein bescheidenes Stübchen miethete, „nicht wahr, wenn's gar zu heiß wird da drunten, dann kommen's die Stadtleute au» ihren engen dunklen Gassen herauf zu uns." Trotz alledem würde man es wahrscheinlich hier allgemein bedauern, wenn keine Fremden mehr erscheinen wollten und deshalb behandelt man sie auch höflich, aber die Bevölkerung freut sich doch, wenn man nach Ablauf der paar Wochen Saison, in der man nach Kräften gerupft hat, wieder hübsch unter sich ist und dem gewohnten Müßiggänge wieder fröhnen kann. Eine Bestätigung der Wahrheit de» Ausspruchs unserer Alten: bnpipa nrrx o'Aea noa rupn mo\ Im Sommer bumm-ln die Gäste, im Winter die Wirthe. Im Winter kann man hier übrigens gar nichts thun, selbst wenn man wollte, es herrscht hier die tiefste Stille und wer da» fußhoch mit Schnee bedeckte Thal einmal im Januar sieht, der kann sich in das nördlichste Dorf Sibiriens versetzt glauben. Juden bleiben dann nur noch zwei hier. Ein Ladenbesitzer und der Restaurateur. In früheren Zeilen war das anders. Da war Schlangenbad eine verhältnismäßig große Khille. Wo das untere Kurhaus jetzt steht, war die Synagoge. Noch bis in die sechziger Jahre hinein lagen der Oraun Hakodesch, zerfetzte Thorarollen, Blätter von Chumochim auf dem Boden eines hiesigen Hauses, bis man sich entschloß, eine Anfrage an den seligen Dr. Lehmann zu richten, nach dessen Weisungen dann die Genisah erfolgte. So „bedeutend" war die jüd. Gemeinde Schlangenbads, daß der hiesige Schochet das ganze Rheingau „beherrschte". Das heißt, er ging Sonntags weg auf die Ortschaften schächten, kam hinunter bis nach Geisenheim und Rüdesheim und kehrte erst Freitag Nachmittag wieder hierher zurück, auch eine Zizith-Spinnerei soll hier gewesen sein, die ein Mann Namens Herz Schlangenbad oder wie man damals schrieb: Slangen-Baadt, betrieben haben soll, ob er die sprüchwörtlichen Reichthümer dabei erwarb, ist nicht bekannt geworden. Später hat sich die Gemeinde aufgelöst und Lehrer und Schochet befanden sich in großer Noth, da die zwei verbleibenden Familien sie nicht besolden konnten. Es wäre doch eine große Aufgabe der jüdischen Blätter, das Gewissen derer zu wecken, die aus den kleinen Dörfern in die großen Städte ziehen, unbekümmert um die dort verbleibenden Beamten. Vielleicht wäre es auch gar kein schlechter Gedanke, russische Familien statt nach Argentinien, Nordamerika oder Palästina zu bringen, die Stellen und die Beschäftigungen der fortgezogenen jüdischen Fa-

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