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Der Israelit · 1899-06-12 · Heft 46 (12.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 46 (12.6.1899)
Date
1899-06-12
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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891 ganzes Leben lang nur Recht geübt habe, mein ganzes Leben lang nur auf gradem Wege gegangen bin, um nun einzusehen, daß mir für die krummen Pfade des Unrechts, auf dem unsere Feinde gehen, alles Verständniß fehlt. Ich kam hierher — ich gestehe es offen, um mein Judenthum zu vertheidigen. Nun bin ich hier und vertheidige es nicht, weil es mir viel zu heilig und zu theuer ist, um es gegen solche Vorwürfe überhaupt in Schutz zu nehmen! Nur auf das Eine weise ich Sie hin, daß der Stifter des Christenthums selber ein Jude war, und daß der Christ, der das Judenthum schmäht, damit auch dasjenige in den Schmutz zieht, was ihm heilig ist. Was ich aber eigentlich hier sagen will, das ist etwas rein Persönliches. Man hat hier von der werbenden Kraft des Antisemitismus gesprochen und als Beispiel dafür Herrn Holzhändler Wegner angeführt. Man hat gesagt, daß er früher ein Judenfr eund gewesen sei und nun zu den Judenfeinden gehöre. Nun wohl! Ich bin es, mit dem Herr Wegner befreundet war, das wissen die meisten von Ihnen! Da es aber nun nach den Worten, die man hier gesprochen, scheinen könnte, als sei die Wendung, die in Herrn Wegners Anschauung eingetreten ist, in thatsächlichen Vorkommnissen begründet, da es scheinen könnte, als hätte Herr Wegner in mir, den er früher wie einen Bruder geliebt, plötzlich mit gutem Grund einen hassenswerthen Menschen erkannt, so erkläre ich hiermit in aller Form, daß von meiner Seite nichts vorgefallen ist, was die plötzliche Wendung Wegners verschuldet hätte, ich erkläre — —" Weiter kam er nicht, denn er wurde durch ein heftiges Klingeln des Vorsitzenden unterbrochen. Wegner war kreidebleich aufgesprungen. Nun mußte er reden, nun mußte er's öffentlich ausrufen, wie dieser Jude an ihm gehandelt, dieser Jude, der nun so unschuldig thut. In weit heftigere Aufregung als Wegner selbst jedoch war bei den letzten Worten Feists, Paul Biesfeld gerathen. Zum Teufel! Der Jude verdarb ihm nun das ganze fein berechnete Spiel! Nun galt es, entschlossen zu sein und jede Diskussion zwischen Wegner und Feist zu verhindern, sonst kam der ganze Betrug ans Tageslicht. Mit einer energischen Bewegung, rücksichtslos über jede parlamentarische Form sich hinwegsetzend, drückte Biesfeld den Vorsitzenden wieder auf seinen Stuhl, als bäte er, ihm die Antwort zu überlassen. „Wir haben hier," schrieer dann mit der vollen Kraft seiner Lungen und wurde krebsroth über das ganze Gesicht, „wir haben hier eine antisemitische Versammlung und keine Judeuschule, in der Jeder anfangen kann mit seinem Gemauschel! Juden bekommen hier überhaupt nicht das Wort, noch dazu wenn sie die Redefreiheit derart mißbrauchen wollen! Unser verehrter Vorsitzender weiß, was er thut, er weiß, warum er Antisemit geworden, weiß, warum er mit dem Juden gebrochen hat. Und wenn der Jude hier in einer deutschen Versammlung einen echten, deutschen Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, als einen Waschlappen hinstellt, so ist das eine Gemeinheit, auf die ich nur die eine Antwort habe: Hinaus — hinaus mit demIuden!!" Bei diesen Worten entstand ein unbeschreiblicher Tumult. Ehe er noch recht zu sich selbst kam, sah sich Seligmann Feist von einem Haufen drohender Fäuste umgeben, und wer weiß, wie eS ihm ergangen wäre, wenn nichtein anwesender Polizist eingegriffen und den Bedrohten heil und ungefährdet auf die Straße geleitet hätte. „Nun sind wir wieder unter uns," fuhr Biesfeld dann etwas gelassener fort, „und nun frage ich Sie wieder, meine Herren, ob wir nicht wissen, waS wir thun! Nein, wir dürfen keine Judenknechte fein! Frei wollen wir werden und unabhängig. An diesem Juden aber, der unseren allverehrten Vorsitzenden geschmäht hat, an ihm könnet Ihr jetzt zeigen, Bürger von Göllheim, ob Ihr Männer seid. Dieser Jude muß noch bei Euch betteln, so reich er jetzt auch sein mag. Ein ehrlicher Deutscher darf bei diesem Juden nichts mehr kaufen! Das sei der Entschluß, den diese Stunde in Euch allen reifen möge, auf daß Euch wohl werde, jenem Juden aber seine Dreistigkeit recht übel bekomme!" Ein trönendes Wirrwarr von zustimmenden Rufen war die Antwort auf diesen unerhörten Appel. Paul Biesfeld war wieder einen Schritt weiter vorgerückt. Ter Abend war nicht umsonst gewesen. Seligman Feist aber beschloß auf dem Heimwege, nie in seinem Leben wieder eine antisemitische Versammlung zu besuchen. VII. Während der Wintermonate war mit Hochdruck gearbeitet worden. Der Erfolg jener ersten Versammlung im „Löwen" war ermuthigend genug gewesen. Und nicht nur in Göllheim selbst, sondern auch in den Dörfern, ja in den winzigsten Marktflecken und Gehöften des Wahlkreises wurde eine agitatorische Thätigkeit von Person zu Person entfaltet, die zu den zuversichtlichsten Hoffnungen berechtigte. Der Candidat der Partei stellte sich vor, hielt seine Programmrede, deren Charakter zwar etwas gemäßigter erschien als der der BieSfeld'schen Wahlreden, die aber doch an Deutlichkeit und Entschiedenheit der politischen Richtung nichts zu wünschen übrig ließ. So rückte allmählich der Wahltermin heran, dem Paul Biesfeld und Theodor Görbig — wir wissen warum, — mit einer geradezu fieberhaften Spannung entgegensahen. Der fünfzehnte Februar, ein Montag, sollte die große Entscheidung bringen

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