Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1899)
- Date
- 1899-05-31
- Page
- Seite 811 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448992--48360-2498768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'XI*. Jahrgang. M 43. Der Israelit. Ein Hentrat-Hrgan für das orthodore Iudenlhum. Begründer von Dr. Sämann in fttutni. Mittwoch, de« 31. Mai 5659 fl899). Leitender Artikel. Unverschämt. Mainz, 30. Mai. Ein katholisches Blatt hat vor einiger Zeit mitaetheilt, daß Graf Clemens zu Droste-Vischering dem Pabste zwei Flaschen alten Rheinweins gesandt habe, die in der Reconvalescenz gute Dienste geleistet hätten. Daran knüpft die „Berliner Volkszeitung" einige unverschämte Bemerkungen des Inhalts: Sie ersehe daraus mit Vergnügen, daß die Droste-Vischering- und mit ihnen zahlreiche Katholiken heute mehr Vertrauen in die Heilwirkung alten Rheinweins als in die ihres Gebetes setzen, daß auch vom heiligen Vater, ein GlaS guten Rheinweins für ein angenehmeres Stärkungsmittel gehalten werde, als die feierlichste Messe, und noch einige ähnliche Erbärmlichkeiten. Wir sind aus die erstaunte Frage gefaßt, was das alles den „Israelit" und seine Leser angehe und gestehen gerne, daß wir es selbst nicht wußten, bis wir durch einige ebenfalls nicht sehr v.rschämte Glossirungen dieser Notiz in katholischen Zeitungen eines anderen belehrt wurden. Obwohl bis zur Stunde nirgends behauptet oder gar erwiesen wurde, daß diese rohen Bemerkungen über Gebet und Messe von einem Juden herrühren, so genügt einer Anzahl von katholischen Blättern die bloße Thatsache, daß der Verleger der Berliner Volkszeitung ein Jude ist, um über „Jüdische Frechheiten" ihre Spalten mit Klagen und Drohungen zu füllen. So sehr uns eine derartige Beschimpfung von religiösen Bräuchen und Einrichtungen auch aus tiefster Seele zuwider ist, so hart und so entschieden wir sie auch verurtheilen, gehe sie aus, von wem auch immer, so können wir doch nicht umhin das Gebühren ebenso rückhaltlos zu verurtheilen, das einen solchen Anlaß ausschlachtet, um von „jüdischen* Frechheiten zu sprechen. Die „Berliner Volkszeitung" wird nicht von Juden und nicht für Juden redigirt; ihr verantwortlicher Redakteur ist ein Christ, der sein Blatt für christliche, jüdische, konfessionS- und religionslose Leser schreibt. Spezifisch jüdische Blätter sind ausschließlich diejenigen, welche von Juden für Juden herausgegeben werden, wie z. B. der „Israelit" und andere. Entscheidet aber die Religion des Verlegerwirklich über den religiösen Charakter des in seinem Verlag erscheinenden Blattes, dann war auch der „Israelit", der lange Jahre in dem Verlage eines christlichen Verlegers erschien, ein christliches Blatt! Man sieht, zu welcher Absurdität Abgeschnlacktheiten dieser Art führen. Nehmen wir aber einmal an, es habe wirklich eine jüdische Hand diese Unverschämthüten niedergeschrieben, hätte man selbst dann ein Recht von jüdischen Frechheiten zu sprechen? Dürfen wir Juden nicht ebenso gut unseren Pöbel haben, als die Bekenner anderer Religionen? Ist es je einem Juden eingefallen, das Christenthum für die Rohheir^pch Schlechtigkeit verantwortlich zu machen, welchem einer eigens zur Beschimpfung der Juden gegründeten Presie, gewissenlose Skribler tagtäglich an den Bekennern des Iudenlhum verüben V Wir wissen, daß diese Verleumder und Ehrabschneider keine christliche, sondern unchristliche Frechheiten begehen, wenn sie für feilen Sold, Haß und Zwietracht zwischen den Angehörigen eines und desselben Staates säen. Wir wissen, daß diese Elenden nicht auf Grund ihres ChriftenthumS ihre Schlechtigkeiten begehen, daß sie die Moral, die Tugenden, und die offenkundigen Vorschriften des Christenthums mit Füßen treten