Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1899)
- Date
- 1899-05-31
- Page
- Seite 817 (sequence 7)
- Language
- German
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817 Vögel schienen vor der Sonnengluth ihre behaglichen Nester aufgesucht zu haben. Es war ein Bild stillen, lautlosen und regungslosen Friedens — und doch lag es im Aether wie die bange, herzbeklemmende Vorahnung eines stürmischen Unwetters mit zuckenden Blitzen und rollendem Donyer. Ob das kleine, weiße Wölkchen dort am Horizont das Schreckliche in sich barg, ob es der winzige Vorbote schwarzen, verderbendrohenden Gewölkes war-" Das böse Bündniß, welches die beiden Männer da oben auf der Höhe in diesem Augenblick schlossen, schien eine deutliche, keiner Hoffnung raumgebende Antwort auf diese Frage zu sein. „Nun kommen Sie, mein lieber Wegneri" schnitt Biesfeld stehen bleibend, dem Eifernden das Wort ab, schlau den Höhepunkt seiner leidenschaftlichen Erregung benützend, „nun kommen Sie, reichen Sie mir Ihre Rechte. So," setzte er feierlich fort, als Wegner seiner Aufforderung ohne jedes Weigern gefolgt war, „so! Nun sind Sie ganz der Uns'rige zum heiligen Werke der Befreiung, Ihr Handschlag sei ein bindender Eid, der uns zusammenknüpfe bis zum letzten Athemzug —!" „So sei es!" entgegnete Wegner, von der feierlichen Tonart angestcckt, welche Biesfeld angeschlagen hatte. Ein kräftiger Händedruck, gegeben und genommen, besiegelte das Bündniß. Dann schritten die Beid.n in einer Art stummen Ergriffenheit fürbaß, Wegner das Auge zu Boden gesenkt, Biesfeld aber mit einem triumphircnden Blick das Bild des friedlichen Göllheim da unten umfassend. VI. An einem vornehmen Hause der Leopoldstraße zu H. prangte zur Rechten der reichverzierten Eingangsthttre ein großes, ovales Emaille-Schild, auf dem in weithin sichtbarer Schrift zu lesen stand: „Dr. Benedikt Kaufmann, praktischer Arzt." Der Sohn des schlichten Gollheimer Handelsmanns hatte in regelmäßigem, fleißigen Studium seine Universitätsjahre absolvirt — in Würzburg, Bonn und Berlin — das Staats- und Doctorexamen mit vorzüglichem Erfolge abgelegt und sich dann in H. als Spezialarzt für Augenkrankheiten niedergelassen. Dank seiner außerordentlichen Thätigkeit bekam er bald eine ziemlich einträgliche Praxis, die sich von Tag zu Tag vergrößerte. Einige schwierige Operationen waren ihm geglückt und das hatte seinem Ruf eine Verbreitung gegeben, die weit über das Weichbild der Stadt hinausreichte. Heute, wo uns das weiße Schild in's Auge fällt, an einem ziemlich heiteren Oktobertage, hielt die Sprechstunde allerdings ein blutjunger Vertreter ab, Dr. Kaufmann selbst war verreist. Das nahe Göllheim, die Heimath, war das Ziel seiner Reise gewesen und der freundliche Leser weiß es, was nächst dem Elternhause den jungen Arzt in das Städtchen wohl hinauslockte. Der Sommer war vergangen. Er hatte einige schwere Hagelunwetter über die blühende Gegend herabgesandt, die Ernte, obgleich sie schon zu Garben gebunden war, lag so gut wie vernichtet, die Trauben waren in Folge des kühlen August nicht reif geworden, und abgesehen von etwas Steinobst, das den Stürmen widerstanden hatte, war das gesummte Erträgniß der Gollheimer Landwirthschaft geradezu kläglich ausgefallen. Es war wie ein Verhängniß, daß die leblose und fühllose Natur in den Herzen der Bauern die Verbitterung und die Unzufriedenheit noch steigerte, die von Seiten der niedrigen Selbstsucht feiler Menschen in ihnen künstlich erweckt war. So waren die hohen Festtage mit ihren herz- und gemüthbewegenden Gedankeninhalt vergangen. In der Synagoge zu Göllheim war seit langen Jahren nicht mit solcher Inbrunst gebetet worden, wie dieses Mal. Als Seligmann Feist, der nach alter Gewohnheit die Schacharis Gebete vortrug, mit einem Verständniß und einem Gefühl, das die Gemeinde mit fortriß — als Seligmann Feist am ersten Tage des Neujahrsfestes zu jenem Gebetstück gekommen war, in welchem wir „unsrem Vater und König" die tiefinnigsten Bitten unserer Seele darlegen und es aus Feist's Munde zitternd hervordrang: „Unser Vater, unser König, zerstöre den Rathschlag unsrer Feinde.' Unser Vater, unser König, halte ab von uns jeden Hasser und jeden Ankläger —" da stimmte die Gemeinde klagend ein und wie ein tiefes, herzbeklemmendes Aufseufzen ging es durch die Reihen der andächtigen Beter! Das Laubhüttenfest hatte die Herzen der Bedrängten mit freudiger Hoffnung erfüllt — und an einem der Halbfeiertage dieses Festes war es gewesen, als Dr. Kaufmann zum Besuche der Eltern und Freunde nach Göllheim gereist war. In der ziemlich geräumigen Sukkah, welche Seligmann Feist in diesem Jahre zum ersten Male ohne die freundliche Beihülfe Robert Wegners geschmückt hatte und in der deswegen ganz besonders die großen Kürbisse fehlten, saß eine fröhliche Gesellschaft. Es waren die Glieder der zwei Familien, deren Kinder vor einer Stunde in weihevollem Verlobungsact ihr Herzensbündniß besiegelt hatten. Frau Hannchen hatte ihre ganze Kunst als Köchin aufgeboten, ein solennes Verlobungsmahl hatte diese beglückten Menschen einige Stunden in stimmungsvoller Tafelrunde beisammen gehalten. Seligmann Feist war als Festredner aufgetreten und hatte den Gefühlen, die in den Herzen lebten, treffenden Ausdruck verliehen, die Gläser hatten froh und ver-