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Der Israelit · 1899-07-31 · Heft 60 (31.7.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 60 (31.7.1899)
Date
1899-07-31
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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1271 Haft, daß Feist binnen Kurzem wieder zu Geld und Vermögen kommen würde. Freund Biesfeld hatte ja oft und ausführlich genug über die geschäftliche Schlauheit der Juden gesprochen. Der Jude kommt immer wieder an die Oberstäche, wenn man ihn auch tausendmal untertaucht. Der Gedanke aber, daß Feist sich von dem theilweisen Ruin erholen und wieder ruhigen, zufriedenen Tagen entgegengehen könne, verursachte Wegner Höllenqualen. Das durfte und durfte nicht sein, und wenn Wegner es nun, nach Feift's Wegzug, nicht mehr in der Hand hatte, die Fäden seines geschäftlichen Schicksals zu lenken, nun, so waren doch vorläufig noch Frau und Kinder des Juden da, gegen die sich nun seine tausendfach gesteigerte Wuth in wahnsinnigen Ausbrüchen und in verbrecherischen Plänen kehren konnte. Es war für Wegner ausgemacht, daß er gegen die Wehrlosen einen Hauptstreich sichren müsse, der, so lange es noch möglich war, das mißlungene Werk seiner Rache nothdürftig, aber entsetzlich genug krönen sollte. Seit der Pfarrer bei Wegner gewesen war und das, was in ihm schlummerte und worüber er bis dahin noch zu keinem Menschen gesprochen, ans Licht gelockt hatte, war dieses Eine, Letzte, Große, Wegners Sinnen und Trachten, wo er ging und stand. Er werde schon noch etwas finden, hatte er den unschuldigen Nachbarn mit erhobenen Fäusten gedroht. Aber was? Was konnte es sein? Was mußte es sein? Etwas jedenfalls, dem sie nicht entrinnen konnten, dem sie nicht auszuweichen vermochten, wie Feist es durch seine Abreise gethan hatte. Etwas, das über ihren Häuptern sich entladen würde, unerwartet, unverhofft! Etwas Ueberraschendes, Plötzliches, dessen sie sich unmöglich versehen konnten! „Ich werde es schon finden!" wiederholte er sich tausend- und abertausendmal, „es steht mir vor der Seele, deutlich, fast greifbar, und eines Tages wird es schon über mich kommen wie eine blitzartige Erleuchtung, das Eine! Und dann wird es geschehen!" Grübelnd zerquälte er sein Hirn über diesen letzten Strahl seiner Rache; es ließ ihm keine ruhige Stunde mehr, von den vier Wänden seines Zimmers starrte es ihm entgegen, aus dem Wein, den er zum Munde führte, schimmerte es ihm zu, des Nachts schlich es sich in seine Träume und des Morgens öffnete es ihm die Augenlieder- Nur Eines vermochte dieses Grübeln Wegner's zuweilen zu unterbrechen, vermochte daneben manchmal für kurze Zeit in ihm aufzutauchen: das war die Beschaffenheit seiner materiellen Verhältnisse. Sie verschlechterten sich von Tag zu Tag. Längst hatte er, um nur die drängenden Gläubiger befriedigen zu können, den größten Theil seines nicht unbeträchtlichen Lagers zu Spottpreisen verschleudert. Sein Privatvermögen schmolz bei dem elenden Geschäftsgang und bei seiner leichtsinnigen Lebensweise zusehends zusammen und der Tag kam unausweichlich heran, an dem er vis a vis de rien stehen würde. Was war zu machen? Znr Arbeit zur ernsten Thätigkeit, wie sie früher sein Lebenselement gewesen, war er allmählig zu faul geworden. Die Weinstasche und der Bierkrug hatten das Uebrige gethan, seine Nerven zu erschlaffen und in ihm einen wahnwitzigen Fatalismus zu wecken, der ihm oft genug nach stundenlangem Grübeln die Worte auf die Lippen legte: „Geh's, wie's will! Ist ja doch alles futsch!" Eines Tages war Wegner von einem auswärtigen Engroshändler eine Rechnung präsentiert worden, von der Wegner annahm, daß sie bereits beglichen sei. Er machte sich daran, die vermeintliche Quittung zu suchen, was bei dem Zustande, in welchem sich wie das ganze Geschäft, so auch seine Bücher und Papiere befanden, keine leichte Arbeit war. Seit Jahren hatte er seine Papiere und Briefschaften nicht mehr sortirt. Alles lag wild durcheinander in dem Schubkasten seines Stehpultes. Doppelt unmuthig und verärgert ging er an's Werk. Brummend fluchte er vor sich hin, ergriff mit beiden Händen einen Haufen Papiere und warf sie mit einem kräftigen Ruck auf den Tisch, daß sie nur so auseinanderstoben. „Zum Donnerwetter!" wiederholte er unzähltgemale, „das ist doch schon bezahlt! Was will denn der noch einmal?-Das fehlt mir grade noch, daß ich die Kerls doppelt bezahlen muß-wäre nicht übel — — käme noch viel eher auf den Hund -ne, ne, das jiebt's nicht — — die Quittung muß doch da sein-" Während solcherlei Selbstgesprächen entfaltete er ein Blatt um das andere, um jedes einzelne enttäuscht und ärgerlich wieder weg zu werfen. Wttthend auf sich selbst bohrte er sich aufs Neue in seine wahnwitzigen Gedanken hinein. Die Unordnung, die ihm das Suchen so bedeutend erschwerte, verdroß ihn. Wie jede ernste Arbeit war ihm auch dieses Suchen zuwider. Das war nun noch schöner — nun fand er gar seine Quittungen nicht mehr — das konnte hübsch werden, wenn die Herren Gläubiger davon Wind bekämen-wahrhaftig, er war doch schon weit heruntergekommen — er hatte überhaupt kein Geschäft mehr-das war nur noch ein wirres Durcheinander von Sorgen und Aerger und Angst und Reue und Haß- Der drüben hatte gewiß weniger Sorgen und weniger Aerger — muthig war er davon gegangen, sich eine neue Existenz zu suchen, er wird sie gewiß auch finden. Immer krampfhafter wurde das Suchen; die innere Aufregung, durch das verbissene Grübeln

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