Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1899)
- Date
- 1899-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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867 Feuilleto«. iebet eure Weinde." -»-.«—H-- Eine apologetische Erzählung. -$"»#-.#» Von N^nolds Hann 18) Nachdruck verboten. „Hier sehen Sie, meine Herrn", donnerte Biesfeld in den Saal, indem er brüderlich den Arm um Wegners Hals legte, „hier sehen Sie in unserem allverehrten Vorsitzenden, welche Kraft unserer Bewegung inne wohnt, ihn hat sie aus einem Saulus zu einem Paulus gemacht, ihm hat sie die Augen geöffnet, daß er sehend wurde und mit Schrecken den Irrweg erkannte, auf dem er bis dahin in unbegreiflicher Blindheit gewandelt war. Er war ein Judenfreund, wie nur je einen die Erde getragen, ja, er hatte seine Vorliebe für Juden und Judenthum so weit getrieben, an jüdischen Sitten und Gebräuchen theilzunehmen. Er war im Umgang mit einem Juden beinahe selbst zum Juden geworden, auch ohne die Beschneidung, dieses Schandmal einer zivilisierten Gegenwart, diesen himmelschreienden Ueberrest aus einer barbarischen Vorzeit! Und diesen Mann sehen Sie heute an der Spitze dieser Versammlung. Wie freudig pochet sein Herz, daß er sich seinem Vaterlande zurückgerettet hat, daß er in treuem Kampfe die heimathliche Erde vertheidigt gegen ihren schlimmsten Feind, gegen den Feind, der Schritt um Schritt von ihr Besitz nimmt, um von ihr aus die seit Jahrtausende ersehnte Herrschaft über die Welt anzutreten! Jawohl, meine Herren, unser lieber Herr Wegner hat sich innerlich emporgeschwungen zur Freiheit, er ist gewillt, bis aufs Blut diese Freiheit zu vertheidigen gegen den Sklaven- und Schachergeist, der sie vernichten und zerstören will! Fürwahr, meine Herrn, wenn je ein Ort in unserem heißgeliehten Vaterlande die segensreiche Wirkung dessen, was wir wollen, erfahren hat, so ist es unser Göllheim! Wenn je irgendwo sich offenkundig gezeigt hat, was eine solche aus dem Innersten der Volksseele sich herausringende Bewegung vermag, so war es hier in Göllheim! Und darum, meine Brüder, wird dieses Göllheim von dieser Stunde an ein Mittelpunkt und ein Stützpunkt der erhabenen Idee sein, für die wir kämpfen bis aufs Blut! „Meine Herren! Sie alle haben vielleicht einmal ein winziges Steinchen in eine Wasserfläche geworfen. Da haben Sie wohl auch beobachtet, wie von der Stelle, wo das Steinchen das Naß berührt hat, sich leise Wellen immer weiter und weiter dehnten, wie die Bewegung immer größere und größere Kreise zog und allmählig über die ganze Fläche sich verbreitete. Stärker noch wird diese Wellenbewegung, wenn zu dem Wurf des Steinchens noch ein scharfer Luftzug hinzukommt, ein Windstoß, ein Sturm! Nun wohl, hier in unserem Göllheim vereinigt sich Beides: zu dem Steinchen, welches wir Welterfahrenen, Weitgereisten in die Fläche der Bürgerseele geworfen, gesellt sich nun ein Sturm! Ja, der Sturm, meine Herren, der Sturm der Entrüstung! Er hat Ihre Seele gefaßt mit unwiderstehlicher Gewalt, und er wird hinwegtoben über alles, was sich ihm entgegenstellt und wird es zerschellen und zerstieben machen, daß kein Atom davon übrig bleibt! „Sie verstehen mich, meine Herren! Ich habe genug gesprochen! An Ihnen ist es nun, durch die That zu beweisen, daß Sie alle, Mann für Mann, würdige Söhne unseres Volkes und unseres Vaterlandes sind! Ihr hochverehrter Mitbürger ist Ihnen leuchtend vorangegangen! Folgen Sie ihm nach, und Göllheim wird noch in späten Tagen gepriesen werden als eine wackere, als eine echte, deutsche Stadt!" Todtenftille trat ein, als Biesfelds mit theatralischem Pathos seine Rede geschloffen hatte. Diese einfachen Naturmenschen waren überwältigt. Ihr Auge hing förmlich an dem Munde des begeisterten Sprechers, man konnte geradezu beobachten, wie sie seine Worte aufsaugten und mit ihnen das Gift, welches auf dem Grunde dieser Worte ruhte. Die Gesichter glühten höher und höher, die Augen leuchteten, der Athem schien zu stocken, hin und da sah man eine auf dem Tische aufliegende Hand sich zu kraftvollem Drucke schließen, als wollte sie etwas erdrücken oder zermalmen! Endlich, nach einer schwülen, ahnungsbangen Pause, brach es los,, das Ungewitter des Beifalls, und es entlud sich in einem Lärm, dessen Tosen die Wände erzittern machte; eS war eine elementare Demonstration ohne Gleichen: man klatschte, trampelte, schrie und rief — man sprang über Tische und Stühle weg — jeder wollte der erste sein, um dem großen Redner die Hand zu drücken. Der aber saß da und nahm mit der lächelnd-gnädigen Miene eines Triumphators all die Huldigungen entgegen. Nun war ihm der Sieg sicher. Biesfeld flüsterte endlich, als der Sturm sich ein wenig abzuschwächen begann, dem Vorsitzenden einige Worte zu. Robert Wegner schwang aufs Neue die Klingel. „Wünscht Jemand das Wort zur Diskussion?" Alles rennt aus seine Plätze zurück und wartet gespannt. Da tönt es aus einer entfernten Ecke des Saales: „Ich bitte um das Wort!