Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 58 (24.7.1899)
- Date
- 1899-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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W^MWMWNWWkW^MffMWNkM^'k^ ^ii>j> ... »> " •->- — -..- 1231 Feuilleton. iebet eure Wffeinde." -r)r-.q:-.K.. Eine apologetische Srzühlung rir H' K Von Avnolv Mtunn. 31) Nachdruck verboten. IX. Pfarrer Tettenborn war in einem schweren Jrrthum befangen, als er glaubte, der Holzhändler Robert Wegner werde nach seiner Trennung mit Feist ein frommer Christ und eifriger Kirchengänger werden. Nie war Wegner von einer gottesfürchtigen Gesinnung weiter entfernt, als in den Jahren, wo der Gegensatz zwischen ihm und Feist sich immer mehr verschärfte, der Spalt immer klaffender wurde, der ihn von dem ehemaligen Freunde schied. Wie konnte auch aus einer so unheilvollen Saat eine so herzerfreuende Ernte sprießen? Wi' konnte das Er' wachen religiöser oder auch nur sanftmüthiger Gefühle erwartet werden, wo der ganze Mensch von Haß und von wahnsinniger Lerfolgungssucht ungefüllt war? Hätte Pfarrer Tettenborn tiefer über die Unterredung nachgedacht, die er mit Seligmann Feist kurz vor der Reichstagswahl gepflogen, er hätte sich sagen müssen, daß eine Gesinnung, wie es die antisemitische ist, eine Gesinnung, die die Feindschaft weckt und nährt, nicht zur Gottheit hinführt, sondern vielmehr auf geradem Wege von ihr entfernt. Gott ist die Liebe. Wo der Haß blüht, da ist nicht Gott, da ist Gottlosigkeit, Sünde Verbrechen — —I Das war denn auch die Stufenleiter, auf der Wegner immer tiefer und tiefer sank. Es waren wenige Tage nach Feist's Abreise, als Pfarrer Tettenborn zu Wegner in das Komptoir trat. Er trug sich mit der Absicht, dem Holzhändler ins Gewissen zu reden, ihm gleichsam den Weg zur Kirche mit sanften Worten zu bahnen. Tettenborn hatte sich davon erzählen taffen, daß es mit Wegner stark bergab gehe. Da hielt er es für seine seelsorgerische Pflicht, zu retten, was noch zu retten war. Wegner war nicht wenig überrascht, als auf sein mürrisches „Herein" der Pfarrer über die Schwelle trat. „Guten Morgen, Herr Wegner," begrüßte ihn der Geistliche, „ich erlaube mir, ein bischen bei Ihnen vorzusprechen!" „Freut mich sehr, Herr Pfarrer, daß Sie mir die Ehre geben!" Wegner schob dem Pfarrer einen Stuhl hin und nahm selber Platz. „Ich höre, es geht Ihnen nicht besonder»", Hub dann der Pfarrer an, „wo fehlt s denn?" „Ueberall, Herr Pfarrer —" „Ueberall? Nun, ich denke doch, gesund sind Sie?" „Auch nicht, Herr Pfarrer! Seit einiger Zeit Hab' ich immer solches Herzklopfen, Herr Pfarrer, solche Angst! Ich meine manchmal ich müßte ersticken, Herr Pfarrer —" Wegner legte bei diesen Worten die Hand auf die linke Seite seiner Brust, als wollte er die Stelle bezeichnen, von wo jenes Angstgefühl seinen Ausgang nahm. „Na, fragen Sie doch mal den Doktor!" mahnte Tettenborn. „Mir kann kein Doktor helfen, Herr Pfarrer!" seufzte Wegner. Dann fuhr er nach einer kurzen Pause fort, immer noch die Hand auf der Brust: „Ehe nicht die heiße Gluth gekühlt ist, Herr Pfarrer, die da drinnen brennt — eher werd' ich nicht gesund —" Tettenborn hatte wohl in früheren Jahren von der zwischen Feist und Wegner erwachten Feindschaft gehört, glaubte sie aber, wenn auch nicht erloschen, so doch gemildert. Was er von den Leuten im Gespräch erfahren, das war die Kunde von dem geschäftlichen Rückgang Wegners. Man begreift also, wenn er die letzte Aeußerung des Holzhändlers mißverstand. Er sagte erstaunt: „Was hör' ich, Herr Wegner? Sie lieben wohl auf Ihre alten Tage?" „Nein, Herr Pfarrer," war die rasche Antwort, „ich liebe nicht — ich Haffe!" Wie das Zischen einer Schlange hörte es sich an, als dies Wörtchen über Wegners Lippen kam. Dabei trat in seine Augen ein unheimliches Flackern und zwischen seinen Brauen zog sich eine zornige Falte zusammen. „Nun, nun —" begütigte Tettenborn und machte mit der Hand eine beschwichtigende Bewegung, „der alte Zorn dürfte doch endlich verraucht sein?!" Der Geistliche hatte verstanden. Er gewahrte, daß in diesem unglückseligen Menschen die Gluth des Haffes immer noch nicht erloschen war. Da regte sich in dem Diener Gottes das seelsorgerische Pflichtgefühl und er erschrack über die Nachhaltigkeit einer Feindschaft, an deren Entstehen er selber doch mit schuld war. Dieses Erschrecken wurde nach tiefer, als er Wegner mit demselben Ausdruck der Verbiffenheit antworten hörte: „Der wird nie verrauchen, Herr Pfarrer, nie —" »Herr Wegner! Es steht geschrieben: „Liebet euere Feinde, segnet, die euch fluchen, thuet wohl denen, die euch Haffen!"