Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 58 (24.7.1899)
- Date
- 1899-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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XL.. Jahrgang. Mage M M 58 des „3srneUf‘. Feuilleton. ttiuainiti klier alten Ctftnftffötec« an Di. Miel Mestzelwrr V'sr. Die Rabbiner in Ungarn tragen lange Röcke, oder Kaftans, sogen, polnische Tracht. Als die Eisenstädter Deputation nach Wien kam, um den jungen Rabbiner, der aus Halberstadt dort eintreffen sollte, zu begrüben und am Bahnhof bei Wien ihren zukünftigen Rabbiner erwartete, entstiegen aus dem Zuge Herr Josef Hirsch, besten viele Freunde und Bekannte. Da srug der Vorsteher der Gemeinde: Wo ist der Raw? Man zeigte ihm denselben. Einen jungen Mann, gekleidet wie ein „Stutzer." Ein blonder Lockenkopf, eine Tuch- oder Reisedecke, die in einen Lederriemen gewickelt war, um den Leib geschlungen. Die Deputation war über diese moderne Kleidung ganz entsetzt. Wir müssen sofort zu einem Schneider fahren, riefen sie einstimmig, um unfern Raw eine Kleidung anfertigen zu lasten, die einen Rabbiner repräsentirt. Dr. H. weigerte sich, einen langen Rock zu tragen und dabei blieb es. Man konnte sich erst nach Jahren an dessen „stutzermäßige" Kleider gewöhnen. — Roch eigenartiger war Folgendes: Dr. H. war in seiner Jugend ein vorzüglicher Turner, den ersten Spaziergang in Elsenstadt machte er mit Dr. Lehmann ‘rxt. Eine halbe Stunde von der Eisenstädter Judengaste liegt das Kadetten-Jnstitut. Auf dem Rasen standen Turngeräthe. Dr. H. erkletterte ein 10 Meter hohes Seil und fetzte sich auf den hohen Querbalken. Jüdische junge Leute, die zufällig ebenfalls einen Spaziergang dort unternahmen, waren verblüfft als sie ihren Rabbiner da oben sitzen sahen. Wenn nach ganz kurzer Zeit H. dennoch die allgemeine Verehrung und Hochachtung bei allen Leuten sich erworben hatte, so lag das in seinen herrlichen und schönen Eigenschaften: 1) Der Wohlthätigkeitssinn, den er mit Selbstaufopferung pflegte, 2) die vornehme und noble Gesinnung. Von unzähligen nur ein Beispiel. Nachts um 1 Uhr wurde die Frau Dr. H. von einem Geräusch im Nebenzimmer wach, sie rief ihrem Mann, der die Nächte wachend mit der Thora beschäftigt war, zu: „Israel, ich glaube, es ist Jemand im Nebenzimmer, ich höre an der eife.nen Geldkiste rasseln." H. ging unerschrocken leise ins Nebenzimmer und sah, wie ein uro Geld au« der Kaffe einsteckte. Der Dieb hörte das Eintreten seine« Lehrers nicht und setzte die unselige That fort, bis H. vor Zorn ihm zurief: „Ich glaube. Sie haben schon genug Geld! Lasten Sie mir doch auch etwas übrig." H. kam zu seiner Frau, die neugierig fragte, wer wohl so spät da war. ,,E« war ein um, der ein ivo suchte", war die Anwort. H. wollte seiner Frau nicht« Unangenehmemittheilen und seine tt-nro, die er über alles liebte, nicht blamiren und hatte eine Unwahrheit gesagt, wohl die einzige in seinem Leben. Der nro, dm große Roth zu dieser That veranlaßte, hat da« genommene Geld zurückerstattet, und nie hätte die Welt erfahren, wa« diese Nacht sich ereignete, wenn der Betreffende nicht aus seinem Todenbelt die Verzeihung seine« 'r» verlangt hätte. Wie H. die Turnkunst zur Wohlthätigkeit benutzte hat hauptsächlich sein wohlhabender Nachbar Meyer Schlesinger an seinem Geldbeutel erfahren. Tagtäglich lief H. in der Gaste „schnorren", die Leute versteckten sich, wenn er kam. Es kamen täglich nach Eisenstadt 40 bis 50 Schnorrer, würdige und unwürdige. Sämmtliche speisten am Tische de« H., wa« hungrig nach E. kam, ging satt fort, und als Schlesinger entschieden eine weitere Gabe ablehnte, weil er seit acht Tagen mindestens schon ein Dutzend mal von H. „angeschnorrt" wurde, da sprang derselbe im Laden über die Theke, öffnete die Geldlade und der verblüffte Hausherr mußte nun wohl oder übel mit einer Gabe herausrücken. Als H. den nächsten Tag wieder kam, war es Schlesinger sein Erstes, die Geldlade zuzuschließen, den Schlüssel in die Tasche zu stecken, und erst dann den lieben Besuch zu begrüßen. Freilich stand H. bei den Werken der Wohlthätigkeit eine Frau zur Seite, eine Frau, wie keine zweite auf dem weiten Erdenrunde zu finden war. Ich hörte aus dem Munde des Rosch' BeSdin Rabbi Wolf Austerlitz b-D, daß die meisten herrlichen Eigenschaften, die H. besitze und hauptsächlich in onorr nibm, die habe er von seiner Frau gelernt. Die Frau Dr. H. hatte in Eisenstadt zwei Frauen, die mit dem Hause H. eng verknüpft und befreundet waren, sie hießen Gitel Tacher und Kehle Motley. Die beiden Frauen waren rmpnx vin, die sich ihr Leben lang mit Bestattung der Leichen, mit Krankenpflege und mit allen guten Werken befaßten. Von diesen frommen und wackeren zwei Frauen erfuhr die Rebezin, wer in der nbnp Roth hatte, und wem mit Geld zu helfen war. Die Eine, eine Wittwe, erhielt von Frau H. einige hundert Gulden leihweise Vorschuß im Sommer, und im Winter wurde das Geld nicht baar, sondern in gestopften Gänse zurückerstattet, und e« war Nie-