Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1899)
- Date
- 1899-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW 1219 schuhe zu bringen. Der Fürst hielt seinen Fuß hin, der Diener zog den Pantoffel aus. Statt aber den fürstlichen Fuß mit dem Schuhe zu bekleiden, wirst er sich auf die Kniee nieder, und streckt bittend die Hände empor. „Was willst Du c'" fragte der Fürst. „Durchlaucht", ruft der Sticfelwichser jammernd, „ich möchte halt gern des Hausmeisters Rösel heirathen." „Nun, was geht mich das an?" „Der Hausmeister will es nicht leiden, wenn ich nicht vorher 200 Dukaten habe." Fürst Kaunitz runzelte die Stirn. „Welch' eine Zumuthung!" sagte er. „Du verlangst doch nicht etwa, daß ich Dir die 200 Dukaten gebe?" „Nein, Durchlaucht, der Jude Oppenheim will sie mir geben, wenn Durchlaucht mir gestatten wollen, daß er hereinkomme und ein einziges Wort rede." „Du hast Dich bestechen laffen, schlechter Kerl, ich werde Ordre geben, daß Dir Fünfundzwanzig applicirt werden!" „O, Durchlaucht, ich laffe mir gern Fünfzig aufzählen, wenn nur der Jude hereinkommen darf, er will ja nur ein Wort sagen, nur ein einziges Wort!" „Was, nur ein Wort? wie will er das denn ansangen, nur mit einem Worte seine Bitte vorzutragen? das wäre ich doch begierig zu erfahren! Laß ihn hereinkommen." Der Stiefelwichser stürzte hinaus; zitternd trat Oppenheim in das Kabinet des gewaltigen Mannes. „Ah", sagte Kaunitz, „Sie sind Herr Oppenheim, der reiche Oppenheim, der weise Oppenheim! Sie wollen mir mit einem einzigen Worte eine Bitte vortragen? Ich habe mit den größten Diplomaten unserer Zeit verkehrt, ich habe mit den französischen, englischen, spanischen, schwedischen, holländischen Gesandten, ich habe mit den päbstlichen Legaten die verwickeltsten Verhandlungen gehabt — ein solches Kunststück hat noch keiner vollbracht. Wenn Ihr das könnt, Oppenheim, so sage ich: Ihr seid der feinste Diplomat. Nun, ich will Euer Wort hören, aber nur ein Wort, hört Ihr, nur ein Wort. Wenn Ihr zwei Worte sagt, so schlage ich es Euch rundweg ab. Ich kann mir denken, weßhalb Ihr kommt. Das Edikt zur Vertreibung der Juden aus Wien soll heute von Ihrer Majestät, meiner allergnädigsten Kaiserin, unterzeichnet werden. Heute ist Ministerrath. Zuerst wird der Finanzminister sprechen. Er wird auseinandersetzen, wie die Vertreibung der Juden den Finanzen des Reiches schaden wird; er wird die Kaiserin bitten, das Decret nicht zu vollziehen. Dann wird der Justizminister sprechen. Er wird nachzuweisen suchen, daß es Utrecht sein würde, unschuldige Menschen auf unzulängliche Klagen hin so hart zu bestrafen. Dann wirv der Kaiser das Wort ergreifen. Er wird mit lebhaften Färb n die Noth und das Elend schildern, denen Ihr entgegengeht; er wird an das gute Herz der Kaiserin appelliren und um Gnade für Euch bitten. Die Kaiserin wird das Alles lächelnd mit anhören und dann mich um meine Meinung fragen. Ich aber, ich bin ein Gegner der Juden, nicht aus religiösen, wohl aber aus politischen Gründen. Der österreichische Staat ist ein völkerreicher Staat. Alle diese Völker umschließt ein Band: der katholische Glaube. Durch diesen Glauben sind sie zu beherrschen, sind sie zu regieren. Deßhalb will ich Andersgläubige nicht in der Hauptstadt dieses Landes dulden. Und nun sprecht Euer Wort, Oppenheim, Euer einziges Wort: was soll ich für Euch thun?" „Schweigen"! sagte der Jude mit Nachdruck, ernst und feierlich. „Ah," ruft der Fürst, „Ihr seid ein feiner Diplomat, Ihr habt das Richtige getroffen. Geht ruhig nach Hause, Ihr werdet wohl in Wien wohnen bleiben dürfen!" Und es kam so, wie Kaunitz es vorausgesagt hatte. Als alle Minister zu Gunsten der Juden gesprochen, als Kaiser Franz an das gute Herz der Kaiserin appellirt hatte, da wandte sich Maria Theresia an den Fürsten Kaunitz und sprach: „Und was ist des Fürsten Kaunitz Meinung in dieser Sache?" „Majestät," antwortete der Fürst, „nachdem ich so gewichtige Gründe vernommen, kann ich wohl nichts anderes thun als schweigen!" Das Verbannungsdecret wurde nicht unterschrieben, die Juden durften in Wien bleiben und der Stieselwichser des Fürsten Kaunitz konnte des Hausmeisters Rösel heirathen.